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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.10.2013

HIV ist erst der Anfang

David Quammen: "Spillover. Der tierische Ursprung weltweiter Seuchen", Deutsche Verlags-Anstalt, München 2013, 560 Seiten

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Erreger nutzen den Kontakt zwischen Mensch und Tier, um den Wirt zu wechseln. (AP)
Erreger nutzen den Kontakt zwischen Mensch und Tier, um den Wirt zu wechseln. (AP)

Zecken, Affen, Hähnchenfleisch. Immer wenn Menschen und Tiere aufeinandertreffen, können Krankheitserreger den Wirt wechseln. Bis zur nächsten Pandemie sei es daher nur eine Frage der Zeit, sagt David Quammen. Auch das HI-Virus stamme schließlich aus dem Tierreich.

Aus Sicht eines Erregers ist die Gelegenheit verlockend. Der Mensch ist die häufigste Großtierart, lebt überall und das dicht gedrängt. Ideale Bedingungen für eine Ausbreitung. Und deshalb gelingt den Krankheitserregern der Sprung vom Tier auf den Menschen auch immer wieder.

Wie, das versucht David Quammen anschaulich zu erklären und begleitet dazu Forscher bei ihrer täglichen Arbeit. Im Regenwald beobachtet er, wie man frischen Schimpansen-Urin auffängt. Er hilft in engen Höhlen voller Schlangen beim Fangen von Flughunden, stellt Affenfallen in Tempeln auf und blickt den Wissenschaftlern anschließend im Hochsicherheitslabor über die Schulter. Und genau das macht die Stärke seines Buches aus.

Schnell wird so klar: In Affen, Vögeln und vor allem in Fledertieren gibt es eine Menge Erreger und sie kommen den Menschen immer näher. Wird der Regenwald abgeholzt, übernachten Flughunde auf einmal in Dörfern. Wachsende Goldgräbersiedlungen schaffen große Nachfrage nach 'Bushmeat', also Affenfleisch. Da braucht es nur eine kleine Verletzung und schon ist der erste Mensch infiziert. Fatal, denn gegen diese Erreger gibt es kaum Abwehrkräfte.

Entsprechend schwer verlaufen die Erkrankungen. Mehr noch: Die Infizierten brauchen intensive Pflege und stecken oft ihre Familien und Ärzte an. Am Ende solcher Epidemien sterben einige Hundert Menschen und dann verschwinden sie meist wieder. Gelegentlich aber schafft es ein Erreger, sich in großen Gruppen auszubreiten. Wie zum Beispiel SARS oder die Schweinegrippe. Nur vorübergehende Probleme? Nein, schreibt Quammen und verweist auf HIV. Dieses von Schimpansen abstammende Virus hat Millionen Menschen infiziert, Millionen Leben gefordert und ist noch immer nicht besiegt.

Mit "Spillover" wird klar, HIV wird nicht die letzte katastrophale Pandemie bleiben. Das belegen auch die Gespräche, die der Wissenschaftsjournalist mit allen relevanten Akteuren, mit den Kranken, Forschern, Ärzten und Gesundheitspolitikern führt. Und so beschleicht einen beim Lesen dieses spannenden Buches ein Gefühl der Unsicherheit.

Schließlich ist die Gefahr keineswegs gebannt. Seit dem Erscheinen der englischen Ausgabe von "Spillover" macht bereits ein neues Virus von sich reden: MERS-CoV, das u.a. eine schwere Infektion der Atemwege verursachen kann und vor allem im Mittleren Osten auftritt. Dort sammeln sich zurzeit die Pilger zur Haddsch. Ein perfekter Zeitpunkt für das Virus, um anzugreifen.

Besprochen von Volkart Wildermuth

David Quammen: Spillover. Der tierische Ursprung weltweiter Seuchen
Übersetzt von Sebastian Vogel, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2013,
560 Seiten, 24,99 Euro

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