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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 19.03.2019

Historikerin Dagmar FreistUngeöffnete Briefe aus der Vergangenheit

Moderation: Ulrike Timm

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Dr. Dagmar Freist steht im Außenbereich und lächelt in die Kamera. (Universität Oldenburg)
Dr. Dagmar Freist (Universität Oldenburg)

Die Historikerin Dagmar Freist und ihre Kollegen dürfen 4000 Kisten Material auswerten und digitalisieren. Die „Prize Papers“, von gekaperten Schiffen zusammengetragene Briefe, zeigen das Leben des 17. und 18. Jahrhunderts in ungekannter Detailfülle.

"Prisen" nannte man früher die Belohnung, die Kaperer von Schiffen für ihre Überfälle erhielten.

"Das Besondere an dieser Überlieferung ist die Unmittelbarkeit", sagt Dagmar Freist. "Wir haben Briefe ungeöffnet in Couverts oder Briefe eingefaltet in andere Briefe, Geschichten über Sklaverei, die sehr bedrückend sind, die Menschen äußern, dass sie Sorge haben, ob sie je wieder in ihre Heimat zurückkommen, wie schwer es ist, eine neue Sprache zu lernen."

Im britischen Nationalarchiv lagern die Prize Papers, Briefe und Dokumente, die von solchen Schiffen stammen – ein Schatz, an dessen Hebung die deutsche Historikerin Dagmar Freist maßgeblich beteiligt ist.

"Das sind Alltagserfahrungen, die uns heute, nach so vielen Jahrhunderten gar nicht unbedingt so fremd sind, die uns die Geschichte über so eine persönliche Ebene in ungewöhnlicher und seltener Weise sehr nahe bringen können."

Fremdheit und Irritation

Die anglophile Spezialistin für die Frühe Neuzeit hat damit eine Aufgabe gefunden, die sie bis ans Ende ihres Berufslebens begleiten wird. Besonders interessant findet sie die neuen Perspektiven, die diese Quellen auf Themen wie Migration und religiöse Toleranz ermöglichen:

"Das Besondere ist, dass diese Briefe sich nicht einer Nation zuordnen lassen, sondern dass sie in globalen Entstehungskontexten zu verorten sind. Sie berichten von Orten, die nicht die ursprüngliche Heimat der Briefeschreiber sind, daher immer von Fremdheit, Irritation und dem Irgendwo-Anderssein."

Nebenbei ist die Pfarrerstochter auch noch Mitglied des Kirchentagspräsidiums, Mutter von vier Kindern, Professorin an der Uni Oldenburg und demnächst Dekanin ihres Fachbereichs.

(Mah / AB)

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