Seit 06:00 Uhr Nachrichten

Freitag, 16.11.2018
 
Seit 06:00 Uhr Nachrichten

Politisches Feuilleton | Beitrag vom 28.06.2018

Historisch betrachtetBayerns Eigensinn

Von Gerald Huber

Beitrag hören Podcast abonnieren
Horst Seehofer (CSU) - zu diesem Zeitpunkt noch Bayerns Ministerpräsident - führt in Mörnsheim (Oberbayern) eine Schafherde an.  (dpa picture alliance/ Stefan Puchner)
Eine bayerische Herde lässt sich traditionell nur von einem Bayern führen, sagt auch der Historiker Gerald Huber. (dpa picture alliance/ Stefan Puchner)

"Mia san Mia" – das sagt alles über den bayerischen Stolz und Eigensinn. Denn Bayern geht seit langer Zeit Sonderwege. Der Historiker und Journalist Gerald Huber hat sich dieses genauso aktuelle wie alte Phänomen angeschaut.

Was ist ein Sonderweg? Das kommt auf die Perspektive an. Wer gibt die Marschrichtung vor? Und hat jemand überhaupt eine Marschrichtung vorzugeben? Wer schafft an? Und wer muss folgen?

Die Bayern sind keine Germanen

Bayerns Weg beginnt am Ende des Römischen Reichs. Im 5., 6. Jahrhundert. Als sich zwischen Alpen und Donau beginnt ein Mischvolk herauszubilden aus einheimischen Keltoromanen und zuziehenden Germanen, in der Hauptsache Alamannen, und Goten. Bald darauf ist erstmals die Rede von den Baioarii, den Männern im alten Keltenland Baia, den Bayern. Nein, die Bayern sind keine reinen Germanen. Sie gehen den deutschen Weg, teilen ihn mit den Nachbarn im schwäbisch-alemannischen Raum, und den Leuten entlang des Rheins.

Überall dort nämlich und nur dort, wo einst der römische Reichsfrieden galt, beginnt das Deutsche zu entstehen. Das eben kein reines German ist, sondern, ebenso wie das Französische oder das Spanische, eine schöne Tochter der großen alten Mutter Latein. Ist das Althochdeutsche ein Sonderweg oder das Altniederdeutsche? Oder gar das Altsächsische?

Bayern als Scharnier zum romanischen Süden

Was die Bayern wirklich zu etwas Besonderem macht, das ist die königgleiche Stellung ihrer frühen Herzöge, die das Land jahrhundertelang mehr oder weniger unabhängig regieren, bis es als letztes einer Reihe von peripheren Kleinkönigreichen auf altem römischen Boden wie Aquitanien oder Alemannien von Karl dem Großen ins Frankenreich eingegliedert wurde.

Ohne übrigens die politische und rechtliche Integrität Bayerns groß anzutasten. Bayern war künftig das Scharnier zum romanischen Süden. Und ein Scharnier ist, was es ist, gehört weder zur Wand noch zur Tür. Aber für die Tür ist es da. Nach wie vor interessieren sich die Bayern für die Seite, wo sich was rührt, wo schon immer Kultur war, für den Süden und zeigen dem Norden so oft es geht die kalte Schulter. Römisch gewesen. Römisch-Katholisch geblieben. Sonderwege? Sind andere gegangen.

Zu klein um selbständig zu bleiben

Der älteste durchgehend existierende Staat Europas war in all seinen 1500 Jahren manchmal zu klein, um selbständig zu bleiben. Aber vom böhmischen Wald bis zu den Bergen der Alpen immer zu groß, um sich widerspruchslos in größere Reiche einzufügen.

Die Könige und Kaiser des Hochmittelalters kamen entweder aus diesem Land oder sie hatten ihre liebe Not damit. Weswegen Barbarossa – Divide et impera! – Bayern 1156 teilte. Er trennte das bayerische Ostreich, Österreich vom Mutterland ab. Die getrennten Wege Bayerns und Österreichs schmerzen noch heute. Und nach wie vor schauen die Bayern – außer nach Rom – am liebsten nach Wien.

Bayern hasst das Preußentum

Am Ende des Alten Reichs war Bayern wieder einmal souverän. Doch nur für ein paar Jahrzehnte. Die große antipreußische Mehrheit der Bayern wurde schließlich 1871 von einer liberalen großbürgerlichen Minderheit auf den Weg ins neue Kaiserreich gezwungen. Die Bayern hassten damals und hassen heute noch das großspurige Preußentum. Wenn ihnen jemand erzählen will, wie es laufen soll. Sie können ganz gut auf sich selber aufpassen. Schon immer.

Andere Wege werden zu Sonderwegen erklärt

Als von Berlin und anderen heute großmächtigen Ortschaften im Norden und Osten noch lang keine Rede war, da war Bayern nämlich längst ein Land voller Städte. Großer und kleiner. Der Stadtbürger ist gewöhnt eigene, autonome Wege zu gehen, seine Angelegenheiten selbst zu regeln. Und wehe, da spuckt ihm wer rein. Nur wenn es gar nicht mehr geht, beansprucht er Hilfe von der nächstgrößeren Einheit.

Die Haltung, alles Heil von oben zu erwarten und deswegen zuerst gleich einmal die Hand aufzuhalten, ist ihm fremd und zuwider. Subsidiarität ist das Denken von unten nach oben. Sehr demokratisch. Gegen jeden Untertanengeist, der es erlaubt und im Grund auch erwartet, dass von oben nach unten durchregiert wird. Dass einer die Marschrichtung vorgibt. Und alle anderen Wege zu Sonderwegen erklärt.

Es geht um den besten Weg

Das Wort Sinn stammt aus dem Lateinischen und bedeutet nicht nur Sinn, sondern auch Weg. Eigen-sinnige Leute sind, zugegeben, nicht besonders bequem. Aber geht’s darum? Bequem zu sein? Geht’s um bequeme Wege? Oder geht es um den besten Weg? Welcher der bessere Weg ist? Das stellt sich oft erst am Ziel heraus.

Gerald Huber (Bayerischer Rundfunk)Gerald Huber (Bayerischer Rundfunk)Gerald Huber, Jahrgang 1962, ist Redakteur beim Bayrischen Rundfunk. Der Schriftsteller und Historiker hat zahlreiche landeskundliche Bücher und Werke zur bayrischen Geschichte veröffentlicht.

Politisches Feuilleton

Islam und IntegrationMehr Frauen in die Muslim-Verbände!
Viele Muslime knien auf dem Boden und sprechen ein Friedensgebet gegen Extremismus in Kreuzberg, Berlin in Deutschland. Islamische Verbände halten Friedensgebet vor der Mevlana-Moschee ab, vor der vor einem Monat ein Brandanschlag verübt wurde. Eine Aktion des Zentralrats der Muslime, der Türkisch-Islamischen Union (Ditib), des Islamrates und dem Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ). (imago/Mike Schmidt)

Integrationsbeauftragte Annette Widmann-Mauz will künftig nur noch mit Migrantenverbänden verhandeln, die mindestens eine Frau im Führungsgremium haben. Sie erntete für ihren Vorstoß prompt Kritik. Die Publizistin Sineb El Masrar hingegen findet ihn gut.Mehr

KapitalismusWir brauchen gerechte Preise!
Frauen an Nähmaschinen. Eine schaut in die Kamera. (imago / ZUMA Press)

Der Markt hat immer Recht? Nein, meint Christoph Fleischmann. Denn das Prinzip Angebot und Nachfrage sorge nicht für Gerechtigkeit. Entsprechend dürfe man es nicht allein dem Markt überlassen, die Preise festzulegen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur