Historisches Dokument mit persönlichen Erinnerungen

29.08.2011
In seinem postum veröffentlichten Buch erläutert der Künstler Sizzo Stief, wie die Nationalsozialisten sich ab 1933 der auf privater Initiative entstandenen Wagner-Gedenkstätten in Graupa bemächtigten und als eigenen Verdienst propagandistisch feiern ließen.
Pünktlich zum 200. Geburtstag Richard Wagners 2013 werden die Richard-Wagner-Stätten Graupa, unweit Pirna bei Dresden den Höhepunkt ihrer Museumsgeschichte feiern - mit der Installierung einer multimedialen Richard-Wagner-Dauerausstellung im renovierten Jagdschloss (gegenüber dem sogenannten "Lohengrinhaus").

Die Geschichte der Gedenkstätten geht zurück ins Jahr 1907, als das ehemalige Gut als Wagnermuseum eröffnet wurde. In diesem Haus hatte sich 1846 der damalige Dresdner Hofkapellmeister Wagner samt Frau und Hund Peps für drei Monate einquartiert, um die Musik zur Oper "Lohengrin" zu skizzieren. Der Immobilie widerfuhren mancherlei widrige Schicksalsschläge, von mehrfachem Besitzerwechsel bis hin zur amtlichen Abrissgenehmigung. Sizzo Stief war der Mann, der die Zerstörung des Hauses verhinderte. Von 1917 bis 1956 (als er die DDR verließ) hatte er sich aufopferungsvoll um die Rettung, Etablierung und Sicherung des "Lohengrinhauses" verdient gemacht. Aber auch die Aufstellung des schon 1912 entstanden, aber erst 1933 eingeweihten Wagnerdenkmals von Richard Guhr im nahegelegenen Liebethaler Grund ist ihm zu verdanken.

Stief wurde 1900 als Sohn eines Coburger Konditors geboren, verbrachte seine Jugend bei Graupa und studierte als Hochbegabter schon mit 14 an der Akademie für Kunstgewerbe in Dresden. Zu diesem Zeitpunkt beginnt seine beinahe kriminalistische Geschichte, die er selbst 1971, vier Jahre vor seinem Tod aufgeschrieben hat: "Erforschtes und Erlebtes". Die Architekturhistorikerin Ulrike Eichhorn ist bei Recherchen im Archiv der Stadt Pirna auf das Manuskript gestoßen und hat es nun veröffentlicht. Die Publikation darf als verspätete Würdigung des vergessenen Autors gelten. Seine detaillierten Aufzeichnungen sind schon deshalb so spannend zu lesen, weil sie beispielhaft vor Augen führen, wie die Nationalsozialisten sich der auf eine private Initiative hin entstandenen Wagner-Gedenkstätten bemächtigten. Die Wagner-Gedenkstätten in Graupa wurden im Sinne der NS-Musikpolitik propagandistisch vereinnahmt.

Das schmale Büchlein von 75 Seiten ist nicht nur ein museumsgeschichtlich aufschlussreiches Dokument, es enthält auch interessante persönliche Erinnerungen, zeitgeschichtliche Beobachtungen und biographische Details über Richard Wagner. Es verdient aber vor allem als anrührendes Paradebeispiel engagierten Bürger-Engagements Beachtung. Sizzo Stief leistete schließlich zur Rettung der Wagner-Denkmäler unerschrockenen Widerstand gegen amtspolitische Ignoranz und parteipolitische Arroganz, wie man seiner Bekenntnisschrift entnehmen kann. Ihre mit historischem Bildmaterial reich illustrierte Veröffentlichung durch Ulrike Eichhorn ist trotz fehlerhafter Kommentierung ein Gewinn - für jeden, der sich für Wagners Dresdner Zeit und für deutsche Wagnerdenkmäler interessiert.

Besprochen von Dieter David Scholz

Sizzo Stief: Erforschtes und Erlebtes. Das Lohengrinhaus in Graupa und das Richard-Wagner-Denkmal im Liebethaler Grund
Hrsg. von Ulrike Eichhorn
Edition Eichhorn, Berlin 2011
75 Seiten, 9,94 Euro