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Im Gespräch | Beitrag vom 18.10.2018

Historikerin Irina Scherbakowa"Der Staat ist alles, der Mensch ist nichts"

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Die Historikerin Irina Scherbakowa (dpa / picture alliance / Mike Wolff)
Die Historikerin Irina Scherbakowka lernte von ihren Eltern, die Regierung zu kritisieren. (dpa / picture alliance / Mike Wolff)

Als Mitglied der russischen Menschenrechtsorganisation "Memorial" ist Irina Scherbakowa ständig mit der Realität einer unberechenbaren Staatsmacht konfrontiert. Für ihr Land sieht die russische Historikerin eine düstere Zukunft.

Öffentliche Anfeindungen, Verhaftungen von Freunden und Verwandten sowie Willkürjustiz sind Teil ihrer Gegenwart in Russland. Auch deshalb, weil Irina Scherbakowas Hauptinteresse der Vergangenheit gilt. Mit der Menschenrechtsorganisation "Memorial" ist sie um eine Aufarbeitung der sowjetischen Verbrechen der Stalin-Ära und der Zeit danach bemüht. Anfang der Neunzigerjahre, als es sogar Prozesse gegen die Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPDSU) gab, setzte "Memorial" sich zum Beispiel erfolgreich dafür ein, dass die einschlägigen Archive geöffnet wurden. Doch mit der nachfolgenden Wirtschaftskrise verloren viele  Menschen das Interesse an der Aufarbeitung. "Sie wollten immer weniger von den Schrecken der Vergangenheit wissen", sagt die Historikerin.

Heute stehen Irina Scherbakowa und ihre Mitstreiter unter gesetzlich angeordneter Beobachtung. "Das ist ein Gesetz, das den Verfassungsraum absolut verlässt. Da werden Organisationen als ausländische Agenten gebrandmarkt, die den Anspruch haben, so steht es in diesem Gesetz, die öffentliche Meinung zu verändern. Und das tut ja fast jeder Mensch, der politisch ist." Trotz Anfeindungen richtet "Memorial" nach wie vor jedes Jahr einen Schüler-Geschichtswettbewerb aus; gemeinsam mit der deutschen Körber-Stiftung. Dabei sollen die Jugendlichen ihre eigene Familiengeschichten erforschen. "Wir rufen nicht dazu auf, über die Repressalien zu forschen, sondern wir wollen, dass sie selbst darauf kommen, was das für ein System war und was das für ihre Familien bedeutet hat."

Ihre Eltern träumten als Dissidenten von der Demokratie

Ihre eigene Politisierung erfuhr Irina Scherbakowa, Tochter jüdischer Eltern, schon früh. Vater und Mutter waren politisch sehr engagiert, träumten von einer Demokratie und bewegten sich in Dissidentenkreisen. Anfang der Fünfzigerjahre, als die ersten Berichte aus den Gulags auftauchten, vollzog die Familie dann den endgültigen Bruch mit dem System. "Ich bin also in einem sehr kritischen Haus aufgewachsen, und davon profitierte ich natürlich. Die Eltern haben auch nichts vor mir verheimlicht. Und die Wahrheit haben wir zum Teil zusammen aufgenommen." Gerade hat die Historikerin und Journalistin ein Buch über die Geschichte ihrer Familie veröffentlicht: "Die Hände meines Vaters".  

Mit großer Sorge beobachtet Irina Scherbakova, dass Stalin, dem "Autor des Terrors und dieses ganzen Systems",  in Russland wieder zunehmend positiv bewertet wird. Und sie wundert sich wie viele Menschen noch immer verinnerlicht haben, was ihnen und ihren Vorfahren schon unter den Zaren tief eingepflanzt wurde: "Der Staat ist alles, der Mensch ist nichts".

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