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Die Reportage | Beitrag vom 21.07.2019

Hochzeit à la carteNicht ohne meinen Festredner

Von Elin Hinrichsen

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Ein Hochzeitspaar sitzt an einem Tisch, eine Rednerin steht dahinter. (Elin Hinrichsen)
Feierlich, aber nicht kirchlich: Immer mehr Paare entscheiden sich für eine freie Trauung. (Elin Hinrichsen)

Die Hochzeit soll der schönste Tag im Leben werden: Aber immer mehr Paare wollen sich das Jawort nicht mehr in der Kirche und vor Gott geben, sondern vor Freunden. Sie vertrauen sich freien Rednerinnen und Rednern an. Ein Berufszweig, der boomt.

14 Männer und Frauen stampfen, stapfen, brummen und johlen - sie bewegen sich im Kreis und machen Töne, die tief aus dem Bauch heraus kommen. Eine Basisübung für angehende Rednerinnen und Redner. Auf die Teilnehmer des Kurses wartet ein spannender neuer Job. Sie alle wollen lernen, wie man vor vielen Menschen spricht und feierliche Zeremonien hält; fernab der Kirche, ganz ohne lieben Gott.

Die Stimme gehört in den Bauch, nicht in den Hals

Lektion eins: Wenn kurz vor Beginn einer Trauung oder einer Beerdigung die Stimme nicht im Bauch wohnt, sondern im Hals kiekst, dann wird das nichts mit dem großen Auftritt. Die Bauchstimme verbreitet Wohlfühlatmosphäre, das Kieksen Nervosität. Und das ist ganz schlecht.

In Köln in einem gediegenen Hotel am Rande der Stadt ist die Stimmung locker, aufgeheitert und freundlich.

"Ich konnte die Nacht kaum schlafen vor Freude, wirklich", sagt Martin Lieske, der Seminarleiter. Er schmunzelt und winkt seine Teilnehmer zu den Tischen. "Ich freu mich so riesig, weil die Leute, die natürlich kommen, die sind sehr offen, das sind jetzt keine verschlossenen Typen, sondern die sind offen, sind neugierig und es macht mir einen Riesenspaß, mit ihnen gemeinsam diesen Schritt zu gehen."

Ein als Brautpaar verkleidetes Paar sitzt vor einer Rednerin. (Elin Hinrichsen)Wir üben noch: Im Kurs für freie Redner wird eine Probehochzeit inszeniert. (Elin Hinrichsen)

Lieske ist einer der Pioniere der sogenannten "Freien Trauung", also der persönlichen, nicht-konfessionellen Hochzeitszeremonie. Und dies hier ist der erste Tag in seinem Kompaktseminar. Gerade haben sich die Teilnehmer in der großen Runde noch vorgestellt und jetzt geht es auch schon in die Vollen.

"Ich kann mir vorstellen, dass ihr das schon gefragt worden seid: Warum darfst du denn eigentlich trauen? Wer sagt denn, dass du trauen darfst? Ich möchte euch ein bisschen Verständnis geben von dem Beruf, den ihr jetzt erlernt und dann in einer Woche ausführen werdet."

Freie Trauungen liegen im Trend 

Alle sitzen auf ihren Plätzen, an den schweren Holztischen, die in einem Halbrund aufgestellt sind. Darauf die Namensschilder, Wasserflaschen und jeweils ein Aktenordner, schlicht und edel in hellbrauner Pappe gebunden, für die Unterlagen. Aber keiner schreibt mit. Alle lauschen.

"Es gibt drei Stellen, die Trauungen durchführen in Deutschland. Da ist einmal das Standesamt. Warum darf das Standesamt das, wer gibt dem Standesamt die Autorität zu trauen? Ich sage mal, der Staat mit seinen Gesetzen. Der Staat ermächtigt das Standesamt zu trauen."

Lieske steht vorne, an einem Flipchart. Er malt mit einem roten Stift – Wörter, Pfeile und Kästchen auf das karierte Papier.

"Auch bei der freien Trauung müssen natürlich die Leute zum Standesamt, das wissen wir. Sonst sind sie vor dem Gesetz und vor dem Staat eben nicht verheiratet. Das nächste ist die Kirche. Die traut auch das Brautpaar und bekommt ihre Autorität von - sie behaupten Gott. Entschuldigt mir das kleine Fragezeichen."

Ein smarter Typ, ein Meter 90 groß, schlank, kurze Haare, modische Brille, dunkles Hemd Turnschuhe. Ein Typ mit Charisma, einer, der früher schon Trauungen durchgeführt hat - als Pastor in der Kirche.

"Das Standesamt dient dem Staat und bekommt die Autorität vom Staat. Die Kirche dient Gott und bekommt die Autorität von Gott. Der freie Redner dient dem Brautpaar und bekommt die Autorität vom Brautpaar. Das Brautpaar entscheidet! Wer die Entscheidung am Ende in allen drei Fällen trifft, ist immer das Brautpaar."

Lieske schmeißt den Stift hin, Mission erfüllt.

Eine Frau in ihrem Büro vor einem Karton (Elin Hinrichsen)Die freie Rednerin Elena Böcker hat sich auf Trauungen spezialisiert. (Elin Hinrichsen)

Elena Böcker hat das geschafft, wovon die Teilnehmer des Seminars in Köln noch träumen. Sie hat vor fünf Jahren ihre Ausbildung beendet, heute ist sie eine gefragte Trau- und Trauerrednerin. Jetzt gerade braucht sie den perfekten Ausdruck der Rede, die sie morgen bei einer Hochzeit vor 70 Gästen halten wird. Sascha und Sandra werden sich das Jawort geben.

"Die wird schön formatiert, die wird ausgedruckt, dann wird die gebunden und dann bekommt das Paar die als Geschenk - nach der Trauung."

Das Konzept ist pleiten-, pech- und pannensicher

Sie fleddert nebenbei ihre Hochzeitsmappe. In den Plastikschubern steckt noch – Blatt für Blatt - die Rede vom vergangenen Wochenende, und die muss raus, damit Platz ist für Sascha und Sandras Rede. Die Mappe ist außen weiß und hat innen Platz für locker 30 bis 40 Seiten. Ziemlich viel Fummelei das alles, aber dafür ist die Mappe, wenn sie erstmal bestückt ist, pleiten- pech- und pannensicher, das ist wichtig. Elena Böcker lebt vom Reden halten, sie macht im Jahr rund 50 Trauungen.

"Ich hatte auch schon Seniorenbrautpaare, die schon 33 Jahre zusammen sind - und sich dann mit 60 das Jawort geben. Ich hatte auch schon Ehe-Erneuerungen, die dann zur Silber- oder Gold-Hochzeit sagen, okay wir möchten uns nochmal ein Eheversprechen geben."

Die Nachfrage nach freien Trauungen ist riesig und der Markt wird voraussichtlich weiter wachsen. Elena Böcker ist für die laufende Saison komplett ausgebucht. Sie musste heute gerade wieder einem Paar absagen. Sascha und Sandra aber, die haben sich rechtzeitig gemeldet.

In einem Saal stehen Gläser und Teller auf dekorierten Tischen  (Elin Rosteck)Der Festsaal ist geschmückt für die "perfekte" Hochzeit. (Elin Rosteck)

Sandra Pauly und Sascha hieven eine von fünf Klappkisten aus dem Auto. Es ist noch so viel zu tun. Sie feiern morgen ihre Hochzeit. Kiste für Kiste schleppen sie in den Gasthof: Süßigkeiten, Chips, Deko-Artikel und wer weiß, was alles.

Es soll ein rauschendes Fest werden, mit allen Freunden und Verwandten und ihr Eheversprechen geben sie sich hier, im Schützenhof Remscheid. Sascha wollte gerne eine freie Trauung.

"Ich bin vor zehn Jahren aus der Kirche ausgetreten. Darum war für mich klar, dass ich nicht kirchlich heirate, da die Frau aber doch gerne noch irgendwie mit weißen Kleid heiraten wollte, blieb uns ja nur eine freie Trauung. Aber ist für mich auch persönlicher vor Freunden das Ganze zu machen anstatt vor Gott."

Es soll eine Traumhochzeit werden

Sandra guckt nach den Stühlen und den Sitzreihen - ein breiter Mittelgang ist frei gehalten.

"Morgen fängst du voll an zu heulen, wenn wir hierher laufen, so mit dem Vater an der Hand! Der hat auch schon gesagt, du musst mich nach vorne bringen, nicht ich dich. Der ist auch so aufgeregt!"

Noch zwei Stühle mehr, dann ist Sandra zufrieden. Sie legt noch ein Taschentuch auf jeden Platz, in weiß-fliederfarbener Verpackung - für den Fall der Fälle. "Freudentränen" steht darauf, eine Idee des Grafikers. Es soll eine Traumhochzeit werden. Sie haben sogar eine Sängerin für den Einzug der Braut und den Auszug der Eheleute gebucht. Seit einem Jahr planen sie. Vor einem Jahr haben sie auch Elena Böcker das erste Mal getroffen, ihre Traurednerin.

In ihrem Büro vorne am Fenster auf dem grünen Sofa empfängt Elena Böcker für gewöhnlich ihre Traupaare. Zum ersten Beschnuppern und auch zum ausführlichen Traugespräch, wenn die Chemie stimmt. Bei Sascha, Sandra und Elena hat sie gestimmt.

"Ja sehr, es schon ein tolles Brautpaar, sehr lustig, die haben eine schöne gemeinsame Geschichte. Ich habe ein tolles Ritual und ich glaube, da könnten sowohl Freudentränen als auch Emotionstränen fließen."

Eine Braut im weißen Kleid mit Schleppe tritt durch eine Tür  (Elin Rosteck)Alle warten - und dann kommt die Braut. (Elin Rosteck)

Das Ritual ist ein Fotobuch. Sascha und Sandra reisen gerne und sie haben Fotos ausgesucht, die die Stationen ihrer Liebe dokumentieren. Das Reisen ist auch der rote Faden für Elena Böckers Rede.

"Das erste Bild klebe ich in der Trauzeremonie ein, um das Buch zu eröffnen und die restlichen klebe ich halt schon vorher ein, damit das nicht zu lange dauert."

Der erste gemeinsame Abend auf einem Firmenmeeting vor einer Fotowand. Sascha und Sandra mit Strohhut und einem Drink in der Hand. Nächste Station: Saschas erstes eigenes Auto, denn die Liebe der beiden beginnt als Fernbeziehung. Und dann ein Foto mit Umzugskisten in der ersten gemeinsamen Küche. Sandra hat Sascha vom Niederrhein ins Bergische Land gelockt, nach Remscheid.

Elena Böcker wird die Geschichte der beiden noch mal lebendig machen. Und zu jedem Foto ein Zitat schreiben. Sie zieht ihren Laptop zu sich heran und öffnet eine Excel-Datei: ihr Zitatfundus. Mit der Selbständigkeit vor fünf Jahren hat sie direkt angefangen, gute Sprüche und Sätze zum Thema Hochzeit zu sammeln. Ganz unten wird sie fündig.

Rituale sind wichtig im Leben

"'Der schönste Moment ist der, wenn man plötzlich im Herzen eines Menschen nicht mehr zu Gast, sondern zu Hause ist'. Das kann ich auch aus eigener Erfahrung bestätigen. Wenn man sich zusammen einrichtet, sich sein eigenes Nest baut, dann lernt man natürlich auch die Gemeinsamkeiten und Gegensätze und die Stärken und Schwächen des anderen kennen. Aber das ist ja auch was Spannendes und Besonderes und deswegen ist das schon immer ein wichtiger Moment, da gehe ich auch in der Rede immer drauf ein auf diesen Moment."

Elena, gelernte Eventmanagerin, hat nach der Geburt ihres Sohnes einen Beruf mit familienfreundlichen Arbeitszeiten gesucht. Bei der IHK macht sie eine Fortbildung zur Hochzeitsplanerin und hört dort zum ersten Mal auch von der Tätigkeit der Trau- und Trauerrednerin. Das war’s! Sie bucht einen Kurs.

Braut fotografiert Traurednerin (Elin Rosteck)Auch die Traurednerin gehört zum "großen" Tag dazu und wird abgelichtet. (Elin Rosteck)

Es gibt keine einheitliche Ausbildung, aber wer sich für den Beruf entscheidet, muss Schritt für Schritt lernen und braucht auch Schulung in der Praxis - so wie in Köln beim Seminar von Martin Lieske. Steuerrecht und Marketing, Brainstorming und Stichwortsammlung für eine Rede haben die Teilnehmer des Kurses schon hinter sich, und vor allem auch die Bedeutung der drei häufigsten Zeremonien, die sie später ausführen werden: die Trauung, die Trauerfeier und das Kinder-Willkommensfest.

Vorne am Pult steht eine Teilnehmerin und übt. Sie verhaspelt sich. "Du machst das gut, du hast eine tolle Ausstrahlung", ermuntert Johanna. Sie ist Stimmtrainerin, Sängerin und die Ehefrau von Martin Lieske, dem Trainer. Die Teilnehmerin setzt noch einmal neu an. 

"Heute ist der 27. 5. 2019. Wir freuen uns alle, die wir gekommen sind als eure Trauzeugen. Sabrina, sowie deine Mutter Sabine und Karl-Heinz genauso wie von …. Ach, vergessen!"

Die Teilnehmerin vorne verzweifelt gerade. Sie ist 28, hat zwei Kinder und unterstützt ihren Ehemann seit zehn Jahren dabei, seinen Frisiersalon zu führen. Jetzt aber will sie sich ein eigenes Standbein aufbauen. Was, wenn sie den Faden verliert, bei einem echten Brautpaar? Johanna versucht es nochmal.

"Am besten ist es, wenn du erst mal das Brautpaar begrüßt mit Namen: Matthias und Marion. Ihr seht super aus, wie schön, dass ihr da seid."

Martin Lieske guckt entspannt zu, aus der letzten Stuhlreihe dieses improvisierten Hochzeitssaales. Er setzt auf Persönlichkeit. Seine Teilnehmer hier sollen entdecken, was in ihnen steckt, wer sie wirklich sind. Dann kommen sie beim Reden auch so rüber: authentisch, unaufgeregt, ganz sie selbst. Das ist sein Erfolgsrezept. Und man braucht eines, sagt er, denn "freier Redner", das ist kein geschützter Beruf. Jeder kann sich so nennen und Anbieter schießen überall wie Pilze aus dem Boden. Auch für Ausbildungen.

Ausbildung zum freien Redner ist nicht geschützt

"Scheitern ist nicht schlimm, es findet in diesem geschützten Rahmen statt und wir alle zusammen werden diese Person wieder aufbauen und ihr ganz viel Mut machen, so dass sie morgen einen neuen Versuch macht. Das ist dann das ganz Wichtige, dass man dann innerhalb dieses Seminars auch merkt, ich stehe wieder auf und ich probiere es jetzt nochmal."

Aber die junge Frau gibt auf, für den Moment zumindest. Ihr Traum, vor Brautpaaren zu reden, rückt gerade in weite Ferne. Sandra und Sascha dagegen kommen im Schützenhof in Remscheid der Erfüllung ihres großen Traumes immer näher.

Sandra liefert der Floristin gerade noch ein paar Vasen an. Die zaubert aus zarten Blüten in Weiß und Flieder Hingucker fürs die Festtafel.

"Meine Lieblingsfarbe ist Flieder - und Türkis. Und ich hatte die Wahl, was ich da nehme, und da habe ich gesagt, Türkis ist ein bisschen kitschig, deswegen haben wir jetzt alles in Flieder, weil der Strauß wird auch in den Farben sein. Die Einladungen sind ja so, die Menükarten, es ist alles in Weiß-Flieder gehalten, dezent. Und ich denke für Männer ist das dann auch ok."

Das Hochzeitspaar geht mit einem Glas in der Hand über den Hof (Elin Rosteck)Happy together - die Frischvermählten kurz nach der Trauung. (Elin Rosteck)

Ab in den Festsaal. Die zehn Tische sind schon festlich eingedeckt, ganz in Weiß. Die Gläser glänzen, das Besteck ist vorgelegt und am auffälligsten sind die prunkvollen, mehrarmigen Kerzenleuchter, auf jedem Tisch mittendrauf einer. Wenn jetzt zu Tischnummer und Menükarten noch je drei Vasen mit Blumenschmuck auf die Tische dazukommen, könnte es eng werden. Trotzdem, Sandra öffnet eine Plastikverpackung.

Ein richtiges Brautkleid muss sein

Sie legt Steinchen für glitzerndes Steinchen in Fliederfarben sorgsam auf die Tische. Alles soll funkeln und strahlen.

"Als ich klein war, war ich mal auf einer Hochzeit, dann durfte ich das Brautkleid von der Braut mal anziehen und den Schleier und dann hat man sich in diesem Kleidchen gesehen, dann war man hin und weg und auch wenn man das im Fernsehen sieht. Ich bin immer ein Mensch, ich muss mitweinen, auch jetzt hier wo das Prinzen-Pärchen geheiratet hat, da habe ich Rotz und Wasser geweint, weil ich das einfach schön und emotional finde. Ich glaube, das ist einfach der Traum einer jeden Frau einmal so ein Kleid anzuhaben. Und der wird mir jetzt erfüllt morgen."

Sascha lächelt, ein stiller Typ in Jeans und Pullover, schlank, hochgewachsen. Seine Brille ist gerade mal wieder beschlagen, vor lauter Aufregung. Eigentlich, so erzählt er, hatte er nie heiraten wollen.

"Wenn sie den Wunsch hat, dann ist das okay und Feste feiern tue ich auch gerne. Sie ist für mich die Traumfrau, sonst hätte diesen Schritt nicht gewagt."

Sandra hält seine Hand. "Da könnte ich jetzt in Tränen ausbrechen, er ist ein sehr emotionaler Mensch, er sagt mir solche Sachen und das ist für mich nicht selbstverständlich und ich liebe den einfach so, wie er ist, mit allen Ecken und Kanten. Wir haben uns ja erst im späteren Alter kennengelernt und wir ergänzen uns unfassbar gut. Er ist mein Deckel."

Sie ist 39, er 36 und beide feiern gerne. Der Höhepunkt des durch und durch perfekt gestalteten Festes soll aber die Hochzeits- oder Traurede von Elena Böcker werden.

Der Druck ist hoch vor so einem Ereignis. Das spüren auch die Schülerinnen und Schüler im Seminar zum Freien Redner – obwohl sie erst Trockenübungen machen. Peter hat sich als nächster freiwillig gemeldet, der älteste in der Gruppe. Er ist 63, Kaufmann, Ingenieur und Waldorflehrer.

Die Zeremonie würdevoll gestalten

Martin Lieske lauscht und sinniert über Lebensläufe, über Brüche und Herausforderungen. Er war einige Jahre als Pastor in einer freikirchlichen Gemeinde angestellt, erzählt er. Als seine erste Ehe nach elf Jahren trotz aller Bemühungen auseinander bricht, kann er nicht mehr von der Kanzel herunterpredigen, was seine Kirche ihm vorgibt: Dass Scheidung Sünde sei. Er kündigt und weiß erstmal nicht weiter.

Dann fragen ihn immer öfter mal Bekannte und Freunde, ob er nicht vielleicht mal eine Trauzeremonie privat, außerhalb der Kirche, machen könne - oder auch mal eine Beerdigung. Er konnte. Und sein Geschäft als freier Redner fing richtig an zu laufen. Jetzt steht er vorne bei Peter und gibt sein Wissen und seine Erfahrungen weiter.

"Wir stehen immer auf zum Einzug, denn wir machen würdevolle Zeremonien. Es gibt keine Traugesellschaft, die sich da hinsetzt, auf die Stühle fläzt und dann zieht die Braut ein. Nein, wir achten darauf. Wir sagen es einmal auch bei den Voransagen: Und gleich, wenn Sie das erste Lied hören, stehen wir bitte auf. Das heißt, wir haben die Info in den Kopf gepflanzt. Zehn Minuten später machen wir nur noch so." Er breitet die Arme aus, nickt mit dem Kopf und macht deutlich: Die Gemeinde erhebe sich.

In Remscheid trudeln die Gäste ein. Vor dem Schützenhof steht Sascha, todschick, in mittelblauem Anzug und raucht sich eine.

"Der Bräutigam! Du bist schon verheiratetet! Herzlichen Glückwunsch!" rufen die ersten. "Wo ist die Braut?"

Sascha sieht müde aus. Es war ein hektischer Morgen und der offizielle Teil im Standesamt war aufregend. Um zwölf Uhr mittags hat er seine Sandra geheiratet. Jetzt wartet er auf sie. Seine Braut zieht sich gerade um.

Drinnen im Trauzimmer richtet Elena Böcker sich am Trautisch ein. Soundcheck. Ihren mitgebrachten Notenständer hat sie gut platziert, er ist aus Holz, weiß gestrichen und vor allem stabil. Da kann sie sich auch mal dran festhalten.

"Man merkt die Nervosität beim Bräutigam. Für mich sind jetzt die Details ganz wichtig, auch mit den Dienstleistern nochmal zu sprechen, dass das auch alles so funktioniert, wie wir uns das vorstellen. Ich freue mich aber auch, wenn es jetzt gleich losgeht."

Die Mappe mit der Rede liegt parat, genau wie die Sofortbildkamera und das Holzetui für die Ringe. Böcker ist fertig und macht schnell noch ein Foto von der Deko für ihren Instagram-Account. Das ist wichtig: Werbung in den sozialen Netzwerken.

Die Rednerin guckt die Braut lieber nicht an

Der Raum füllt sich, Sascha setzt sich auf seinen Platz vorne und Elena Böcker schreitet nach der Begrüßungsansage zur Eingangstür, mit der Sängerin im Schlepptau. Sie wollen die Braut abpassen.

Ein Auto fährt vor, Sandra steigt aus, ihr Vater auch, Elena atmet auf: "Hallo, wir sind das Empfangskomitee!"

Sandra sieht toll aus in cremefarbener Seide bis zum Boden, mit Perlenkette und glitzernden Ohrsteckern. Die blonden Haare hat sie sich hochstecken lassen und auch in der Frisur blitzen hier und da glänzende Perlen hervor: eine Traumbraut.

Die Sängerin und Elena Böcker beruhigen sie: "Also, Sandra, du darfst jetzt noch mal tief durchatmen, den Papa fest an den Arm nehmen. Und dann komm am besten erst zum Refrain rein, ok? Wenn ich singe 'a moment like this'…"

Sandra nickt, die Sängerin und Elena Böcker drücken ihr noch mal die Hand und entfernen sich dann in Richtung Trauzimmer. Als die Musik startet, zieht Sandra Nelly, geborene Pauly, Schritt für Schritt ins Trauzimmer ein, am Arm ihres Vaters: Wie im Fernsehen, alle Blicke ruhen auf ihr, alle, außer einem.

"Das ist tatsächlich so, dass ich meistens die Braut nicht angucke und darüber nachdenke, was ich heute noch so zu erledigen habe: Einkäufe oder sonst was. Weil das Schlimmste, was mir passieren kann ist eben, dass ich einen Kloß im Hals habe und dann nicht mehr richtig sprechen kann, weil ich so berührt bin."

Alle klatschen, bei einer freien Trauung darf das sein. Sascha nimmt seine Sandra entgegen, sie lächeln sich an, alle setzen sich. Die Stimmung ist festlich, fröhlich und gerührt.

Zitate, Fotos, Erinnerungsstücke - alles gehört in die Traurede

Jetzt kommt Elena Böckers Auftritt: "Die Ehe ist und bleibt die spannendste Entdeckungsreise, die der Mensch unternehmen kann: Mit diesem Zitat möchte ich euch, liebe Sandra, lieber Sascha, ganz herzlich begrüßen."

Es gibt Lacher, es gibt Schmunzler und das Fotobuch kommt gut an bei den Gästen und dem Brautpaar. Elena Böcker nimmt sich Zeit für alle Stationen der Liebe und natürlich hat der pinkfarbene Plastikflamingo, mit dem Sascha seinen Heiratsantrag überbracht hat, einen Ehrenplatz in der Traurede. Kein Zweifel, Elena Böcker versteht ihr Handwerk. Das hat sie sich hart erarbeitet.

Ihre erste freie Rede schrieb sie, wie die Teilnehmer des Fortbildungsseminars in Köln, in der Ausbildung - der aufregendste Moment in der Ausbildung. Jeder kann sich aussuchen, ob die Rede zur Hochzeit, zur Trauerfeier oder zum Willkommensfest für Kinder passen soll. 

"Soll ich jetzt die Trauung nehmen oder die Beerdigung? Gestern sind wir da durchgegangen, da war ich so berührt und da habe ich gedacht, was mache ich jetzt? Aber ich habe mir halt gedacht, wahrscheinlich wird jetzt die Beerdigung das Erste sein, wo ich aktiv werde, weil bei den Hochzeiten plant man ja doch ein Jahr im Voraus und eine Beerdigung kommt spontan."

Die erste Rede hält man im geschützten Raum

Gleich werden einer nach der anderen ihre Reden vortragen und damit den ersten Schritt auf einen riesigen Markt machen. Immer häufiger werden freie, also konfessionell nicht gebundene Rednerinnen und Redner bei Hochzeiten, Beerdigungen und Kinder-Willkommensfesten gebucht. Zeremonien und Rituale bleiben wichtig für die Menschen, sagt Martin Lieske, ehemaliger Pastor und seit 15 Jahren freier Redner, auch wenn die Kirche mehr und mehr an Bedeutung verliert.

"Davon bin ich überzeugt, weil das die Momente sind, wo wir anhalten und wo wir einem wichtigen Ereignis in unserem Leben einfach Platz geben, um das bewusst uns klarzumachen: 'Wie schön, dass hier ein Kind geboren ist, dass zwei Menschen sich gefunden haben oder wie traurig, dass ein Mensch gegangen ist'. Da wollen wir auch dankbar sein und diese Menschen würdigen. Und das nicht nur mal schnell beim Feiern oder beim Kaffee und Kuchen. Nein, wir räumen dem auch eine Zeit ein und machen uns das ganz bewusst."

Noch schnell die Stühle zurechtrücken und ein Probe-Brautpaar bestimmen: Für die erste Nachwuchsrednerin wird es gleich spannend auf der Bühne. Nach der Premiere hier werden alle ihre selbstverfassten Reden auch vor der IHK zu Köln noch einmal halten. Dieses Seminar schließt mit einer offiziellen, zertifizierten Prüfung ab. Lieske, der ehemalige Pastor, möchte dem Wildwuchs auf dem Markt entgegenwirken und Einfluss darauf nehmen, dass neben all dem Brimborium gerade bei Hochzeiten der eigentliche Grund der Zeremonie im Blick bleibt. Es geht, sagt er, um den engsten Bund, den zwei Menschen miteinander schließen können.

Liebeserklärung sorgt bei allen für Rührung

In Remscheid ist es soweit: "Ihr dürft euch küssen, und ihr dürft applaudieren."

Elena Böcker hat im Schützenhof die Frischvermählten gerade durch das Eheversprechen navigiert und alle atmen durch, geschafft. Aber sie hat noch ein Ass im Ärmel: "Sandra, du hast Sascha als liebevollen Partner beschrieben. Ich liebe dich, weil ..."

Die Liebeserklärungen hat sich die Traurednerin schriftlich von beiden geben lassen und dass sie sie hier vor allen Gästen  vorträgt, sorgt endgültig für so viel Rührung, dass die Tränen fließen, auch noch bei den härtesten aller Männer auf den Plätzen ganz hinten. Vor allem aber bei Sascha und Sandra. Die Taschentücher mit der Aufschrift "Freudentränen", die sie gestern auf den Stühlen platziert haben, die brauchen sie jetzt selbst.

Der Gesang setzt ein und noch beim Auszug haben die beiden feuchte Augen. Die Rede war toll. Sascha und Sandra lassen sich von allen Seiten beglückwünschen, dann schwirren sie ab, Hochzeitsfotos machen; in einer Stunde beginnt dann ihr rauschendes Fest.

Elena Böcker schaut den beiden nach, packt ihre Sachen zusammen und geht schon mal zum Auto, geschafft, aber nur für den Moment. Auch bei ihr geht es noch weiter: Gleich trifft sie noch ein weiteres Brautpaar zum Kennenlerngespräch. Auf dem grünen Sofa am Fenster.

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