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Tonart | Beitrag vom 18.07.2017

Hochauflösende Musik Musik-Streaming bald in Studio-Qualität?

von Laf Überland

Ein Smartphone liegt auf einem Tisch (Photo by Álvaro Serrano on Unsplash)
(Photo by Álvaro Serrano on Unsplash)

Dem digitalen Musikhören steht vielleicht eine kleine Revolution bevor: Eine neue Technologie verspricht perfekten Klang im Internet ohne Frequenzverlust. Die Streamingdienst-Branche rüstet bereits auf und Akustikexperten geraten ins Schwärmen.

Frequenzbereich, Klirrfaktor, Rauschabstand – vor Einführung der mp3 waren das interessante Vokabeln für Musiknerds, die sich ihr Voodoo-Equipment wie Macintosh-Lautsprecherkabel 600 Euro pro Box kosten ließen. Das nannte man HiFi, das heißt High Fidelity - also hohe Wiedergabetreue -, und es war eine echte Volksbewegung, die sich in der Gegenwart der mobilen mp3-Beschallung so absurd altmodisch ausnimmt wie Schuhplattlergruppen!

Musik in hoher Auflösung

Aber jetzt will die Musikindustrie etwas einführen, das schon beim Fernsehen funktioniert hat: Statt in High Fidelity soll Musik nämlich jetzt in High Resolution – hoher Auflösung - erstrahlen. Der Plattenladen der Jetztzeit heißt ja nunmal Streamingportal, und das dealt halt eben mit zu Bits und Bytes aufgelöster Musik.

Die mp3 auf niedriger Qualitätsstufe klingt so dürftig, wie sie nun mal klingt, weil die Entwickler am Erlanger Fraunhofer Institut in den Achtzigern von rückblickend recht plumpen und falschen psychoakustischen Annahmen darüber ausgingen, was das menschliche Ohr zum Verarbeiten von Musik benötigt.

Zum großen Erstaunen vieler mp3-Fans hat jetzt die Forschung herausgefunden, dass wir doch viel mehr hören als es der mp3-Codec zulässt; und dass auch akustische Informationen, die wir nicht bewusst wahrnehmen, das Hörerlebnis beeinflussen; dass also alles, was zur Musik gehört, übertragen werden sollte – natürlich auch in diesen neuen Streamingkosmos.

Die großen Streamingdienste machen nicht mit

Und so bündeln in den USA die großen Medienkonzerne nun ihre Kräfte, um den unbeschnittenen Klang wieder am Markt zu etablieren. Mit dabei sind die drei großen Musikfirmen Universal, Sony und Warner, der amerikanische Phonoverband RIAA, mehrere Hersteller von Musikanlagen, außerdem Google Play und Amazon, und alle versuchen, einen neuen Standard für moderne HiFi-Musik festzulegen. Während Jay Z.s Musikstreaming-Dienst Tidal die Technik bereits anbietet, zählen die beiden größten Musikstreamer – Spotify und Apple Music - noch zu den auffälligen Ausnahmen.

Heißen soll das neue Wunderkind für hochauflösende Streamingmusik MQA – Music Quality Authenticated: In einem ausgeklügelten Verfahren wird die Musik bei MQA nicht auf altmodische Art komprimiert, indem einfach Frequenzen weggelassen werden, sondern: Die Frequenzen werden gefaltet. Scheinbar unhörbare Frequenzanteile werden in das Rauschen des hörbaren Frequenzbereichs verschoben und dann wieder verarbeitet in einem vertrackten mathematischem Origami: Zusätzlich aber werden in den Origami-Falten auch noch Protokolldaten des im Studio verwendeten Gerätes notiert, das die Musik ursprünglich in Nullen und Einsen zerlegte. Im Idealfall soll dann auf Nutzerseite ein identisches Gerät genau den Klang wiedererschaffen, den der Studio-Ingenieur authentifiziert hat. Wow!

Das große Geschäft mit dem perfekten Klang

Zwar reicht zum Abspielen jeder Soft- und Hardware-Player, was dann bereits besser klingen soll als die bislang üblichen Verfahren. Aber nur ein echter MQA-Decoder ist in der Lage, die ursprüngliche Musik in Perfektion zu entpacken.

Die Musikfirmen erhoffen sich durch das MQA-Verfahren eine neue famose Einnahmequellen, weil es ihnen erlaubt, ihre Archive ein weiteres Mal bei der Kundschaft zu recyceln. Die Geräteindustrie ist im Boot, weil ja neue Abspielmaschinchen gebraucht werden, und die Streamingdienst können mehr Geld für MQA-Musik verlangen. Als dann auch noch eine neue Studie ergab, dass 71 Prozent der amerikanischen Streaming-Abonnenten wohl an Musik in Studioqualität interessiert wären, da gab es kein Zurück mehr!

Spektakuläre Hörerlebnisse mit MQA

"Oh my god! It’s gonna revolutionize music completely. Make people listen to music in a new way", beteuert ein MQA-Tester. Tatsächlich berichten Techniker und Produzenten, dass einem beim MQA-Klang das Herz aufgeht vor lauter Nuancen in der Dynamik, von der Feinheit der Instrumente und der Wärme des Gesangs, die man noch nie zuvor gehört habe.

Ohrenzeugen berichten, die Regentropfen am Anfang von Riders on the Storm der Doors solle man im MQA-Sound einzeln zählen können, während David Bowies Stimme bei "Space Oddity" sehr viel natürlicher als gewohnt klinge: "David Bowie’s 'Space Oddity' is another good example where the voice is so much more natural, there I say: analogue!", so die Testperson.

Grundvorraussetzung für MQA: schnelles Internet

Aber viel interessanter ist sowieso die Frage, ob all den jungen mp3-Menschen jetzt plötzlich wieder Ohren wachsen. Mal ganz abgesehen vom so genannten Loudness War, dem Krieg um die Lautheit, in dem subtil abgemischte Musik ja gar nicht mehr zu hören ist.

Und zudem bleibt hierzulande selbst bei vorhandenem Equipment noch ein Risiko: MQA benötigt mit 1,6 Megabit pro Sekunde etwa fünf Mal sowie Bandbreite wie ein hochwertiger MP3-Stream. Wer also nicht an einer schnellen Internet-Verbindung hängt, der hört statt des erhofften makellosen Klanges nur Stottern und Stille.

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