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Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.12.2012

Historikerin Yfaat Weiss erhält den Hannah-Arendt-Preis

Jury würdigt Erforschung der israelisch-palästinensischen Geschichte

Von Christina Selzer

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In Haifa schaffen es Araber und Juden, friedlich zusammen zu leben - an anderen Stellen halten sie sich mit Stacheldraht voneinander fern.  (Thomas Bade)
In Haifa schaffen es Araber und Juden, friedlich zusammen zu leben - an anderen Stellen halten sie sich mit Stacheldraht voneinander fern. (Thomas Bade)

Die israelische Historikerin Yfaat Weiss hat die Geschichte des Stadtteils Wadi Salib der Hafenstadt Haifa erforscht. Dafür erhält sie jetzt den Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken. Die Auszeichnung wird jährlich vergeben und will zur Diskussion über strittige politische Fragen anregen.

Die israelische Hafenstadt Haifa gilt als gelungenes Beispiel für das Miteinander von Arabern und Juden. Aber das ist nur eine Illusion, sagt die diesjährige Trägerin des Hannah-Arendt-Preises, Yfaat Weiss. Unter den Ruinen des verlassenen Stadtviertels Wadi Salib fand sie eine Geschichte der Vertreibung, die lange verdrängt wurde.

Ihr Buch "Verdrängte Nachbarn. Wadi Salib – Haifas enteignete Erinnerung" ist in diesem Jahr in deutscher Übersetzung erschienen. Darin schildert die Historikerin zwei Geschichten: Die Vertreibung arabischer Einwohner aus ihren Häusern während des Krieges 1948. Und später, 1959, die Proteste marokkanischer Juden in dem damaligen Armenviertel Wadi Salib.

"Ich hatte versucht, anhand eines Stadtteils die Geschichte Israels in kurzer Form zu erzählen. Zwei Ebenen zu verbinden. Die politischen Ereignisse fanden 1948 statt. Und obwohl die Ereignisse nur 11 Jahre auseinander liegen, sind sie im israelischen Bewusstsein separiert. 48 ist verschwunden. Mein Versuch war, 48 zurückzuholen, den Weg zu 48 über 59 zu finden."

Yfaat Weiss wurde in Haifa geboren. Nach ihrem Studium in Hamburg und mehreren Auslandsaufenthalten kehrte sie Ende der 90er Jahre in ihre Heimatstadt zurück.

Die 50jährige gehört dabei einer jüngeren Generation von Historikern an. Ohne Vorurteile erforsche sie die Geschichte Israels und Palästinas, begründet die Jury ihre Entscheidung. Weiss öffne den Blick für ein neues Denken über das Zusammenleben von verschiedenen Bevölkerungsgruppen und Minderheiten. Die Vorsitzende der Jury des Hannah-Arendt-Preises, Antonia Grunenberg:

"Was die Jury an der Frau Weiss überzeugt hat, war die Art und Weise, wie sie in die Geschichte Israels und seiner Minoritäten, in die innerjüdischen Probleme und in die zwischen Juden und Araber eingegangen ist, Das ist eine neue nüchterne, aber fast liebevolle Art, mit der Linse auf die Verhältnisse zu gucken und ganz kleinteilig die Mosaikstücke zusammenzusetzen und zu schauen, wie genau sind die Geschichten der vielen einzelnen, die Israel machen."

In dem Viertel Wadi Salib lebten ehemals Araber. Sie wurden kurz vor der Gründung Israels 1948 von der jüdischen Bevölkerung verdrängt. Später wurden in Wadi Salib mittellose jüdische Flüchtlinge aus Marokko angesiedelt. Eine Zwei-Klassen-Gesellschaft entstand: Hier die orientalischen Juden, kinderreiche Familien, die in Armut leben. Dort die europäische jüdischen Elite, die im jungen Staat Israel bestimmte, wo es langging. Die Wut staute sich auf. Dann, im Juli 1959 brach der Konflikt auf. Es kam zu Straßenschlachten. Weiss:

"Wadi Salim stand immer für das ethnische Problem, das bezog sich immer auf innerjüdische Auseinandersetzungen. Wadi Salib stand immer für die Konflikte zwischen orientalischen und aschkenasische Juden, durch den Aufstand von 1959, dem ersten sozialen Aufstand in Israel."

Es sind die verdrängten Probleme, die bis heute nachwirken, so die These von Yfaat Weiss. Wie eine Archäologin gräbt die Historikerin die Bruchstücke der Geschichte aus, trägt Schicht für Schicht ab. Und dreht die Geschichte zurück – gegen den Uhrzeigersinn, wie sie sagt. Denn für sie steht fest: Die heutigen Konflikte haben auch mit dieser verdrängten Vergangenheit zu tun. Weiss legt die Narben der Stadt offen, will so Erinnerung möglich machen.

"Mein Versuch war, zu zeigen, wie anhand von Gebäuden, alle Versuche, zu retuschieren, misslingen. Und so die Situation entsteht, dass manches immer noch brachliegt. Manches, was hätte modernisiert werden sollen, sich nicht modernisieren lässt. Dass die Last der Amnesie sich nicht nur im psychologischen, politischen, sondern im Stadtbild selber, im Materiellen wieder ausdrückt."

In diesem Mikrokosmos zeigen sich alle Komponenten des heutigen Nahostkonflikts. Die Wahrheit ist komplex. Einfache Lösungen gibt es nicht.

Bei der Preisverleihung im Bremer Rathaus hob der Laudator, der britisch-kanadische Autor Doug Saunders, hervor, es gelinge der Preisträgerin, von den bekannten einfachen Kategorien abzurücken: Israelis und Palästinenser. Juden und Araber. Zionisten und Islamisten. Siedler und Besetzer.

""Sie hat die historische Vereinfachung und ideologische Hülle jener einfachen Kategorien entfernt und das darunterliegende, echte Haifa offengelegt, und damit auch die echte Geschichte des modernen Israels. Mit Hilfe der multiplen, konkurrierenden Stimmen erzählt sie die Geschichte Israels in einer Weise, wie kein einfaches Narrativ und keine ideologische Erklärung es je könnte."

Die Geschichte, die Yfaat Weiss erzähle, sei eine Tragödie. Doch sie gebe auch Hoffnung. Weil sie der gesamten Bandbreite der Stimmen zuhöre, die aus dem Schutt auftauchten. Durch diese Art der Geschichtsschreibung werde deutlich, dass in jeder verlassenen Ruine viele bessere Versionen der Zukunft enthalten seien. Und das sei besser als jede einfache Antwort.


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