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Interview | Beitrag vom 19.02.2020

Historiker über sein Buch "Duft der Imperien"Chanel No. 5 wurde in Moskau erfunden

Karl Schlögel im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Ein Parfümflakon, auf dessen Schild steht Chanel No. 5. (imago/Steinach)
Chanel No. 5 sei das Einzige, was sie im Bett trage, sagte Marilyn Monroe. (imago/Steinach)

Frauen in der Sowjetunion trugen "Rotes Moskau", die im Westen: "Chanel No 5". Der Historiker Karl Schlögel ist für sein Buch "Duft der Imperien" seiner Nase gefolgt. Er erzählt die Geschichte zweier Parfums - mit erstaunlichen Erkenntnissen.

Stephan Karkowsky: Es gibt Bücher, die möchte man sofort als Film sehen. Das neue von Karl Schlögel zählt dazu. Schlögel ist Osteuropahistoriker. In den letzten 50 Jahren hat er uns in rund zwei Dutzend Sachbüchern vor allem Russland erklärt. Im Prinzip macht er das auch in seinem neuen Buch, nur mit einem wirklich einzigartigen Zugang. Er berichtet von der Geschichte des weltberühmten Parfums "Chanel No 5", von dem Marilyn Monroe sagte, es sei das einzige, was sie nachts tragen würde. Ich hab mir sagen lassen, Ihre Nase hat Sie buchstäblich auf dieses Thema geführt – stimmt das, Herr Schlögel? Wie sind Sie drauf gekommen?

Karl Schlögel: Ja, das ist wahr. Eigentlich ist es ja kein naheliegendes Thema für einen Osteuropahistoriker, sich mit Parfums zu beschäftigen. Es war aber so: In der Zeit, in der ich in Moskau studiert und gearbeitet habe, ist mir aufgefallen, dass immer bei festlichen Anlässen, also bei Konzerten im Konservatorium, im Bolschoi-Theater oder in der Universität es einen sehr spezifischen Geruch gab. Diesem Geruch bin ich später auch wieder begegnet - in der DDR, in der Umgebung von Offizierskasinos.

Parfums zum 300. Jubiläum der Zaren-Dynastie

Karkowsky: Und es war nicht der Geruch nach Kohleöfen.

Schlögel: Nein, es waren nicht Kohleöfen und nicht der Geruch an den Grenzübergängen, sondern eben dieser etwas starke Parfumgeruch. Die Entdeckung war dann, hinter diesem Geruch eine berühmte Marke, das "Rote Moskau".

Karkowsky: Eine Marke, die in Russland berühmt ist.

Coco Chanel mit Zigarette im Mund, Perlenketten um den Hals und Hut auf dem Kopf, nach links schauend, in Schwarz-Weiß (picture alliance/dpa/Man_Ray_Trust)Wurde durch einen russischen Freund auf einen Parfümeur mit Russlanderfahrung aufmerksam: Coco Chanel (1883-1971) (picture alliance/dpa/Man_Ray_Trust)

Schlögel: Die in Russland oder in der Sowjetunion berühmt war, das populärste Damenparfum. Es stellte sich dann aber heraus, dass dieses Parfum zurückgeht auf ein Parfum, das bereits vor der Revolution kreiert worden ist von einer französischen Parfümeriefirma in Moskau, der Firma Brocard, und zwar zu einem ganz spezifischen Anlass, nämlich zum 300. Jubiläum der Romanow-Dynastie im Jahr 1913, das überall groß im Zarenreich gefeiert wurde.

Und diese Kreation von 1913 ist dann der Ausgangspunkt geworden für das berühmteste sowjetische Parfum und, was mich dann natürlich – ich muss es sagen – richtig umgehauen hat, eben auch für "Chanel No 5".

Coco Chanel wählt Nummer 5 aus 25

Karkowsky: Das ist wirklich unglaublich. Da gibt es also in Zeiten der frühen Globalisierung einen französischen Parfümeur in Moskau, aber wie ist dann dieses Parfum, dieses Ausgangsprodukt in die Hände von Coco Chanel gelangt?

Schlögel: Ja, das hat wiederum etwas mit großen geschichtlichen Ereignissen zu tun, mit der russischen Revolution und dem Bürgerkrieg. In dieser Firma Brocard gab es Parfümeure, einer dieser Parfümeure kämpfte auf der Seite der Weißen und ging dann über Murmansk zurück nach Frankreich in seine ursprüngliche Heimat, nach Grasse an der Côte d’Azur.

Dort tauchte eines Tages, 1920, Coco Chanel mit ihrem russischen Freund oder Liebhaber auf und stieß auf diesen Parfümeur. Er stellte dann in seinem Labor eine Reihe von Kreationen vor, 25 insgesamt. Sie entschied sich dann – das war ihre mystische Zahl – für Nummer fünf, sodass ein Teil dieser Komposition, die für 1913 entworfen wurde, über diesen Parfümeur Ernest Beaux nach Frankreich kam und Chanel 5 gründete.

Karkowsky: Ich dachte immer, es gäbe auch Chanel 1, 2, 3, 4, aber Chanel 5, das ist natürlich auch eine Geschichte, die sich zu erzählen lohnt. Nun wurde "Chanel No 5" weltweit ein Riesenerfolg, und Sie schreiben im Buch, es fing exakt den Geist der Goldenen Zwanziger ein. Hat es denn das "Rote Moskau" auch geschafft, auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs?

Schlögel: Es hat nicht gereicht zum Weltrang, was die Parfums angeht, aber es wurde das bedeutendste und angesehenste und beliebteste Parfum sowjetischer Frauen. Die Besonderheit dieses Buches ist eigentlich eher, dass es zwei Geschichten, die bisher immer separat und unabhängig voneinander erzählt wurden, zusammenbringt, weil der zweite Parfümeur, Auguste Michel, blieb in Russland aus verschiedenen Gründen. Er wurde sozusagen zum Designer der ersten sowjetischen Parfums.

Die Firma Brocard wurde verstaatlicht, aus ihr wurde dann die Neue Morgenröte und ein Staatsbetrieb, und er hat sozusagen die Formel mit weitergegeben, sodass aus diesem ursprünglichen Parfum zwei Parfumlinien entstanden. Auguste Michels Schicksal ist nicht ganz klar, er verschwand dann in den 30er-Jahren, man weiß nicht genau, wie das geschehen ist. Es gibt ein Interview noch aus dem Jahr 1937, dann verliert sich seine Spur.

Verwandter Geruch für Kenner

Karkowsky: Riechen denn beide absolut ähnlich, also "Chanel No 5" und das "Rote Moskau", oder gibt es schon deutliche Unterschiede?

Schlögel: Kenner behaupten, sie würden eine Verwandtschaft erkennen. Ich selber – meine Nase ist nicht so hoch trainiert, dass ich das sagen könnte. Nach dem Ende der Sowjetunion wurde die Firma privatisiert und verschwand, inzwischen ist sie aber wiedergegründet worden, und man kann mühelos – man muss das sagen, ich darf hier aber keine Reklame machen – heute das "Rote Moskau" im Internet bestellen.

Karkowsky: Und selber vergleichen. Ihnen geht es im Buch auch um mehr Düfte, Sie spüren den verschiedenen Duftorten der Sowjetunion nach, den olfaktorischen Welten. Welcher Duft ist denn für Sie der Inbegriff der untergegangenen Sowjetunion?

Schlögel: Ich würde sagen, dass es der Geruch oder der Duft ist, der verbunden ist mit diesen außerordentlich beengten Wohn- und Lebensverhältnissen, in denen sich eben alles mischt, wo viele Menschen, viele Familien auf engstem Raum zusammenleben, eine sehr diffuse Mischung – es ist jedenfalls nicht das "Rote Moskau". Man muss sagen, auch bei der jungen Generation ist das Rote Moskau überhaupt nicht mehr als Up-to-date-Parfum angesehen worden, sondern es galt so als der Duft der Ältere-Damen-Welt.

Karkowsky: Das war was von gestern.

Schlögel: Etwas von gestern, so kleinbürgerlich, das wollte man nicht. Deswegen war der Niedergang dieses Parfums in den 70er-, 80er-Jahren absehbar und der Durchmarsch der internationalen Parfumfirmen eigentlich vorhersehbar.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Karl Schlögel: "Der Duft der Imperien: 'Chanel No. 5' und 'Rotes Moskau'"
Carl Hanser Verlag, München 2020
224 Seiten, 23 Euro 

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