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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.01.2006

Hitler als Sündenbock

Historiker Hannes Heer untersucht deutsche Geschichtsumdeutung

Rezensiert von Uwe Stolzmann

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Szene aus dem Film "Der Untergang". Dient dieser nur der Geschichtsklitterung? (AP)
Szene aus dem Film "Der Untergang". Dient dieser nur der Geschichtsklitterung? (AP)

Der Historiker Hannes Heer stellt bei den Deutschen eine Geschichtsumdeutung fest: Filme wie "Der Untergang" oder die Hitler-Filme des Guido Knopp, aber auch die Schriften von Joachim Fest hätten nur zum Ziel, so seine These, die Schuld der Deutschen an Weltkrieg und Holocaust auf Hitler und seine Chargen zu reduzieren. Jegliche Mitverantwortung kann so abgestritten werden.

Heiliger Zorn treibt diesen Historiker, ein tiefes Bedürfnis, gegen Geschichtslügen zu Felde zu ziehen, so mächtig sie auch sein mögen. Hannes Heer, geboren im Kriegsjahr 1941, war Leiter der anklagenden und von Skandalen begleiteten ersten "Wehrmachtsausstellung" 1999. Er publizierte Texte über die "Konstruktion" von Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, zuletzt (2004) den Band "Vom Verschwinden der Täter" - "Der Vernichtungskrieg fand statt, aber keiner war dabei", so der Untertitel. Jeder Aufschrei aus der Menge, jede Anfeindung scheint ihm Ansporn zu sein, seinen Weg weiterzugehen: als ungeliebter Aufklärer.

Heers jüngstes Buch heißt "Hitler war’s. Die Befreiung der Deutschen von ihrer Vergangenheit". Der aphoristische Titel spiegelt den Glauben vieler Deutscher an die "Kollektivunschuld" der Kriegsgeneration und zugleich das Unbehagen aufgeweckter Zeitgenossen über den kaum noch naiven, eher sträflichen Umgang mancher Medien und Publizisten mit der jüngeren Historie.

Jahrzehnte lang hat man die NS-Zeit in Ost und West tabuisiert, dämonisiert; längst erlebt jene Ära nun ihre rigorose kommerzielle Verwertung. Hitler & Co. sind wieder salonfähig. Man zeigt sie uns gern, und wir sehen sie mit wohligem Gruselgefühl. Heer spricht vom "negativen Geniekult" und einem "Hitler zum Anfassen". Und alle Deutschen außerhalb ihres engen Zirkels - genau das suggerieren die neuen Darstellungen - waren unschuldig; sie hatten nicht teil an Nazi-Wahn und Verbrechen.

Bernd Eichingers Führer-Epos "Der Untergang", das Doku-Drama "Speer und Er" oder die plakativen Streifen Guido Knopps über "Hitlers Helfer", "Hitlers Kinder", "Hitlers Frauen" etc. - man ärgerte sich über die schematische Teilung des NS-Personals in gut und böse, man spürte, dass Geschichte in diesen Filmen sowie in den Textvorlagen von Joachim Fest und anderen verfälscht wurde. Jetzt, mit Heers Buch, kann man es belegen. Die Guten an Hitlers Seite im Filmbunker der Reichskanzlei - sie waren (wie die meisten Deutschen) "führergläubige Jasager", zum Teil Kriegsverbrecher, persönlich beteiligt an Massenmorden.

Sein Ziel hat Hannes Heer in einem Interview benannt:

"Ich möchte eine breite Öffentlichkeit erreichen und wachrütteln."

Gewiss, manche These wirkt provokant, doch für Zweifler gibt es eine dankenswert umfangreiche Materialsammlung: Ein Drittel des Buchs besteht aus Anmerkungen. Gut hundert Seiten Quellenverweise. Am Rande demonstriert der Historiker, dass man auch anders als Eichinger, Fest oder Knopp über die NS-Epoche denken und schreiben kann.

In "Gegenreden" zitiert er Dietrich Bonhoeffers bissiges Urteil über die deutschen Eliten, und er analysiert aktuelle, der Wahrheit verpflichtete Prosa-Familienromane von Uwe Timm und Wibke Bruhns.

Heer schreibt scharf und elegant; sein Buch ist eine Schatztruhe historischer Fakten und zugleich vollendeter Lesegenuss.


Hannes Heer: Hitler war's. Die Befreiung der Deutschen von ihrer Vergangenheit
Aufbau-Verlag, Berlin 2005,
439 Seiten, 24,90 Euro.

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