Seit 05:05 Uhr Studio 9

Mittwoch, 14.11.2018
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Fazit / Archiv | Beitrag vom 23.11.2010

Hitler in Freizeitlaune

Skandalfilm "Swastika" wurde in Berlin gezeigt

Von Bernd Sobolla

Podcast abonnieren
Adolf Hitler und Eva Braun auf dem Berghof in Berchtesgaden (AP)
Adolf Hitler und Eva Braun auf dem Berghof in Berchtesgaden (AP)

Der Dokumentarfilm "Swastika" (was Hakenkreuz heißt) wurde von dem jüdisch-australischen Regisseur Philippe Mora 1973 gedreht. Die Uraufführung sorgte damals bei den Filmfestspielen in Cannes für einen Skandal: Philippe Mora hatte das Propagandamaterial der Nazis und die erstmals entdeckten Privataufnahmen der gelernten Fotolaborantin Eva Braun zusammenmontiert. Es kam zu Tumulten im Kino, und die Vorführung musste abgebrochen werden. Der Schock über einen unbedarft wirkenden Hitler in Farbe war zu groß. Ein deutscher Verleih, der den Film ins Kino bringen wollte, zog seine Offerte nach dem Skandal zurück. Zum 200. Geburtstag der Humboldt-Universität reiste Regisseur Philippe Mora nach Berlin, um seinen hierzulande lang verfemten Film "Swastika" vorzustellen.

Zeitungsjungen und Fahrradkuriere, Busse und mondäne Frauen auf der Straße, ein Zeppelin über dem Brandenburger Tor und ein Fabrikeingang bei Schichtwechsel. Genau genommen erinnert der Anfang von "Swastika" an Walter Ruttmanns "Berlin - Die Sinfonie der Großstadt". Nur dass der Zug nicht in die Stadt hineinfährt, sondern aus Berlin heraus. Denn "Swastika" schildert die Jahre zwischen 1933 und 1939 in ganz Deutschland. Bald befinden wir uns im Wald, wo eine Gruppe vom "Bund deutscher Mädel" marschiert.

Groß gewachsen, blonde Haare, hohe Stimmen: Nicht nur diese Szene könnte wiederum aus einem Film von Leni Riefenstahl stammen. Dann aber kommt der Schnitt auf den Obersalzberg in Bayern. Dort hatte Hitler die "Reichskanzlei Dienststelle Berchtesgaden" eingerichtet, wo er regelmäßig Zeit in seinem Führungszirkel verbrachte – in privater Atmosphäre.

Aus dem Film: "Waren Sie schon mal in Berlin? / Ohne Zucker? / Äh, ich? / Es macht ja nicht dick. / Blondie, komm her! / Blondie, lass das! Ein heißer Tag. Wir trinken den Kaffee drinnen. ... Was haben Sie da? / Mein Führer, darf ich diesen Entwurf vorlegen? / Ja, gut. Bringen Sie ihn mit hinein."

Dort spielen Goebbels Kinder nackt auf dem Rasen, die Eltern essen Kuchen - von dem Göring gern ein Stück mehr nimmt - und tätscheln ihre Hunde. Kein Scherz: Eva Brauns Hund heißt "Stasi" und Hitlers Schäferhund "Blondie". Eigentlich wollte der Filmemacher Philippe Mora mit seinem Partner Lutz Becker 1970 das Buch "Erinnerungen" von Albert Speer verfilmen, was misslang. Aber bei den Archivrecherchen waren sie auf ein Foto gestoßen, dass zeigt, wie Eva Braun mit einer 16mm-Handkamera Hitler filmt. Mora fragte beim Pentagon nach, ob bei Kriegsende vielleicht Filmmaterial auf dem Obersalzberg gefunden worden wäre.

Philippe Mora: "Drei Monate später rief uns ein Cornel in London an: 'Wir haben acht 16mm-Farbfilme in Eva Brauns Schlafzimmer gefunden. Suchen Sie nach denen? Es war unglaublich! 1972 war das eine Weltsensation, denn niemand kannte diese Filme. Und dann montierte ich diese Privataufnahmen in das offizielle Filmmaterial. Das macht diesen außergewöhnlichen Kontrast aus."

Zudem bilden diese Privataufnahmen von Eva Braun, die gelernte Fotolaborantin war, einen besonderen Kontrast zum anderen Material, da sie in Farbe sind und die Atmosphäre eines kleinen Clubhotels verbreiten. Auch Hitler ist begeistert.

Aus dem Film: "Sie müssen Fräulein Braun mal die neue Kamera zeigen! / Ich habe sie ihr schon heute Morgen gezeigt, mein Führer. Sie gefällt ihr. Dafür gibt es auch jetzt den neuen Farbfilm. / Farbfilm, sehr gut! Die Zukunft gehört dem Farbfilm."

Da es damals noch keine Tonaufnahmen gab, hatte Philippe Mora eine Idee: Er engagierte Profis, die die Lippenbewegungen der Obersalzbergbesucher lasen und ließ anschließend das Bildmaterial nachsynchronisieren. Damit bewegte er sich zwar am Rande der dokumentarischen Glaubwürdigkeit, aber die Dialoge wurden von Albert Speer und anderen Zeugen verifiziert. Sie zeigen keine Monster, sondern die Banalität und Durchschnittlichkeit der Bösen.

Aus dem Film: "Clarke Gable ist nicht nur ein kluger, sondern auch ein schöner Mann. / Ach, schrecklich. Und ein langweiliger Schauspieler noch dazu. / (Hitler) Guten Tag, meine Damen! / Guten Tag, mein Führer! Sie sagten, der Film von gestern Abend hat ihnen nicht gefallen? Aber ich weiß schon, was Sie möchten: Sie wollen noch mal 'Vom Winde verweht' sehen. Ich kenne doch ihren Geschmack. Ich werde sehen, was sich machen lässt."

Wer nicht verstehen kann, dass diese Aufnahmen 1973 in Cannes zu Tumult und Prügelei führten, weil sie die NS-Clique als Menschen in Freizeitlaune und mit Unterhaltungslüsten zeigten, der denke an den Film "Der Untergang". Viele warfen dem Werk eine Verharmlosung der NS-Gräueltaten vor, nur weil Bruno Ganz Adolf Hitler auch menschliche Züge verlieh - das war 2004. In der Humboldt-Universität waren in dem überfüllten Senatssaal die Zuschauer noch heute fasziniert. Und eine Besucherin wollte von Philippe Mora wissen, ob ihm das Pentagon alle Filme zur Verfügung stellte oder ob auch Material unter Zensur steht.

Philippe Mora: "Wir wissen natürlich nicht genau, was sie noch fanden. Ich weiß aber, dass die Leute vom Pentagon besessen waren von Hitler – mit gutem Grund. Sie wollten alles über ihn wissen. Ich spekuliere nur, aber ich denke, dass es noch viel mehr Material gibt. Insbesondere davon, wer Hitler besuchte. Es gab Berichte davon, dass viele Amerikaner, Schauspielstars, den Obersalzberg besuchten. Eva Braun war verrückt nach Stars und hat sie bestimmt gefilmt. Ich glaube, dass alle amerikanischen Besucher zurückgehalten werden. Gary Cooper zum Beispiel war auch dort. Das wissen wir. Ich bin mir sicher, dass sie ihn gefilmt hat."

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsTellkamp beklagt "Kulturdiktatur"
Der Schriftsteller Uwe Tellkamp (picture alliance / dpa-Zentralbild / Sebastian Kahnert)

Der Schriftsteller Uwe Tellkamp attackiert Medien und Kulturbranche, berichtet die "Welt". Er wirft ihnen vor, keinen Widerspruch zu ertragen - und reagiert damit auf Kulturinstitutionen, die sich zu einem Bündnis gegen Rechts zusammengeschlossen hatten. Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 9Überwältigende Übergänge
Die Schauspielerin Sesede Terziyan (als Elisabeth) steht am 10.01.2018 in Berlin bei der Fotoprobe zu dem Stück "Glaube Liebe Hoffnung" im Maxim Gorki Theater auf der Bühne. (picture alliance / Britta Pedersen / dpa)

Ist das "Postmigrantische Theater" ein Erfolg? Wie erlebten jüdische Bühnenkünstler Deutschland eigentlich nach ihrer Rückkehr aus dem Exil? Im Theaterpodcast #9 schauen wir auf einschneidende Übergänge und erinnern an den verstorbenen Theaterkritiker Dirk Pilz.Mehr

Folge 8"Siegreich" und "schiffbrüchig"
Porträt der Kulturmanagerin Adolphe Binder. (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)

Was steckt hinter der Theaterkrise in Wuppertal und den Vorwürfen gegen Jan Fabre? Warum sind die Arbeiten des Regisseurs Jürgen Gosch so unvergesslich? Im September-Theaterpodcast schauen wir auf "siegreiche" und "schiffbrüchige" Theatermacher.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur