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Lesart | Beitrag vom 17.10.2020

Historikerin Hedwig RichterKopf- oder Bauchsache – ein Nachdenken über Demokratie

Moderation: Christian Rabhansl

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Porträt von Hedwig Richter. (Deutschlandradio/ Christian Kruppa)
Demokratiegeschichte sei "unwahrscheinlich widersprüchlich", meint die Historikerin Hedwig Richter. (Deutschlandradio/ Christian Kruppa)

In der deutschen Demokratiegeschichte seien Reformen "völlig unterschätzt", meint die Historikerin Hedwig Richter. Der Publizist Ijoma Mangold erkundet den inneren Stammtisch und schlägt vor, "das Dunkle zu sehen, aus dem unsere Meinungen hervorgehen".

Die Historikerin Hedwig Richter hat ein verblüffend optimistisches Buch geschrieben – und die Verblüffung kann schon beim Lesen des Titels beginnen. "Demokratie. Eine deutsche Affäre. Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart" heißt der 400 Seiten starke Band. Ist eine Staatsaffäre gemeint? Eine Liebesaffäre? Eine leidenschaftliche Affäre, eine flüchtige Affäre?

"In diesem ganzen breiten Spektrum" bewege sich die deutsche Demokratiegeschichte, die eine reiche Geschichte sei, sagt Richter: "Anders als wir oft denken, beginnt sie nicht erst 1945, auch nicht erst mit der Weimarer Republik, sondern die Demokratiegeschichte ist eigentlich eine verblüffend international parallel verlaufende Geschichte des nordatlantischen Raumes."

Nicht nur die Revolutionen zählen

Demokratiegeschichte sei aber auch "unwahrscheinlich widersprüchlich". Demokratie sei immer krisenhaft und Krisen seien sogar wichtig für Demokratie, sagt die 47-jährige Historikerin, die sich über einen Vergleich von Wahlen in den USA und in Preußen habilitierte und an der Universität der Bundeswehr München lehrt. "Auch die Kritik ist sehr wichtig – es ist wichtig, dass wir die Probleme sehen, die es natürlich gibt."

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Richter wendet sich gegen die ihrer Ansicht nach weit verbreitete "Revolutions- und Heldengeschichte", die oft vor allem für das 19. Jahrhundert erzählt werde: "Manchmal habe ich fast den Eindruck, die Schlachtengeschichte sei abgelöst worden durch die Revolutionsgeschichte." Die Demokratiegeschichte sei viel reicher als eine Orientierung "von Revolution zu Revolution" dies nahelege. Die Reformen seien völlig unterschätzt.

Aufforderung zum Mitleid

So betrachtet, kämen ganz andere Heldinnen und Helden in den Blick, etwa die Schriftstellerin Bettina von Arnim (1785-1859), die für "Mitleid" plädiert habe, oder "großartige Frauenvereine" bis hin zu Fabrikanten, die auf Probleme wie Kinderarbeit hingewiesen hätten. All das gebe es bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ebenso auch Wahlen statt. Richter weist zudem auf den Sozialstaat hin, der eine "ganz wichtige Grundlage unserer modernen Demokratie" sei.

Die Bedeutung von Emotionen sei dabei nicht zu unterschätzen, betont die Historikerin. Eine zentrale These ihrer Studie, für die sie teilweise scharfe Kritik von Fachkollegen geerntet hat, spricht von einem "Elitenprojekt". Die Ideen von Demokratie, Partizipation oder Republik seien "oft etwas sehr, sehr Fernes für die Menschen" gewesen. Sie seien hingegen "oft von oben" installiert worden, denn Eliten hätten dies befördert – eine Richters Meinung nach "verblüffende Erkenntnis" ihrer Forschungen.

Porträt von Ijoma Mangold. (Deutschlandradio/Christian Kruppa)Ijoma Mangold zu Gast in der "Lesart" von Deutschlandfunk Kultur (Deutschlandradio/Christian Kruppa)

Eine Emotionsgeschichte der Demokratie überzeuge ihn total, sagt Ijoma Mangold, kulturpolitischer Korrespondent der "Zeit", der selbst ein Buch mit dem Titel "Der innere Stammtisch" geschrieben hat. Ihm gehe es gar nicht so sehr um die Meinung, sondern eher um die Meinungsbildungsprozesse. Mangold sagt: "Da neigen wir dazu, wenn wir nach außen treten, immer so zu tun, als hätten wir quasi fest umrissene Meinungspositionen, die das Ergebnis rationalen Nachdenkens sind, nachdem man sich allseitig informiert hat, die Pro- und die Contra-Argumente abgewogen hat."

Eine ordentlich gepanzerte Identität

In Wahrheit wüssten wir natürlich, dass unsere eigenen Meinungsbildungsprozesse anders ablaufen: "In der Regel wissen wir vorher schon, wo wir am Ende rauskommen, und wir munitionieren uns gewissermaßen mit guten Argumenten für unsere Position." Das täte man, um sie gut vortragen zu können und eine "ordentlich gepanzerte Identität" vor sich herzutragen. Sie nenne man dann "politische Überzeugung", vor der sich die Leute verbeugen würden, weil sie denken, das sei etwas besonders erhaben Moralisches.

Mangold hält es hingegen für "heroischer", die ganze Widersprüchlichkeit, das Schmutzige und Dunkle zu sehen, aus dem unsere Meinungen hervorgehen: "Die sollen dann unbedingt in der Auseinandersetzung, im Widerspruch und im Streit geläutert werden. Aber ich finde, wir verdrängen vor uns selber und vor anderen zu sehr den Bauch, aus dem das alles entsteht."

(cre)

Hedwig Richter: "Demokratie. Eine deutsche Affäre. Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart"
C.H.Beck, München 2020
400 Seiten, 26,95 Euro

Ijoma Mangold: "Der innere Stammtisch. Ein politisches Tagebuch"
Rowohlt Verlag, Hamburg 2020
272 Seiten, 22 Euro

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