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Interview | Beitrag vom 20.11.2019

Historiker über Nazi-Devotionalien-Auktion"Eine perverse Geschmacklosigkeit"

Michael Wolffsohn im Gespräch mit Ute Welty

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Ein Zylinder von Adolf Hitler liegt auf einem grauen Karton. (Hermann Historica / dpa)
Bei einer Auktion werden heute viele persönliche Besitztümer von führenden Nazis versteigert, darunter ein Zylinder von Hitler. (Hermann Historica / dpa)

Hitlers Zylinder und weitere Nazi-Devotionalien werden heute in München versteigert. Es bringe nichts, den Handel zu verbieten, sagt der Historiker Michael Wolffsohn. Jedoch sollten Sicherheitskräfte beobachten, wer diese Gegenstände kauft.

"Mit einigen Dingen sollte man einfach keinen Handel treiben", schrieb der Rabbi Menachem Margolin in einem Brief an das Münchner Auktionshaus Hermann Historica. An diesem Mittwoch versteigert es zahlreiche Nazi-Devotionalien: etwa einen Zylinder von Adolf Hitler, ein Zigarren-Etui von Hermann Göring und ein Cocktailkleid von Eva Braun. Der Verband der Juden Europas fordert ein Verbot solcher Auktionen.

Es helfe leider nichts, den Handel mit solchen Gegenständen zu verbieten, meint Michael Wolffsohn, ein Historiker und Sohn einer jüdischen Familie, die vor 80 Jahren nach Palästina geflohen ist. Er teile zwar die Ablehnung der Auktion: "Es ist eine perverse Geschmacklosigkeit." Aber leider, so Wolffsohn, könne man weder individuell noch kollektiv Menschen qua Gesetz zu Anstand und gutem Geschmack erziehen.

Eine Spur zu Rechtsextremen  

Er hoffe, dass der Kauf einer solchen Nazi-Devotionalie ein Signal für die Sicherheitsbehörden sei und von ihnen wahrgenommen werde: "Damit man weiß, wer so etwas kauft." Denn es stelle sich die Frage: Warum will eine Privatperson beispielsweise das Cocktailkleid von Eva Braun besitzen? "Will er oder sie das als Quasi-Reliquie, als Devotionalie, als Hausaltar benutzen? Das ist nicht unwahrscheinlich", sagt der Historiker.

Beim Zylinder von Hitler handle sich nicht um ein Zeugnis der Geschichte – egal ob er ihn etwa am Tag von Potsdam getragen habe oder nicht. "Denn was sagt mir das über den Tag von Potsdam? Eigentlich nichts", so Wolffsohn. Es gebe keine historisch wichtige Aussage eines solchen Gegenstands. "Das Nächste wäre die Versteigerung einer Unterhose von Adolf Hitler oder Eva Braun."

Ein guter Umgang mit solchen Nazi-Gegenständen ist aus Sicht von Michael Wolffsohn daher: "Wegschmeißen, in die Kleiderkiste." 

(jfr)

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