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Interview / Archiv | Beitrag vom 17.02.2015

HochschulenWie der Drittmittelzwang die freie Forschung bedroht

Isabella Albert im Gespräch mit Nana Brink

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Begrüßung der Erstsemester an der Westfälische-Wilhelms-Universität in Münster. 5400 Studenten haben zum Wintersemester 2014/2015 ihr Studium aufgenommen  (imago / Rüdiger Wölk)
Der Einfluss von Unternehmen auf die Hochschullehre wächst (imago / Rüdiger Wölk)

Rund ein Drittel des Budgets an deutschen Unis stammt heute von Unternehmen und Stiftungen. Damit gerät die Unabhängigkeit von Forschung und Lehre in Gefahr, warnen die Macher des Portals "Hochschulwatch".

Das Vorstandsmitglied im Freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften, Isabella Albert, fordert mehr Transparenz bei der Drittmittelfinanzierung der Hochschulen durch die Wirtschaft. Die Hochschulen bekämen nicht mehr genügend Geld durch die öffentliche Hand, um alle Aufgaben zu erfüllen, sagte Albert am Dienstag im Deutschlandradio Kultur. Ein Drittel des universitären Budgets  werde von Unternehmen und Stiftungen auf dem Markt eingeworben. Alberts Organisation unterstützt das Online-Portal "Hochschulwatch", das auf seiner Website beispielsweise zeigt, dass Volkswagen deutschlandweit 24 Stiftungsprofessuren finanziert.

Energiekonzerne RWE und EON zahlen Institut in Köln

"Diese Mittel kommen aus der Wirtschaft und fördern ein ganz spezielles Forschungsgebiet", sagte Albert. "So entscheiden die Hochschulen nicht mehr selber, was sie forschen, was sie lehren, sondern ihnen werden durch die Wirtschaft finanziert, Leute auf die Lehrstühle gesetzt, die dann natürlich nicht unabhängig von der Wirtschaft Forschung betreiben." Als Beispiel nannte die Studentin, dass die Energiekonzerne RWE und EON an der Universität Köln ein Institut bezahlten, das zu Risiken von Atomkraft forsche. So eine Finanzierung laufe in der Regel nach fünf Jahren aus und müsse dann von der öffentlichen Hand weiter bezahlt werden.

Langfristig Verlust von Unabhängigkeit

Albert räumte ein, dass es für die Universitäten kurzfristig Vorteile biete, zusätzliches Geld zu bekommen. "Langfristig heißt es aber, dass sie immer mehr ihre Unabhängigkeit verlieren und immer höhere Summen aus der Wirtschaft einwerben müssen, um überhaupt irgendetwas Neues machen zu können." Dabei gehöre es zur Freiheit der Forschung, dass man sich die Forschungsfragen selber stelle und es sich nicht um Auftragsarbeiten handele.


Das vollständige Interview:

Nana Brink: Wie unabhängig ist die Wissenschaft? Eine Frage, die sich sicherlich nicht mit einem Satz beantworten lässt, weshalb man sie aber trotzdem stellen muss. Abgesehen von den staatlichen Mitteln bekommen die Hochschulen jedes Jahr rund 1,3 Milliarden Euro aus der Wirtschaft. Was genau passiert mit dem Geld? Das interessiert nicht nur Transparency International, das ist eine Nichtregierungsorganisation, die sich mit Korruption beschäftigt auf vielschichtige Art, das interessiert auch das Internetportal "Hochschulwatch", das nämlich vor zwei Jahren eine Kampagne, eine Internetseite gestartet hat und bis heute 10.000 Kooperationen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft untersucht hat, zusammen mit Transparency International.

Jetzt wollen sie eine Zwischenbilanz ziehen, und das wollen wir auch tun, und zwar mit Isabella Altert, sie ist im Vorstand Freier Zusammenschluss von Studentenschaften und auch beim Internetportal "Hochschulwatch" aktiv, jetzt bei mir im Studio. Schönen guten Morgen, Frau Albert!

Isabella Albert: Guten Morgen!

Brink: Welche Erkenntnisse haben Sie in den letzten Jahren gewonnen?

Albert: Wir haben mit unserem Portal "Hochschulwatch" das Thema Drittmittelfinanzierung wieder weiter in die Öffentlichkeit gestellt, Hochschulen werden zu einem großen Teil, fast bis zu 30 Prozent, nicht mehr von den Ländern finanziert, sondern müssen um ihre Finanzierung auf einem Markt kämpfen. Dieser Markt ist komplett unnatürlich geschaffen worden, um die Hochschulen in ein Konkurrenzsystem zu bringen, und in diesem System kämpfen die Hochschulen darum, ihre Professoren und Professorinnen finanzieren zu können und ihre Forschungsmittel finanzieren zu können oder Kapazitäten für die Lehre extern finanzieren zu lassen, damit das, was die Hochschulen momentan leisten, überhaupt weiter laufen kann.

Brink: Was meinen Sie mit ungerechtem Wettbewerb?

Albert: Die Hochschulen bekommen nicht genug Geld, um alle Aufgaben zu erfüllen, die sie von staatlicher Seite aufgetragen bekommen. Und aus diesem Grund müssen die Hochschulen jede Menge Zeit da rein stecken, Anträge zu schreiben, um Drittmittel einzuwerben, und diese Mittel kommen dann zum Beispiel aus der Wirtschaft und fördern dann aber ein ganz spezielles Forschungsgebiet. So entscheiden die Hochschulen nicht mehr selber, was sie forschen, was sie lehren, sondern ihnen werden, durch die Wirtschaft finanziert, Leute auf die Lehrstühle gesetzt, die dann natürlich nicht unabhängig von der Wirtschaft Forschung betreiben.

Brink: Das kann ja positive und auch negative Auswirkungen haben. Vielleicht können wir noch ein paar Beispiele nennen, damit wir uns das vorstellen können. Wo wird gefördert, und wer fördert?

Albert: Ein großes Gebiet innerhalb von unserem Projekt "Hochschulwatch" sind die Stiftungsprofessuren. Da können sich Unternehmen in die Hochschulen einkaufen, indem sie für fünf Jahre ein Forschungsgebiet finanzieren. Da wird eine neue Person für eingestellt, ein Professor, eine Professorin, und diese Person wird fünf Jahre von der Wirtschaft von der Wirtschaft finanziert, und die restliche Zeit muss dann die Hochschule die Finanzierung übernehmen. So haben zum Beispiel Eon und RWE zusammen der Uni Köln eine Professur gestiftet, ein ganzes Institut sogar, das an den Risiken von Atomkraftmeilern forscht. Und dieses Institut hat überraschenderweise herausgefunden, dass Laufzeitverlängerung überhaupt kein Problem ist. Wenn man sich dann aber über "Hochschulwatch" anguckt, dass das keine unabhängige Forschung von der Universität ist, sondern von der Industrie geförderte Forschung, sehen wir, welchen Einfluss diese Stiftungsprofessuren haben können.

Brink: Aber wenn das klar gekennzeichnet ist, kann sich ja jeder entscheiden, das muss ja nicht unbedingt schlecht sein, will ich das oder will ich das nicht? Das sind doch die Spielregeln.

Albert: Ja, aber einerseits kauft man sich damit für seine Forschung, die man als Industrieunternehmen ja eigentlich auch direkt machen könnte, das Label von den Hochschulen und tut so, als wäre man unabhängig, und andererseits verdrängt man damit andere Stellen. Denn es ist so, dass RWE und Eon diese Sachen nur eine vereinbarte Zahl von Jahren finanzieren, und danach muss die Hochschule die Finanzierung übernehmen. Das heißt, fünf bis zehn Jahre später muss die Hochschule gucken, wen von den bisher finanzierten Leuten, und das trifft dann meistens die Leute von den wirtschaftlich nicht so attraktiven Fächern wie momentan die älteren Sprachen und Co., die müssen dann geschlossen werden, um diese Professur von Landesseite weiter finanzieren zu können, die Eon und RWE sich ausgedacht haben.

Brink: Aber vielleicht müssen die dann auch versuchen, Drittmittel einzuwerben für ihre Sache, gerade bei Stiftungsprofessuren gibt es ja unterschiedliche Möglichkeiten. Sind denn nicht viele Studenten froh, dass Geld in die Universitäten kommt?

Albert: Na ja, kurzfristig ist es natürlich schön für die Unis, wenn sie da Geld bekommen. Langfristig heißt das aber, dass sie immer mehr ihre Unabhängigkeit verlieren und immer höhere Summen aus der Wirtschaft einwerben müssen, um überhaupt irgendwas Neues machen zu können. Und das gehört ja gerade zur Freiheit der Forschung, die wir an den Hochschulen vermuten, dass man sich die Forschungsfrage selber ausdenken kann. Und wenn wir nicht mehr uns selber an den Hochschulen ausdenken können, worüber wir forschen, sondern das nur noch extern in Häppchen vorgegeben bekommen, dann ist das keine freie Forschung mehr, sondern nur noch Auftragsarbeit, und das ist eine Subventionierung von staatlicher Seite an der Wirtschaft, und keine Hochschule.

Brink: Aber Sie haben ja gerade gesagt, das betrifft einen Anteil von 30 Prozent, also es ist nicht die Hälfte. Ungefähr vor einem halben Jahr, von einem Jahr haben sich Berliner Hochschulprofessoren an die Öffentlichkeit gewendet und sich beschwert, dass die Drittmittel, die eingeworben werden, immer öfter Löcher in der Lehre stopfen. Ist das auch eine gängige Praxis, die Sie beobachten?

Albert: Ja, die Unternehmen können sich, meistens nicht direkt, aber über irgendwelche Beiräte, die sie dann doch wieder selber besetzen, aussuchen, was diese Professoren und Professorinnen tun und worein das Geld in diesen Instituten fließt. Und da wird oft bei Lehrkapazität weiter gespart, und die Kapazität, die von einer Hochschule in die Lehre fließen könnte, wird sowieso immer geringer und geringer, als wenn die Hochschulen komplett staatlich finanziert werden. Das Geld, das die Lehrlücken stopfen soll, ist dann wiederum auch Drittmittel, aber nicht aus der Wirtschaft, sondern von den Stiftungen. Denn auch die Lehre wird immer weiter diesem Wettbewerb unterworfen, und es gibt verschiedene Mittel, die in der Lehre eingesetzt werden.

Brink: Wenn Sie jetzt eine Bilanz ziehen, was muss besser werden? Mehr Transparenz, ist das die Lösung?

Albert: Wir brauchen mehr Transparenz, um mehr Menschen auf das Problem aufmerksam zu machen. Aber langfristig brauchen wir natürlich vor allem eine solide Finanzierung der Hochschulen durch die öffentliche Hand, damit an den Hochschulen die Forschung läuft, die wir für unsere Zukunft brauchen, und nicht das, was die Wirtschaft möchte, das an den Hochschulen läuft.

Brink: Sie werden ja nun in ein paar Stunden auch Ihre neue Webseite vorstellen – das heißt, die gibt es ja eigentlich schon, die kriegt einen Relaunch, wie das ja so schön heißt –, was wird anders, was können wir da noch besser sehen?

Albert: Wir haben unsere Daten, die bis jetzt in unserer Homepage hinterlegt sind, noch besser miteinander vernetzt, sodass wir uns jetzt nicht nur nach Hochschulen angucken können, was alles läuft an den Hochschulen, sondern uns auch angucken können nach Unternehmen sortiert, wer wo sein Geld hinsteckt. Und so können wir zum Beispiel jetzt an der neuen Übersicht erkennen, dass Volkswagen 24 verschiedene Stiftungsprofessuren über die Bundesrepublik verteilt betreibt, und nicht mehr nur noch uns einzeln angucken, was an den Hochschulen läuft.

Brink: Isabella Albert, im Vorstand Freier Zusammenschluss von Studentenschaften. Danke für Ihren Besuch hier in Studio 9!
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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