Seit 09:00 Uhr Nachrichten
Montag, 25.10.2021
 
Seit 09:00 Uhr Nachrichten

Interview / Archiv | Beitrag vom 20.05.2014

Hochwasser in BosnienSchlammlawinen verschärfen Minengefahr

François de Keersmaeker über riskante Altlasten des Jugoslawienkriegs

Moderation: Julius Stucke

Eine völlig überflutete Straße in Obrenovac nahe Belgrad. (dpa/epa/Andrej Cukic)
Eine völlig überflutete Straße in Obrenovac nahe Belgrad. (dpa/epa/Andrej Cukic)

Der Geschäftsführer der Hilfsorganisation Handicap International, François de Keersmaeker, warnt vor den in Bosnien freigespülten Minen. De Keersmaeker spricht von 10.000 Landminen, deren Entschärfung nur manuell erledigt werden könne.

Julius Stucke: Wenn ein Krieg vorbei ist, dann bleiben viele Gefahren, Altlasten, Munition und häufig Landminen. Eine versteckte, eine verborgene Gefahr, zum Beispiel in Bosnien. Landminen aus dem Bosnien-Krieg liegen dort noch immer unter der Erde, eine Gefahr, die nun im wahrsten Sinne des Wortes an die Oberfläche gespült wird. Die aktuelle Flut auf dem Balkan, Wasser und Schlamm spülen auch Landminen frei und tragen sie zum Teil in Flüsse hinein. Wie groß ist das Problem und warum liegen dort immer noch so viele dieser Landminen und sind nicht entschärft? Darüber spreche ich mit Francois De Keersmaeker, Geschäftsführer von Handicap International Deutschland, einem Verein, der unter anderem in der Minenräumung engagiert ist und Minenräumer auf dem Balkan ausgebildet hat. Guten Morgen, Herr De Keersmaeker!

François De Keersmaeker: Guten Morgen!

Stucke: Ja, dieses Problem, dieses Frei- und Wegspülen der Minen - sprechen wir da von ein paar wenigen oder ist dieses Ausmaß richtig groß?

De Keersmaeker: Das Ausmaß ist sehr groß. Es liegen noch im Balkan über Zehntausende von Landminen, die noch nicht weggeräumt werden konnten in der Zeit seit dem letzten Krieg. Wir sprechen von 1,2 Millionen Quadratmeter, die noch verseucht sind, das sind ungefähr 2,4 Prozent der Landesfläche. Das heißt, das ist kein kleines Problem, das ist eine echte Realität für viele Leute dort.

Minen gehen nicht kaputt wegen der Flut

Stucke: Ja, und das Wasser, das die Minen freispült, nimmt es ihnen einen Teil der Gefährlichkeit?

De Keersmaeker: Leider gar nicht, weil die Minen natürlich dazu konzipiert sind, lange im Boden zu bleiben, egal ob es regnet oder nicht. Das heißt, dass die überhaupt nicht kaputtgehen wegen der Flut und dass dieses Weg- oder Freispülen eine ganz konkrete Gefahr bedeutet.

Stucke: Kann man dann sogar sagen, dass das Problem der Landminen jetzt vielleicht sogar ein kleines Stückchen größer wird als vorher, weil sie vorher zumindest in Gebieten liegen, von denen man weiß, dieser Bereich ist vermint, und jetzt werden sie freigespült und liegen dann irgendwo anders rum, wo man gar nicht mit ihnen rechnet?

De Keersmaeker: Genau, das sind die zwei Probleme heute. Zum einen, dass die Minen nicht mehr da sind, wo man sie bis jetzt vermutet hat, und man weiß natürlich überhaupt nicht mehr, wo sie sind, die können sich um mehrere Hundert Meter, sogar Kilometer bewegen mit dem Schlamm, mit dem Wasser. Und das andere ist, dass die Markierungen, die bisher da waren, auch weggespült worden sind und dass man nicht mehr weiß, wo die Gefahr vorher war. Das heißt, diese Arbeit von Markierungen muss sofort wieder anfangen, und vor allem muss man überall sehr, sehr vorsichtig sein, vor allem im Wasser, sich nicht mehr im Wasser bewegen, oder im Wasser laufen kann gefährlich sein, weil, da sieht man auch gar nichts.

Stucke: Das heißt, es könnte in Flüssen auch Schiffe gefährden, es könnte eventuell Wasserkraftwerke gefährden?

"Die Entschärfung von Landminen ist eine sehr, sehr langwierige Arbeit"

De Keersmaeker: Ja, also, die Vermutung, dass die Minen sehr, sehr weit gespült werden können, kann man nicht wissen. Das ist ja ein Stein. Die Mine schwimmt nicht, die wird sinken, aber genauso wie Steine können sie auch bewegt werden. Wie weit, das weiß man nicht. Und das heißt, die Gefahren sind trotzdem hauptsächlich entlang der Wasserbewegungen und natürlich entlang der Flüsse, und da an den Ufern wird es gefährlich, wenn Boote zum Beispiel versuchen, anzulegen.

Stucke: Herr De Keersmaeker, Sie haben es vorhin gesagt, das ist noch ein großes Problem, die Landminen in Bosnien. Warum gibt es denn auch fast 20 Jahre nach dem Krieg immer noch so viele Landminen, die nicht entschärft sind?

De Keersmaeker: Ja, die Entschärfung von Landminen ist eine sehr, sehr langwierige Arbeit, vor allem in einer Landschaft wie in Bosnien, das ist eine bergige Region mit viel Vegetation, viele Steine. Das heißt, man kann kaum Maschinen einsetzen, um systematisch zu entminen. Das heißt, alles muss per Hand passieren, und das ist eine Arbeit, die sowieso extrem langwierig ist. Wir haben versucht bis zum letzten Jahr noch, viele Fachkräfte vor Ort auszubilden, und diese Arbeit wird noch einige Jahre dauern, bis das Ganze fertig ist - in idealen Umständen! Heute, mit den Schlammlawinen und mit der Wasserflut wird das natürlich das Problem noch einmal verschärfen und die Dauer für eine komplette Räumung noch deutlich verlängern, das kann um mehrere Jahre gehen.

Stucke: Also, es ist so schon schwierig, wird jetzt vielleicht schwieriger, die Minen zu finden und sie zu entschärfen. Wie kann man denn die Minen jetzt überhaupt finden, die freigespült wurden?

De Keersmaeker: Ja, also, es geht natürlich um erste Beobachtungen von den Menschen vor Ort, das ist immer die erste Quelle für Informationen, wo liegen Minen. Leider auch oft, wenn Unfälle passieren, kann man auch dann neue Minenfelder orten. Und sonst muss man mit Metalldetektoren, vielleicht auch mit Minenhunden, die den Sprengstoff erkennen, vorgehen und ganz, ganz langsam hoffen, dass man die neu freigespülten Minen wieder findet.

"Wir hoffen, dass Bosnien das alleine schaffen kann"

Stucke: Herr De Keersmaeker, kann Bosnien das alleine schaffen oder braucht das Land Hilfe?

De Keersmaeker: Wir hoffen, dass Bosnien das alleine schaffen kann, es wurden viele Fachkräfte in den letzten Jahren ausgebildet. Aber mit dem Ausmaß ist es schon absehbar, dass vielleicht das Land noch um ausländische Hilfe wird bitten müssen. Und das könnte eine Organisation werden, die wir dann international unterstützt oder von anderen Hilfsorganisationen, die noch im Balkan tätig sind.

Stucke: Und die Einschätzung bis dahin, Herr De Keersmaeker, hat Bosnien die Situation bisher im Griff gehabt?

De Keersmaeker: Ja, wir sind davon ausgegangen, vor zwei Jahren, dass das Land langsam so ein Zivilschutzsystem hat, wo die gängigen Probleme und die meisten Felder schon erhoben wurden, also erkannt und markiert. Und deswegen war Bosnien richtig auf dem Weg da der Selbstständigkeit und hatte noch sehr wenig ausländische Hilfe. Natürlich noch finanzielle Hilfe, das hat weiter ... Deutschland hat noch viel Geld investiert in Bosnien in den letzten Jahren, aber ausländische Organisationen waren grundsätzlich zurückgezogen. Und vielleicht müssen wir jetzt wieder einen Schub geben und hoffen, dass das Land das Problem wieder schnell in den Griff bekommt.

Stucke: Das Hochwasser auf dem Balkan spült Landminen frei. Über das Problem habe ich mit Francois De Keersmaeker gesprochen vom Verein Handicap International. Ich danke Ihnen fürs Gespräch!

De Keersmaeker: Gerne, und einen schönen Tag noch!

Stucke: Ihnen auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema:

19.05.2014 | ORTSZEIT
Balkan - "Das schlimmste Hochwasser seit 120 Jahren"
Bosnien-Kenner Bodo Weber über die Lage vor Ort

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Interview

Saudi-ArabienKlimafreundlicher mit Ölförderung?
Ein saudischer Mann schaut durch ein Flugzeugfenster, durch das eine Ölraffinerie zu sehen ist. (AFP / Giuseppe Cacace)

Saudi-Arabien verdient viel Geld mit dem Erdölexport. Dennoch will es unabhängiger vom Öl werden. Eine Wende in der Klimapolitik? Es gehe eher um wirtschaftliche und politische Motive, sagt der Energie-Experte Tobias Zumbrägel von der NGO Carpo.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur