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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 13.05.2014

HochwasserschutzBis zur nächsten Flut

Die Landesämter wollen zukünftig besser zusammenarbeiten

Von Susanne Arlt

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Deichbruch am 15.06.2013 im Elbe-Saale-Winkel zwischen Breitenhagen und Klein Rosenburg (Sachsen-Anhalt). Dort ist durch eine Sprengung der Deichbruch vergrößert worden. Damit soll das Hochwasser aus den überfluteten Gebieten schneller zurück in die Flüsse geleitet werden.  (picture alliance / dpa / Foto: Bundeswehr)
Deichbruch am 15.06.2013 im Elbe-Saale-Winkel zwischen Breitenhagen und Klein Rosenburg (Sachsen-Anhalt). (picture alliance / dpa / Foto: Bundeswehr)

Zwei "Jahrhundert-Hochwasser" in nur elf Jahren gingen an die Substanz - bei Mensch und Natur. Zum Schutz vor künftigen Überflutungen haben sich zehn Bundesländer zur Flussgebietsgemeinschaft Elbe zusammengeschlossen.

Frauen und Mann: "Ich jedenfalls habe Angst, das geht schon tagelang so. … Wir sind am Ende, mein Mann ist 84, ich bin 81, es ist das Schlimmste, was man erleben muss jetzt."

Mann: "Das ging so schnell, so was kann man sich nicht träumen. Ja also ich habe alles verloren, mein Haus ist bis unters Dach vollgelaufen, also voll Wasser, die Türen sind raus, die Fenster sind raus. Also ick habe nischt mehr. Ick bin schon einer der viel macht, aber det war eben zuviel. Rechts und links haben wir unsere Ackerstücken hier vom Dorf. Sie sind alle unter Wasser. Mais, alles unter Wasser. Was sollen wir hier noch säen, wenn ick meine Tiere habe, wie will ich sie füttern. Ick habe nix für den Winter da. Sämtliche Heuernte, auch die Wiesen hinter uns, alles unter Wasser.“

Jahrhunderthochwasser nach nur elf Jahren

Letztes Jahr war es wieder da. Das Jahrhunderthochwasser. Nicht binnen eines Jahrhunderts, sondern nach nur elf Jahren. Das alte war noch nicht vergessen. Im Kopf tauchten plötzlich wieder Fernsehbilder aus dem Jahr 2002 auf. Verzweifelte Menschen, die auf den Dächern ihrer Häuser ausharrten, weil sich unter ihrem Heim plötzlich ein riesiger See befand.

Auch im vergangenen Jahr hatten Schneeschmelze und heftige Regenfälle die Elbe wieder anschwellen lassen. Bis sie schließlich über ihre Ufer trat, ganze Dörfer und Landstriche in Bayern, Sachsen und Sachsen-Anhalt unter Wasser setzte. Finanzielles Fazit: mindestens fünf Milliarden Euro Schaden. Bezieht man in diese Berechnung aber nicht nur die Erneuerung der Deiche, der Infrastruktur und der Gebäude mit ein, sondern auch den volkswirtschaftlichen Schaden, denn wegen des Hochwassers gab es zahlreiche Produktionsstopps, dann fällt die Summe weitaus höher aus. Die Ratingagentur Fitch kam in einer ersten Schätzung auf rund zwölf Milliarden Euro.

Andreas Reese steht in Breitenhagen auf dem Saaledeich. Das Dorf mit seinen knapp 400 Bewohnern liegt direkt an der Elbe. Keine drei Kilometer weiter nördlich mündet die Saale in diesen Fluss. Ein idyllischer Flecken Erde, wäre nicht die kleine Planierraupe, die frische Muttererde auf den Deich schaufelt. Ein junger Mann klopft die Erde mit einer Schaufel fest. Vor knapp einem Jahr war hier nichts als Wasser, erinnert sich Andreas Reese.

"Hier fing der Deichbruch an und endete zwischen dem hellen Grün des neuen Deiches und dem alten Grün, also man sagt so 300 Meter war die Bruchstelle. Da schoss das Wasser, ja ich sage mal, wir hätten surfen können hier."

Ein großer Teil des auseinandergebrochenen Walls wurde inzwischen wieder instand gesetzt. Auf der Innenseite wurde er mit einem kleineren Damm verstärkt, der bei Hochwasser mit schwerer Technik befahrbar ist. In Nullkommanichts können dann die tonnenschweren, mit Sand gefüllten Big Packs auf den Deich getürmt werden. Vor einem Jahr war das anders.

"Woanders standen sie bis zum Bauchnabel im Wasser und haben über Nacht neue Deiche mit Hilfe der Bundeswehr, mit Hubschraubern, mit schwerer Technik und hier war … nichts."

Sein Blick wird grimmig, wandert Richtung Norden. Etwa 25 Kilometer weiter stromabwärts liegt die Landeshauptstadt Magdeburg. Hinter vorgehaltener Hand erzählt man sich im Dorf, dass der Deich in Breitenhagen absichtlich aufgegeben wurde. Um den hohen Pegel in Magdeburg wieder herunter zu bekommen. Das Hochwasser drohte, einen Teil der Landeshauptstadt regelrecht zu überfluten.  

"Wir reden hier alle, hinter uns liegt Magdeburg. Magdeburg hat man im Nachhinein erfahren, wären 60.000 Menschen betroffen, sprich Umspannwerk, sprich Hafenanlage mit Gastanks, mit Öltanks und jut, weiter möchte ich dazu nischt sagen."

Nein, sagen wollen sie in Breitenhagen dazu lieber nichts. Ihren Unmut, das Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein, zeigen sie auf eine andere Art. Noch immer sieht man Menschen im Dorf die T-Shirts mit der Aufschrift tragen: Ich bin Breitenhagener und habe Magdeburg gerettet. Andreas Resse hat natürlich auch eins im Schrank liegen. 

"Das ist jetzt aber meine persönliche Meinung, das Leid weniger wurde durch das Leid vieler aufgewogen."

In seinem Wohnzimmer stand das Wasser einen Meter sechzig hoch. Naht ein Hochwasser und es droht wortwörtlich Land unter, dann reagieren betroffene Menschen oft rücksichtloser als unter normalen Umständen, hat Andreas Reese beobachtete. Diese Erfahrung hat auch Ernst-Paul Dörfler gemacht. Trotz all der Hilfe und Solidarität unter den Menschen sei auch egoistisches Verhalten zu beobachten. Vor allem wer betroffen sei, agiere so – mal aus Überforderung, mal aus Kalkül. Bislang sind die Länder für den Hochwasserschutz zuständig. Was ein Fehler sei, meint Ernst-Paul Dörfler vom Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland. 

"Solange es in Länderhand liegt, dominieren natürlich egoistische Interessen. Jedes Land denkt natürlich logischerweise erst an die Ballungsräume."

Hochwasserschutz in Bundeskompetenz

Der BUND plädiert darum dafür, dass der Hochwasserschutz in Bundeskompetenz kommt. Vor allem bei den großen Flüssen, die durch mehrere Bundesländer fließen, sei ein koordiniertes Handeln nötig, sagt der Elbe-Experte. Ein Beispiel sei der Saaledamm in Breitenhagen. Er wäre nicht gebrochen, wenn der technische Hochwasserschutz in Sachsen nicht so gut funktioniert hätte, meint Ernst-Paul Dörfler.

"2002 gab es oberhalb der Saalemündung über 20 Deichbrüche. Das war eine erhebliche Entlastung. Die Deiche wurde nun alle ertüchtigt, ohne aber dass man dem Fluss freiwillig mehr Überschwemmungsflächen zur Verfügung gestellt hat. Erst dadurch hat sich die Hochwasserwelle so aufgebaut und die Deiche mussten hier brechen."

Dass sich nach solch verheerenden Hochwassern wie im vergangenen Jahr die Stimmen mehren, den Schutz dafür dem Bund zu übertragen, kennt Monika Kehlbacher zur Genüge. Sie ist Abteilungsleiterin, ist bei der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und dort für den Umweltschutz zuständig. 2004 haben die Elbe-Anrainerländer mit dem Bund die Flussgebietsgemeinschaft Elbe, kurz FGG Elbe,  gegründet, um als föderaler Staat die Wasserrahmenrichtlinie der EU einheitlich umzusetzen. Dazu gehört inzwischen auch die Hochwasserrisikomanagementrichtlinie. Der Vorsitz wechselt alle drei Jahre, im Moment hat das Land Berlin den Hut auf. Nach zehn Jahren gemeinsamer Arbeit kommt Monika Kehlbacher zu einem positiven Fazit:

"Weil die Zusammenarbeit der zehn Bundesländer, die Mitglied der Flussgebietsgemeinschaft sind und des Bundes sich durch die Arbeitsgremien, die wir in der Flussgebietsgemeinschaft haben, sehr stark nach meiner Wahrnehmung verbessert hat."

Eine überflutete Straße am 08.06.2013 in Magdeburg (Sachsen-Anhalt).  (picture alliance / dpa / Foto: Andreas Lander)Eine überflutete Straße am 08.06.2013 in Magdeburg (Sachsen-Anhalt). (picture alliance / dpa / Foto: Andreas Lander)

In den vergangenen Jahren haben die Länder gemeinsame Hochwasserrisikokarten erstellt, analysiert, welche Elbe-Abschnitte besonders gefährdet sind und wie man diese Gefahren am besten bekämpft. Doch wenn die Arbeit so erfolgreich war, warum fiel dann das letzte Elbehochwasser so desaströs aus? Vor einem Jahr wurden Pegelstände im Bereich der Mittelelbe gemessen, die noch nicht einmal 2002 erreicht wurden. Monika Kehlbacher wägt ihre Antwort gut ab. Die FGG Elbe könne den Hochwasserschutz mit den Ländern diskutieren, ihnen vorschreiben könne sie nichts. Er sei Ländersache, betont auch ihre Kollegin Birgit Fritz-Taute, Wasserwirtschaftsexpertin bei der Senatsverwaltung.

"Wenn es das Auditorium der Flussgebiet nicht gäbe, weil dann müssten die Bundesländer sich gar nicht in irgendeiner Weise verabreden oder überhaupt kommunizieren darüber. Und das ist,  glaube ich, so der wichtigste Punkt in so einer Flussgebietsgemeinschaft, dass so ein Verständnis für das Gesamtflusseinzugsgebiet und der Umsetzung da ist und auch wirklich wachgehalten wird. Das war immer so nicht Gottgegeben."

Umdenken bei den Ländern

Aber es habe nach dem dramatischen Hochwasser im vergangenen Jahr ein Umdenken bei den Ländern gegeben, glaubt Monika Kehlbacher. Bis Ende dieses Jahres soll ein nationales Hochwasserschutzprogramm erarbeitete werden. Nach dem technischen Hochwasserschutz wolle man jetzt mehr in den nachhaltigen Hochwasserschutz investieren. 

"Man hat nunmehr sowohl in der Elbeministerkonferenz als auch in der Umweltministerkonferenz sich mehr darauf konzentriert, den Flüssen mehr Raum zu geben durch Schaffung von Retentionsflächen als dem technischen Hochwasserschutz. Natürlich wird der technische Hochwasserschutz nach wie vor verfolgt, es gibt ja auch Bereiche in denen die Schaffung von Retentionsflächen gar nicht nötig ist. Aber die Diskussion hat sich sicherlich noch einmal in Richtung Rückhalteräume verschoben.“

Derzeit lassen die Länder darum ihre zuständigen Behörden nach Flächen suchen, die sich für solche Maßnahmen eignen. Geplant sind Deichrückverlegungen oder die Schaffung von so genannten Poldern. Bei Hochwasser können diese Polder geöffnet, also wie Deiche geschlitzt werden, damit das Wasser ins Hinterland strömen kann. All das sei keine reine Absichtserklärung, betont Birgit Frotz-Taute.

"Es gibt inzwischen Listen, die sind jetzt natürlich noch nicht veröffentlicht, weil sie noch in der internen Abstimmung sind. Aber es gibt Listen, die auch in der FGG Elbe vorgestellt und diskutiert werden, wo jedes Bundesland wirklich auflistet, an dem und dem Polder machen wir Ergänzungen, an den und den Stellen wollen wir den Deich rückverlegen. Und die werden nicht nur Absichtserklärt, sondern die werden wirklich aufgelistet und dann auch priorisiert und dann geht es jetzt in dem nächsten Schritt in die Umsetzung und da geht es auch um die Diskussion, wer finanziert das?"

Um der Elbe künftig mehr Platz einzuräumen, fordern die Länder darum die Unterstützung des Bundes. Die bundeseigene Bodenverwertungs- und –verwaltungs GmbH, BVVG, könne den Ländern gewässernahe Rückhalteflächen zu günstigeren Konditionen verkaufen. Eine Zusage gibt es zwar noch nicht, aber immerhin das Versprechen, dass diese geeigneten Flächen erst einmal nicht anderweitig veräußert werden sollen. Eine weitere Schwachstelle sei das Vorhersage- und Prognosemodell WAVOS. Der Klimawandel wird vermutlich immer häufiger Extremhochwasser auslösen. Darum müsse man  für die zu erwartenden Wasserstände dieses Modell optimieren, sagt Monika Kehlbacher.

"Weil bei dem letzten Hochwasser erkannt wurde, dass die Vorhersagemöglichkeiten zum Teil an ihre Grenzen gestoßen sind. Das hatte etwas damit zu tun, das es in einigen Bereichen Deichbrüche gegeben hat, deren Auswirkungen man natürlich nicht ohne weiteres abschätzen konnte. Aber es wird im Moment daran gearbeitet, die Hochwasservorhersagesysteme zu optimieren. Das ist etwas, wo alle Länder dran mitarbeiten und was auch alle Länder als ein Problem erkannt haben, das sie lösen wollen."

Absurditäten beim Deichbau

 Bislang größtes Manko der Kleinstaaterei: die Bemessungsgrundlage für die Deiche. Die Länder hatten bislang Mühe, sich auf eine gemeinsame DIN-Höhe zu einigen. Manche Bundesländer bevorzugen niedrigere Richtwerte. Das öffnete Absurditäten den Weg. Die Deiche im schleswig-holsteinischen Lauenburg sind zum Beispiel 20 Zentimeter höher gebaut als die auf der gegenüberliegenden, niedersächsischen Flussseite. Bis zum  Ende dieses Jahres sollen unter anderem Deichhöhen sowie Hochwasserstufen vereinheitlicht werden.

Birgit Fritz-Taute: "Die neue Entwicklung ist die, das man gesagt hat, okay unsere technischen Anlagen waren gut, die haben größtenteils auch sehr gut gehalten, es wurde sehr viel Schaden verhindert. Aber es ist bei den Hochwässern, die wir jetzt haben und die wir vielleicht auch perspektivisch erwarten können, die vielleicht schlimmer werden, größer werden, warum auch immer, müssen wir mehr tun. Und das ist jetzt eigentlich der Erkenntniszuwachs, dass wir sagen, da kommt vielleicht in Zukunft noch was ganz anderes auf uns zu, wir müssen uns dafür wachsen."

Überschwemmte Landschaft am Zusammenfluß von Saale und Elbe bei Groß Rosenburg (Sachsen-Anhalt), aufgenommen am 09.06.2013. Die Hochwassersituation an der Elbe spitzt sich weiter zu.  (picture alliance / dpa / Foto: Jens Wolf)Überschwemmte Landschaft am Zusammenfluß von Saale und Elbe bei Groß Rosenburg (Sachsen-Anhalt) am 09.06.2013. (picture alliance / dpa / Foto: Jens Wolf)

Aber nicht auf allen Fragen können die Länder und die Flussgebietsgemeinschaft Elbe Antworten liefern. Der Bund muss sich darum kümmern, das Baurecht in Hochwassergebieten zu verschärfen und die Genehmigungsverfahren von Deichbauten beschleunigen. Außerdem soll er Vorschläge erarbeiten, wie die Versichertenquote erhöht werden kann. Auch von einer Pflichtversicherung für alle ist die Rede. Rocco Buchta, Elbe- und Havelflussexperte beim Naturschutzbund Deutschland, befürwortet all diese Pläne. Sie seien aber nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, wenn der Elbe nicht endlich wieder mehr Raum zum Fließen gegeben werde. Fast 90 Prozent der Flussauen liegen heute hinter dem Deich. Und diese riesigen Flächen gehören heute vor allem Landwirten.

Rocco Buchta: "Das sind die Gewinner von Eindeichungen. Denn sie haben sehr fruchtbares Ackerland bekommen und das war auch nötig zu einer Zeit als das gemacht wurde. Diese Flächen waren einfach ökonomisch überlebenswichtig. Wer heute effektiven Hochwasserschutz betreiben will, der muss die Deiche wieder auseinanderlegen, der muss diese Flussaue dem Fluss wieder zurückgeben. Und das funktioniert natürlich nur, wenn man einen großen Deal mit der Landwirtschaft macht, indem man Landwirte großzügig entschädigt und ihnen hinterher auch die Möglichkeitgibt, frei zu entscheiden, wie sie auf der Fläche weiter wirtschaften wollen."

Auch das sei Aufgabe des Bundes. Ein Vorbild wäre die Enteignungspraxis um 1900, als man die Wasserstraßen ausbauen wollte. Doch vor solch einschneidenden Maßnahmen drücke sich bislang jede Bundesregierung, sagt Rocco Buchta. Was zur Folge hat, dass Landwirte in Dautzschen bei Torgau und in Rührstedt in der Nähe von Berlin sich geweigert haben, ihr Land als Ausgleichsfläche zu opfern – trotz Entschädigungsangeboten. 

"Der NABU hat mal ausgerechnet, und die Zahlen basieren auf Angaben des Bundesumweltministeriums, dass in Deutschland etwa eine Million Hektar Flussaue den Flüssen genommen wurde. Und wir haben gesagt, wenn man die Hälfte davon zurückgeben wollte und man würde 10.000 Euro pro Hektar bezahlen als Entschädigung. Dann sind das fünf Milliarden Euro und das ist ein Betrag, da weiß ich von Landwirten, die könnten damit umgehen."

Talsperren für den Hochwasserschutz 

Müssen sie aber bisher nicht, weil sie niemand dazu auffordert. Und es gibt noch einen Aspekt, denn lieber niemand öffentlich ansprechen will. Im Gebirge gibt es keine natürlichen Retentionsflächen, dafür aber Talsperren. Sie wurden im vergangenen Jahrhundert gebaut, um sie für den Hochwasserschutz zu nutzen. Von dieser Idee sei nicht viel übrig geblieben, sagt der NABU Flussexperte Rocco Buchta fordert darum, Talsperren wieder vermehrt ihrem ursprünglichen Nutzen zuzuführen.

"Das heißt letztendlich Verluste für die Energielieferanten. Weniger Stauhöhe, die Becken werden weniger gefüllt, und darüber kann man natürlich hier einiges erreichen."

Der Weg sei da, allein der Wille fehle, glaubt Rocco Buchta. Seine Erfahrungen haben in bislang eines gelehrt. Die wenigen Renaturierungs- und Deichrückverlegungsprojekte, die es entlang der Elbe gibt, werden von Naturschutzvereinen geleitet. Von der geplanten 1.200 Hektar großen Flutungsfläche, die zurzeit durch eine Deichrückverlegung bei Lödderitz entsteht, sind am Ende nur 600 Hektar übrig geblieben. Ja ja, sagt Rocco Buchta sinnierend, er kenne jede Menge Ideen und Deichrückverlegungskonzepte:

"Aber ich muss sagen, umgesetzt worden sind bisher nur Maßnahmen mit Mitteln des Bundesamtes für Naturschutz. Es sind Naturschutzprojekte. Und wenn wir da nicht langsam wegkommen, dass nur der Naturschutz sich um solche Dinge kümmert, dann sind wir nicht sehr effektiv."

Zurück in den Elbe-Saale-Winkel. Nicht weit von Lödderitz und Breitenhagen entfernt befindet sich das Dorf Klein Rosenburg. Seine Bewohner wurden so wie die Nachbargemeinden kurz vor dem Saaledeichbruch zwangsevakuiert. Vielleicht hätte das Lödderitzer Deichrückverlegungsprojekt die Anwohner vor Schlimmeren bewahren können. Das Großprojekt begann vor dreizehn Jahren und wird wohl erst 2018 abgeschlossen sein. Eine Glucke mit ihren elf Küken stakst über den sattgrünen Rasen. Vor fast einem Jahr stand auf diesem Hof das Wasser kniehoch, erzählt Bio-Bäuerin Evelyn Malecki. Sie selber hat vier Hektar Ackerfläche im Überschwemmungsgebiet. Das ist besonders fruchtbarer Boden. Trotzdem wäre sie bereit, dieses Stück Heimat Elbe und Saale zurückzugeben. Allerdings nur, wenn ihr das Land dafür eine Austauschfläche in der Nähe anbietet. Das aber lässt noch auf sich warten.

"Also hier hattest du dann einen Blick, hier sind wir mit dem Boot drüber weggefahren bis Groß Rosenburg. Das war schön, das war wie Amazonas hier.“

Im Scherz lässt sich der Schmerz besser überstehen

So richtig schön fand Gisela Malecki das Bötchenfahren aber nicht wirklich. Aber im Scherz lässt sich der Schmerz besser überstehen, findet die sie. Noch einmal machen sie und ihr Ehemann so eine Flut nicht mit. Tagelang stand die braune Brühe auf dem Hof, drückte die Dielen aus ihren Fugen und ließ den Putz an den Wänden schimmeln. Ihre Familie väterlicherseits lebt schon seit dem 30-jährigen Krieg in Klein Rosenburg. Hochwasser ist den Maleckis keine Unbekannte. Das ursprüngliche Dorf und der alte Burgwall befinden sich auf einer Anhöhe. Dort ist das Mauerwerk trocken geblieben. Ihr Hof und die umliegenden Gebäude wurden am Fuße dieser Erhebung errichtet. Damals sollten die neu gebauten Talsperren Hohenwarte, Rappbode und Bleichloch das Saalehochwasser in den Griff bekommen.

"Diese Häuser sind in den 30er-Jahren gebaut, die waren sich dann sicher, die habe die Hohenwarte, die Rappbode, die Bleiloch gebaut. Da haben die im Außenbereichch gebaut, und dass ist dann die Strafe. Dieses hier dürfte hier eigentlich nicht stehen. Aber nun stehen einmal dieses Häuser im Außenbereich. Ich bin eben der Meinung, die Leute hier in Rosenburg, Klein Rosenburg haben hier seit 1.000 Jahren hier mit Hochwasser gelebt und es gibt hier Menschen, die auch weiter hier leben wollen.“ 

Nach dem Elbehochwasser 2002 hat das Land Sachsen-Anhalt mehr als 500 Millionen Euro in den Hochwasserschutz gesteckt. Sie haben Deiche erhöht, gerüttelt, Spundwände gezogen. Im Fachjargon nennt man das Aufrüsten. Weniger als fünf Prozent der Gelder landeten im nachhaltigen Hochwasserschutz. Gisela Malecki hofft, dass sich die Einstellung der Elbe-Anrainer zum Hochwasserschutz endlich grundlegend ändert. Bleibt alles, wie es ist, wird das Hochwasser den Menschen schon zeigen, wo ist die nächste Sollbruchstelle liegt.

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