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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.06.2012

Historisches Psychogramm

Ralf-Peter Märtin: "Pontius Pilatus", S. Fischer Verlag, Frankfurt 2012, 175 Seiten

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Pilatus' Hände in Unschuld waschen ist nicht nur vor Gericht sprichwörtlich geworden. (picture alliance / dpa - Andrey Starostin)
Pilatus' Hände in Unschuld waschen ist nicht nur vor Gericht sprichwörtlich geworden. (picture alliance / dpa - Andrey Starostin)

Ein unsterblich gewordener römischer Beamter ist der Held des neuen Sachbuches von Historiker Ralf-Peter Märtin: "Pontius Pilatus". Darin liefert er Hintergründe und Fakten aus Kultur- und Kirchengeschichte und versucht eine Annäherung an den Menschen hinter der überlieferten Figur.

An jedem Sonntag erwähnen Millionen Christen auf der Welt in ihrem Credo den Namen eines antiken Römers: "gelitten unter Pontius Pilatus". An jedem Werktag beschweren sich Millionen Bürger, sie seien – auf Behörden oder in Arztpraxen zum Beispiel – "von Pontius zu Pilatus geschickt worden" und vielleicht ebenso oft zitierten ihn Angeklagte vor Gericht: "Ich wasche meine Hände in Unschuld!"

2000 Jahre Kirchen- und Kulturgeschichte beförderten "einen mittelmäßigen Beamten direkt in die Unsterblichkeit", wundert sich der Frankfurter Historiker Ralf-Peter Märtin. Aber: Nur drei historische Quellen beschreiben die Amtsführung des kaiserlichen Statthalters in Judäa in den Jahren 26 bis 36 n. Chr.: Flavius Josephus, Philo von Alexandrien und die biblischen Evangelien. Alle färben Pilatus für ihre offenkundigen Absichten ein – als Schwächling, als Schurken, als Bewunderer Jesu - und so verfolgt Märtin weder die juristische noch die theologische Frage, wer schuld am Tode Jesu sei, sondern versucht, ein Psychogramm des Pilatus zu rekonstruieren:

"Was die Verfasser der Evangelien geschaffen haben, ist eine paradigmatische Figur von zeitloser Aktualität: Ein Mensch, der mühsam improvisiert und, verstrickt in seine selbst geschaffenen Abhängigkeiten, scheitert."

Innenansichten einer historischen Person zu entwerfen, wagen nur wenige Wissenschaftler. Ralf-Peter Märtin muss spekulieren, ja, aber das tut er auf seriösem Niveau und das finde ich gut und legitim. Er weckt Interesse und Verständnis für Pilatus, erzeugt sogar jenes Mitleid, das schon in biblischen Passionstexten durchklingt.

Sein Buch hat drei Teile: die Darstellung der Fakten und Hintergründe, wie und warum der nicht-adelige Pilatus, Günstling des Generals Sejanus, erst Karriere macht und dann, als sein Förderer im Jahre 31 n. Chr. wegen Verschwörung hingerichtet wird, in einen gefährlichen Loyalitätskonflikt zu Kaiser Tiberius gerät; ab Seite 75 fabuliert Märtin im Stil einer historical fiction, wie ungeschickt Pilatus beim Prozess gegen Jesus in die Zwickmühlen politischer Intriganten gerät, bis schließlich das römische Recht vor der Lynchjustiz einknickt; und schließlich, wieder ganz Sachbuch, referiert der Autor die archäologischen Funde und die volkstümlich-christlichen Legenden um Pilatus.

Im Bemühen, das Denken und Fühlen des bedrängten Römers nachvollziehbar zu machen, schreibt Märtin im belletristischen Teil seines Buches leider so geschraubt, wie Pilatus von Altphilologen übersetzt würde:

"Dass er ihn nicht gemocht – wie sollt` er`s ihm beweisen und dass er nichts gewusst`- wer glaubt` es ihm? Wer konnt` es wagen, mit Verteidigung den Schmerz des Vaters zu beleidigen?"

Das klingt wie Johann Adolf Schlegel und qualvolle Lateinstunden Anno Dunnemals. Andererseits: Der im ersten und dritten Teil des Buches wunderbar lakonische Humor des Autors, eine Zeittafel im Anhang, etliche Abbildungen und eine sorgfältige Literaturliste gleichen solche sprachlichen Lockenwickler wieder aus.

Besprochen von Andreas Malessa

Ralf-Peter Märtin: Pontius Pilatus. Römer, Ritter, Richter
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2012
175 Seiten, 9,99 Euro

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