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Interview | Beitrag vom 17.07.2019

Historiker über Forderungen der Hohenzollern"Der Kampf um die Erinnerung"

Leonhard Horowski im Gespräch mit Ute Welty

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Das Bild zeigt die Burg Hohenzollern auf der schwäbischen Alb im Herbst vor einem Himmel mit vielen Wolken. (dpa / picture alliance / imageBROKER / Lilly)
Die Burg Hohenzollern auf der schwäbischen Alb im Herbst: Symbol längst vergangener Macht. (dpa / picture alliance / imageBROKER / Lilly)

Die Hohenzollern erheben Ansprüche auf tausende teils national bedeutsame Kunstwerke aus öffentlichen Museen. Doch dabei geht es nicht nur um Kunstschätze, sondern vor allem um die Deutungshoheit der Geschichte, meint der Historiker Leonhard Horowski.

Ute Welty: Große Ausstellungen werfen ihre Schatten voraus: Heute stellt die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten die Pläne vor für Schloss Cecilienhof in Potsdam, dem Ort der Potsdamer Konferenz. Ab Mai soll die neue Ordnung der Welt dort als multimediale Zeitreise zu erleben sein. Wobei die Frage ist, wie lange ist Schloss Cecilienhof öffentlich zugänglich. Das Haus Hohenzollern erhebt nämlich Ansprüche. Es geht eben um Schlösser, Burgen, Gemälde und Möbel. Verhandelt wird darüber schon seit Jahren, denn im Vordergrund steht nicht nur das Geld, sondern auch das Image. Historiker Leonhard Horowski hat sich intensiv beschäftigt mit Macht und Spiel an den Höfen des 17. und 18. Jahrhunderts. "Das Europa der Könige" heißt sein Buch. Guten Morgen!

Leonhard Horowski: Guten Morgen!

Welty: Hat der Adel insgesamt und vor allem aber das Haus Hohenzollern es immer noch nicht überwunden, dass der letzte deutsche Kaiser abdanken musste?

Horowski: Ja, da muss man natürlich nur einen Unterschied gleich machen: Der eigentliche Adel, das sind ja privilegierte Untertanen gewesen, das heißt Leute, die auch noch über sich den Kaiser und ein Herrscherhaus hatten. Die haben das eigentlich natürlich inzwischen doch komplett überwunden, würde ich sagen. Da gibt es beispielsweise genauso wenige Monarchisten nur noch wie in der Gesamtbevölkerung, aber die Herrscherhäuser, die eben selbst mal geherrscht haben und natürlich im konkreten Fall die Hohenzollern als das ehemalige Kaiserhaus, für die ist es natürlich etwas weniger leicht, sich von der Erinnerung daran zu verabschieden, dass sie mal geherrscht haben.

"Die Monarchie kommt realistischerweise wohl nicht wieder"

Welty: Aber so ein paar Jahre Zeit hätten sie ja inzwischen doch gehabt.

Horowski: Ja, und man muss auch fairerweise sagen, dass die tatsächlich, wenn Sie so wollen, schon im zweiten Stadium der Trauer angekommen sind. Das erste Stadium nach 1918 – oder immer nach der Abschaffung der Monarchie – ist natürlich, dass erst mal das ehemalige Herrscherhaus immer noch denkt, wir können den Thron aber zurückgewinnen, und das kann je nach Fall sehr lange dauern. Zum Beispiel in Frankreich nach der Französischen Revolution, weil es immer mal wieder eine Wiederherstellung der Monarchie gab, hat das noch locker 150 Jahre gedauert, bevor endgültig die entsprechenden Herrscherfamilien erkannt haben, dass das nichts mehr wird. Im Fall des Hauses Hohenzollern ist das irgendwann in der Nachkriegszeit, nach 1945 hat sich dann dort die Erkenntnis eingestellt, dass die Monarchie realistischerweise wohl nicht wiederkommen wird. Also spätestens der jetzige Chef der Familie, Prinz Georg Friedrich von Preußen, hat das auch selbst so beschrieben, dass er nicht damit rechnet, obwohl er natürlich aus Prinzip noch sagt, falls die Monarchie wieder eingeführt werden sollte, falls das alle wollen, stehe er natürlich bereit.

Welty: Wie Wilhelm der Zweite stammt auch Friedrich der Große aus dieser Dynastie, und der hat die Dinge gleich selber in die Hand genommen und die Geschichte des Hauses aufgeschrieben. War das ein übliches Verfahren?

Horowski: Nein, da halten die Hohenzollern sozusagen einen Rekord oder haben den einen, der aus dem System rausfällt. Das normale Verfahren war natürlich, dass die Herrscherhäuser ihre eigene Geschichte erforschen und natürlich vor allem auch glorifizieren lassen durch Wissenschaftler, die sie damit beauftragen, oder durch Protowissenschaftler, denn eigentlich so was wie eine moderne Geschichtswissenschaft gibt es dann doch erst seit dem frühen 19. Jahrhundert.

Dass ein Herrscher selbst die Geschichte seiner Familie schreibt, ist eigentlich nicht vorgesehen, weil eben dann doch die europäischen Monarchen sich in der Regel so sehr als Ritter und Krieger verstanden haben – was ja auch Friedrich war –, dass die Vorstellung, am Schreibtisch zu sitzen und Bücher zu schreiben, ihnen meistens suspekt erschien. Das hat Friedrich anders gemacht und dadurch natürlich auch einen großen Publicity-Bonus eingesammelt.

"Die nannten sich immer Haus Brandenburg"

Übrigens interessant in dem Zusammenhang, dass er die Geschichte seiner Familie die Geschichte des Hauses Brandenburg nennt und nicht etwa Geschichte des Hauses Hohenzollern, denn an die Ursprünge, wo sie mal kleine schwäbische Grafen waren, wollten die damals überhaupt nicht erinnert werden. Die nannten sich immer Haus Brandenburg, und erst nach Friedrich dem Großen dann, zwei, drei Generationen später, wieder Hohenzollern. Das ist also, wenn Sie so wollen, eigentlich ein moderner Name.

Welty: Inwieweit haben Sie als Historiker dafür Verständnis, dass man ein bestimmtes Bild der Familie überliefern will?

Horowski: Das ist interessant. Einerseits bin ich als Historiker natürlich, wenn Sie so wollen, der natürliche Feind eines solchen Bildes, weil ich natürlich als jemand, der doch versucht oder verpflichtet ist, auch die Schattenseiten der Geschichte mit zu sehen, natürlich immer erst mal skeptisch sein muss gegenüber Versuchen der Nachkommen der handelnden Personen, die Geschichte ihrer Vorfahren selbst neu darzustellen, weil natürlich man als Nachkomme immer etwas parteilich sein wird und versuchen wird, die eigenen Vorfahren eher besser als schlechter aussehen zu lassen. Andererseits muss man sagen, im konkreten Fall Preußen kann man das teilweise ein bisschen mehr verstehen als in anderen Fällen. Oder kann man nachvollziehen, dass es da, wenn Sie so wollen, einen noch ungelösten Schmerz gibt oder eine Kränkung, weil ja das Land Preußen 1947 von den Alliierten nicht einfach aufgelöst worden ist, sondern dabei offiziell, wenn Sie so wollen, festgehalten worden ist, Preußen sei an allem schuld in der deutschen Geschichte. Also Reaktion und Militarismus, heißt das, glaube ich, gingen ausdrücklich auf Preußen zurück in Deutschland.

Und das ist tatsächlich – ist ja auch so haften geblieben – eine Übertreibung, weil ich als Historiker sagen würde, Preußen war im Guten wie im Bösen eine wesentlich normalere europäische Monarchie, als immer behauptet worden ist – weder so sehr der Hort des Bösen, wie es häufig noch verstanden wird, noch umgekehrt allerdings auch so sehr viel besser in vielen Dingen, wie es oft auch behauptet worden ist.

"Verstehe, dass eine Dynastie sich ungerecht behandelt fühlt"

Insofern kann ich schon verstehen, dass eine Dynastie sich da etwas ungerecht behandelt fühlt, die diesen Staat aufgebaut hat, zumal die natürlich einfach noch die Nachwirkungen in sich tragen, dass man eben als Mitglied und vor allem als zukünftiger Chef einer solchen Dynastie einfach dafür erzogen wird, dass man etwas für diese Dynastie tun soll. Und da die Monarchie nicht mehr realistischerweise wiederherzustellen ist, ist das eine, was man noch machen kann, natürlich der Kampf um die Erinnerung, und da ist im Moment tatsächlich eine Lücke, wenn Sie so wollen.

Es gibt ja zum Beispiel kein Museum für preußische Geschichte, das irgendwie offiziell oder in Berlin da wäre, das irgendwie zeigen würde, das ist unsere moderne Auffassung davon, was Preußen eigentlich war. Von daher ist es nicht ganz so wunderlich, wenn eben auch das Haus Hohenzollern sich dazu äußert, zumal die von vielen Leuten darauf angesprochen werden.

(*)

Entscheidende Akten erst seit der Wende zugänglich 

Welty: Wird man sich irgendwann gütlich einigen?

Horowski: In der Geschichte enden alle Konflikte irgendwann, und sei es, dass sich niemand mehr dafür interessiert.

Welty: Im Zweifel wird es so.

Horowski: Ja, die interessante Frage ist wirklich nur, ob am Ende Einigung darüber besteht, dass da irgendetwas zustande kommt oder nicht. Bisher sind immer Einigungen gefunden worden. Man muss natürlich auch fairerweise sagen, die Dinge sind hier eben auch noch mal komplizierter als im Verhältnis zwischen zum Beispiel dem deutschen Staat und anderen Dynastien, weil hier es ja zweimal einen Bruch der Traditionen und Spielregeln gegeben hat: Der erste Bruch 1918 mit dem Ende der Monarchie, und das hat lange genug gedauert, bis danach sich eben der damalige preußische Staat und das ehemalige Herrscherhaus geeinigt hatten.

Aber dann kam natürlich schon durch das Dritte Reich und erst recht 1945 und die Enteignungen danach noch mal ein Bruch, und erst in den 90er-Jahren waren dann wieder alle Akten zugänglich und so weiter. Das heißt, da musste noch mal neu geregelt werden, was eigentlich seinerzeit Staatsbesitz und was Privatbesitz gewesen war.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Leonhard Horowski: "Das Europa der Könige: Macht und Spiel an den Höfen des 17. und 18. Jahrhunderts"
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2017
1120 Seiten, 39,95 EUR


(*) Anmerkung der Redaktion: An dieser Stelle des Interviews haben wir aus rechtlichen Gründen eine Kürzung vorgenommen.

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