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Lesart / Archiv | Beitrag vom 14.11.2018

Historische Krimis von Frank GoldammerWo der "Angstmann" umgeht

Von Elmar Krämer

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Autor Frank Goldammer auf der Frankfurter Buchmesse 2016. (picture alliance / Frank May)
Autor Frank Goldammer schreibt mit viel Disziplin an seinen Fortsetzungen. (picture alliance / Frank May)

Frank Goldammer ist eine der Nachwuchshoffnungen der deutschen Krimi-Szene. Seine historischen Kriminalromane um den Dresdner Kommissar Max Heller sind Bestseller. Er schreibt mit großer Disziplin: Vier Buchseiten pro Tag sind Pflicht.

"Für mich hat Berlin eine extrem große Symbolkraft. Ist auch für mich so ein bisschen ein Tor zur Welt. Hier kommt vieles zusammen und von hier geht vieles nach außen."    

Frank Goldammer, Jahrgang 1975, ist gerade auf dem Weg, seine Berufung zum ausschließlichen Beruf zu machen. Die ersten drei Bände seiner historischen Kriminalromane um den Dresdner Kommissar Max Heller sind bei dtv erschienen und Bestseller mit Übersetzungen in diverse Sprachen. In Berlin wurden sie bei "Der Audio Verlag" und "Audible" zu Hörbuch und Hörspiel.    

1944 – kein leichter Rahmen                                 

Hörbuch: "November 1944. Die Elbe bot einen trostlosen Anblick. Die Tür der Werkstatt stand offen und das, was Heller dort sah, hatte er so nicht erwartet. Wer hat sie gefunden? Zwei Jungen."

Hörspiel: "Das war bestimmt der Angstmann. Meine Mutti sagt, der Angstmann geht um. Das ist doch Unsinn… Geht jetzt nach Hause. Angst gibt schon genug, da brauchen wir nicht auch noch Gruselgeschichten …Man kann ihn manchmal auch hören…"

Dresden 1944 kurz vor dem Ende des Dritten Reichs im ersten Band "Der Angstmann", 1947 zwei Jahre nach Kriegsende in "Tausend Teufel" und 1948 inmitten des Wiederaufbaus in "Vergessene Seelen" - es ist kein leichter Rahmen, den Frank Goldammer für seine Romane gewählt hat.                                        

Hörspiel: "Der Täter kannte die Tatorte."

Kein Schindluder treiben                                                                     

Den ersten Impuls, sich in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu wagen, gab sein Großonkel Werner Fritsche, der lange Jahre nicht über seine Kriegserlebnisse reden wollte.                                    

Goldammer: "Aber mit dem Tod seiner Frau, meiner Großtante, hat er sich hingesetzt, hat versucht das alles mal niederzuschreiben. Da war er schon über 80, hat aber dann gemerkt: Er schafft das nicht. Da hab ich mich bei ihm hingesetzt und dann hat er wie es ihm einfiel erzählt, also alles durcheinander und so.

Seine Erzählung, wie er nach Dresden zurückgekommen ist und wie er die Zerstörung wahrgenommen hat, aber noch viel krasser, wie er wahrgenommen hat, dass diese ganzen Menschen, die da leben, das gar nicht mehr gesehen haben und das war der erste Impuls die Initialzündung für mich zu sagen: Eigentlich müsste man sich mal mit diesem Thema beschäftigen und dann überlegt man natürlich mache ich jetzt einen Krimi draus und wie fange ich damit an.

Und dann war mir auch klar, dass man mit der Sache auch kein Schindluder treiben darf. Also wenn ich das mache, war ich mir schon von Anfang an sicher, dann musst du es so korrekt wie möglich machen."

Maler, Vater und Schriftsteller

Unterhaltungsliteratur wollte Frank Goldammer schreiben, aber mit dem Anspruch, Zeitgeschichte so authentisch und so persönlich wie möglich darzustellen. Er suchte und fand Zeitzeugen, recherchierte in Archiven, las die Tagebücher des Victor Klemperer und vieles mehr. Und all das neben seinem Brotjob als Maler und Lackierer im Familienbetrieb und seinem Leben als alleinerziehender Vater – ein volles Programm.

Goldammer: "Der Tagesablaufs ist relativ einfach gestaffelt: Um sechs wache ich auf, wecke dann die Kinder - das ist ja der schwerste Teil des Tages eigentlich, die aus dem Bett zu holen. Dann mache ich denen die Brotbüchsen fertig und bringt die in die Schule und dann gehe ich selber auf Arbeit und dann ist der ganz normale Nachmittagsbetrieb.

Dann gibt es Abendessen, dann sollen die Kinder eigentlich um acht im Bett sein, meistens wird es später. Und dann setze ich mich an den Computer. Und dann habe ich mein Pensum: Das in vier Buchseiten, vier Buchseiten müssen jeden Tag kommen. Jeden Tag, sieben Tage die Woche, egal was ist. Und das hat natürlich auch seine Nachteile."

Schwerer Schritt in die Öffentlichkeit                                

Seit über 20 Jahren schreibt Frank Goldammer mit fast schon manischer Disziplin Bücher, etliche hat er im Selbstverlag oder bei kleinen Verlagen veröffentlicht. Es hat lange gedauert, bis er sich überhaupt an die Öffentlichkeit getraut hat, so sagt er – schwer vorstellbar, wenn man den freundlichen, kommunikativen und stark tätowierten Autor heute sieht.                                                                                      

"Und nach zehn Jahren Öffentlichkeitsarbeit bin ich dann an dtv geraten und habe denen dann das Konzept vom Angstmann vorgestellt."                  

Als dann eines Tages der Anruf kam, war Goldammer gerade in seinem Erstjob auf einer Baustelle unterwegs.                                                                                                  

"Tatsächlich in der rechten Hand ein Pinsel, in der linken Hand das Telefon am Ohr und die Frau hat mir zwei Stunden lang voller Begeisterung erzählt, wie toll sie das Buch findet. Also wie gesagt, ich komme aus einer Arbeiterfamilie und dann sagte sie: Wollen wir mal über Ihren Vorschuss reden oder ihr Garantiehonorar. Bei uns ist das so und so.

Ich hatte nur noch ein Grinsen im Gesicht. Ich konnte gar nicht reden. Und dann habe ich versucht, alle die ich kenne anzurufen, und keiner ist ans Telefon gegangen, meine Mutter nicht, meine Freundin nicht. Niemand war zu erreichen und ich stand mit meiner Euphorie da und wüsste nicht wohin damit."                                

Kriminalistisch durch die Geschichte                               

Das war 2016. Seitdem ist viel passiert, Goldammer wird zu Lesungen eingeladen, ist Stammgast auf den Buchmessen – alles Termine, die er gerne macht, die ihn aber auch unter Druck setzen und außerdem hat er ja sein Schreibpensum.

"Mein Kopf ist so voll, wenn ich im letzten Drittel des Manuskripts bin, da drängt es mich schon, mich zu beeilen, weil ich habe das Nächste schon im Kopf."

Mit seinem Protagonisten bewegt sich der Dresdner Autor weiter durch die Deutsche Geschichte und lässt sie in seinen Kriminalromanen ganz anders plastisch werden, als es Geschichtsbücher vermögen.

Emotionale Fan-Treffen

Der vierte Max Heller Roman erscheint im Dezember. Jedes Mal wieder ist der Autor gespannt auf Reaktionen von den Lesern – nicht zuletzt von Menschen, die die Welt, die er beschreibt selbst erlebt haben.

"Mein erstes Erlebnis war tatsächlich, dass bei meiner Premierenlesung in Dresden so eine ältere Dame auf mich zukam, bestimmt auch schon über 90. Die hat gesagt, ich war dabei gewesen und ich finde es gut, dass sie das schreiben, damit die jungen Leute das auch lesen, wie das gewesen ist. Da kriege ich jetzt noch Gänsehaut, wenn ich darüber spreche. Damit habe ich nicht gerechnet."                                 

Bei seinem Berlinbesuch blickt Frank Goldammer nachdenklich hoch auf den Turm der Gedächtniskirche – ein eindrucksvolles Mahnmal sagt er:

"Hier sieht man an der Gedächtniskirche noch die Zerstörungen und die Kriegsauswirkungen, ich glaube, das fehlt ein bisschen in meiner Heimatstadt."

Frank Goldammer: "Der Angstmann"
Hörbuch, 10.13 h
Sprecher: Heikko Deutschmann
Der Audio Verlag, 2016
1 CD, 19,99 Euro

Frank Goldammer: "Der Angstmann"
Hörspiel, 7 h
Sprecher: Matthias Koeberlin, Michael-Che Koch, Bernd Reheuser, Corinna Dorenkamp, Mark Zak, Matthias Lühn
Audible, 2018
19,95 Euro

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