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Zeitfragen | Beitrag vom 08.04.2019

History MarketingGeschichte als Auftragsarbeit

Von Tim Schleinitz und Johanna Tirnthal

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Die von der Deutschen Lufthansa eingesetzte Maschine auf dem Flughafen Berlin-Tempelhof. Mit 377 km/h war die He 70 "Blitz" im Jahr 1932 das schnellste Verkehrsflugzeug der Welt. (dpa picture alliance )
Auch um die Unternehmensgeschichtsschreibung der Lufthansa gab es Kontroversen. (dpa picture alliance )

Immer mehr Unternehmen beauftragen Geschichtsagenturen damit, ihre Firmengeschichte zu dokumentieren. Veröffentlicht wird allerdings nur, was den Auftraggebern passt. Das wirft Fragen auf: nach der Unabhängigkeit und Objektivität von Geschichtsschreibung.

"Ich fühle mich Produkten unserer Kunden deutlich verbundener nach dem Projekt als vor dem Projekt", sagt Severin Roeseling. "Das betrifft Beiersdorf sicher genauso wie WMF oder Braun oder Melitta. Weil das so Marken waren, die einem so täglich begegnen können."

Roeseling hat vor 20 Jahren das Kölner "Geschichtsbüro Reder-Roeseling-Prüfer" mitbegründet. Seitdem hat die Agentur die Geschichte von ungefähr 250 Unternehmen aufbereitet – darunter auch viele sehr bekannte deutsche Firmen: 

"Das sind schon im Prinzip Ausstellungen, Filme, Internet-Präsentationen, Multimedia-Installationen, ganz verschiedene Dinge. Aber Kerngeschäft ist sicher das, was landläufig Festschriften genannt wird."

Die Geschichte muss dem Auftraggeber gerecht werden

Die Kosten für die Geschichts-Dienstleistung hängen von vielen verschiedenen Faktoren ab: Je nach Größe des Unternehmens, Tiefe der Recherche und Projektlaufzeit bezahlen Firmen beim Geschichtsbüro mehrere zehntausend Euro. Für Katrin Rohnstock, Gründerin der Berliner Geschichtsagentur "Rohnstock Biografien" ist es nicht immer einfach gewesen, auf die Frage nach dem Wert von Geschichte Antworten zu finden.

"Im Vordergrund steht bei uns, dass es eine Geschichte wird, die dem Auftraggeber gerecht wird. Aber es gibt oft Geschichten, die wir gerne machen würden, die nicht adäquat bezahlt werden. Das heißt die Gefahr, dass wir in diese Schiene rutschen zu entscheiden zwischen adäquater Bezahlung oder nicht - die ist groß. Und das war in den Anfangsjahren sehr groß und das hat mich auch fast zerrissen."

Geschichtsagenturen erforschen und erzählen also fast nur Geschichten, für die es auch Geld gibt – das ist ihr Geschäft.

Geschichte ist ein Wachstumsmarkt

Es wäre allerdings ein Trugschluss zu denken, dass Historiker*innen an der Universität sich nicht mit Finanzierungsfragen beschäftigen müssen. Auch hier werden Projektförderungen beantragt und Drittmittel eingeworben - also Gelder von der außerhalb der Universität. Der Historiker Ralf Ahrens, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam und Experte für Unternehmensgeschichte, bewertet die Arbeit der Geschichtsagenturen deshalb entsprechend differenziert: 

"Ich finde es natürlich als Historiker grundsätzlich gut, dass es einen Wachstumsmarkt Geschichte gibt. Nach welchen Standards man auf diesem Markt als Produzent von Geschichtsprodukten unterwegs ist, das ist eine Frage, die diskutiert werden muss, würde ich sagen. Meiner Ansicht nach gibt es so etwas wie eine Minimalvariante. Die besteht darin, dass ein Historiker oder eine Historikerin die verfügbaren Quellen durchzuarbeiten hat und dann auf der Grundlage dieser Quellen eine Geschichte schreibt, in der auch nachgewiesen ist, welchen Quellen welche Informationen entnommen worden sind."

Probleme können sich beim Zugang zu den Quellen ergeben, sagt Ralf Ahrens. Anders als viele andere Archive sind Unternehmensarchive privat - die Unternehmensleitung entscheidet über den Zugang.

Die wenigsten Firmen haben ein richtiges Archiv

Wenn eine Firma einen Vertrag mit einer Geschichtsagentur abschließt, kann es unter Umständen passieren, dass der Quellenzugang nur einmalig gewährt wird - bis der Auftrag erfüllt ist. Später können andere Historiker*innen nicht nachprüfen, auf welcher Grundlage die Unternehmensgeschichte erforscht und erzählt wurde. Mit schwierigen Quellenlagen hat auch Severin Roeseling vom Geschichtsbüro Erfahrungen gemacht. 

"Also es haben ganz selten Unternehmen etwas, das ein Historiker Archiv nennen würde. Das sind dann wirklich drei Umzugskartons voll mit Fotoalben, alten Katalogen, vielleicht noch einer ersten Handelsregistereintragung - mit relativ wenig Material. Das heißt, wir fangen dann an, Material zu suchen."

Abgesehen von Problemen mit der Quellenlage ergeben sich bei der Arbeit an Geschichtsprodukten natürlich auch grundsätzliche Fragen nach der Abhängigkeit von Geschichtsschreibung - veröffentlicht wird nur, was den Unternehmen passt.

"Es gab in den zwanzig Jahren zwei oder drei Situationen, wo wir im Gespräch mit dem Kunden drohten, nicht zusammenzukommen, und dann ganz am Ende hat sich's doch irgendwie geregelt; wo wir die Bücher zu Ende gemacht haben, wir aber unseren Namen aus dem Projekt rausgezogen haben. Da taucht dann keine Autorschaft Geschichtsbüro mehr auf. In diesen Fällen betraf das immer die Darstellung der NS-Zeit."

"Geschichtsschreibung ist Konstruktion"

Wie man mit so einem Konflikt umgehen kann, hängt von dem Vertrag ab, den die Agentur mit dem Unternehmen abgeschlossen hat.* Fragen nach Objektivität und Unabhängigkeit beschäftigen alle Seiten: auch Katrin Rohnstock in ihrer Agentur und Ralf Ahrens an der Universität. 

"Ich glaube nicht, dass es eine objektive Geschichtsschreibung gibt. Geschichte wird immer aus der Perspektive geschrieben, in der der Schreiber sich befindet. Keiner ist in der Lage, alle Perspektiven gleichermaßen einzunehmen, auch kein Historiker."

"Geschichtsschreibung ist Konstruktion und nicht einfache Rekonstruktion. Das betrifft uns grundsätzlich alle. Wann der Punkt erreicht ist, wo man sich sozusagen kaufen lässt, um etwas gegen seine Überzeugung zu schreiben, das muss dann jeder für sich selbst entscheiden. Das ist ein Problem, das man im Zweifelsfall in der Wissenschaft so nicht hat. Aber auf dem freien Markt, wenn es um den nächsten Auftrag geht, kann das möglicherweise passieren." 

Firmengeschichte als gesellschaftliche Aufgabe

Nichtsdestoweniger begrüßt Ahrens die Professionalisierung der Forschung an Unternehmensgeschichte - ob sie nun an öffentlichen Institutionen oder in privaten Agenturen passiert. In Unternehmen spiegelt sich die ganze Gesellschaft, sagt er: Werte, Politik, Wirtschafts- und Alltagsgeschichte. Besonders gut könne man das derzeit bei der Erforschung der deutsch-deutschen Transformation und der Rolle der Treuhand sehen. Auch Katrin Rohnstock ist die gesellschaftliche Dimension der Geschichten, die sie recherchiert, ein Anliegen. 

"Also, man ist immer zwischen zwei, drei Verantwortungen - der sich selbst gegenüber, den Mitarbeitern und der Gesellschaft -  da ist man immer so hin und her gerissen eigentlich. Ich finde, die Arbeit, die wir machen, die muss eigentlich gesellschaftlich ganz anders bezahlt werden. Also, das ist eine sagenhaft wichtige Arbeit, die zum sozialen Frieden beiträgt, zum Selbstverständnis unserer Gesellschaft. Also, wenn die aus staatlichen Mitteln finanziert werden würde, dann müssten wir das auch nicht privat anbieten."

*An dieser Stelle wurde das ursprüngliche Manuskript um eine Passage gekürzt.

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