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Interview / Archiv | Beitrag vom 27.07.2017

Historiker über das ReisenWelche Botschaften wir aus dem Urlaub senden

Hasso Spode im Gespräch mit Christine Watty

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Lächeln fürs Urlaubsfoto: ein Pärchen fotografiert sich am Strand. (imago/Westend61)
Lächeln fürs Urlaubsfoto: Hat sich die Art der Selbstdarstellung verändert? (imago/Westend61)

Zeige mir, wie du deine Urlaubsgrüße verschickst - und ich sage dir, wer du bist? Da ist was dran: Manche Urlauber nutzten ihre Posts in den Sozialen Medien dafür, ihr Umfeld neidisch zu machen, sagt Tourismusforscher Hasso Spode. Andere dagegen wollten damit einfach ihren Lieben nahe sein.

Christine Watty: Falls Sie Mitglied eines sozialen Netzwerkes sind, ist Ihnen vielleicht auch schon die aufkommende Dichte von Fotos mit Meeresdetails, Sonnenaufgängen und Strandabschnitten aufgefallen. Die Sommerzeit bringt natürlich auch die neumodische Urlaubspostkarte mit sich, nämlich den Facebook-Post. Postkarten in echt mit Briefmarken drauf und Diashows vor, sind aber natürlich auch noch da, um den Urlaub nicht nur allein erlebt zu haben, sondern im zweiten Schritt davon zu berichten und damit auch etwas über sich selbst zu erzählen. Hasso Spode ist Historiker und Leiter des historischen Archivs zur Tourismusforschung an der TU Berlin, und mit ihm will ich über das Statussymbol Urlaub sprechen. Schönen guten Morgen, Herr Spode!

Hasso Spode: Schönen guten Morgen!

Watty: Gucken wir also in die Kulturhistorie des Urlaubmachens. Wann begann denn das eigentlich, dass Urlaubsziele und die dazugehörigen Unterkünfte für unsere Selbstpräsentation da waren, also zu Statussymbolen wurden?

Tourismus ist ungefährt 200 bis 250 Jahre alt

Spode: Tut mir leid, dass ich Ihre Frage gleich etwas umdrehen muss, denn es ist eigentlich so, dass der Tourismus von Anfang an, seit er existiert, seit gut 200, 250 Jahren immer etwas damit zu tun hatte, sich selbst darzustellen, sich von anderen Leuten abzusetzen, indem man etwas Besonderes erlebt. Es geht sogar in die vortouristische Zeit zurück. Denken Sie an die Pilgerreisen. Wer es also im Mittelalter bis ins Heilige Land gebracht hatte, der war natürlich was, wenn er nach Hause kam. Und solche ähnlichen Aspekte oder Effekte der sozialen Distinktion, wie die Soziologen das nennen, also der Absetzbewegung, sind eigentlich so alt wie der Tourismus selbst, und der Tourismus ist ungefähr 200, 250 Jahre alt. Und von Anfang an war dem Tourismus diese soziale Distinktion eigen gewesen.

Postkarte mit Blick auf das Königliche Hoftheater in Dresden (imago/Arkivi)Hier schrieb eine Ella an ihre Lieben: Postkarte mit Blick auf das Königliche Hoftheater in Dresden. (imago/Arkivi)

Watty: Welche möglichen Botschaften senden wir denn dann eigentlich, wenn wir anderen aus dem Urlaub schreiben oder sie mit schönen Bildern überhäufen, was ja in den sozialen Netzwerken im Internet noch mal viel leichter geht als vorher?

Spode: Das hat zwei ganz verschiedene Aspekte. Da ist einmal, was Sie angesprochen haben: Ich zeige den anderen, ich kann jetzt eine Postkarte schreiben von mir aus von den Färöer-Inseln oder aus Grönland – ich weiß nicht, ob da so was funktioniert. Oder ich kann eben mein Essen in der Toskana, meinen Teller da in dem Restaurant knipsen und dann per WhatsApp schicken. Das hat etwas, was man als demonstrativen Verbrauch bezeichnet. Das ist schon 1960 in der allerersten Doktorarbeit zum Tourismus von einem Herrn Knebel festgestellt worden. Der hat gesagt, Tourismus ist eigentlich nichts anderes als demonstrativer Verbrauch. Ich zeige den anderen, ich habe Geld übrig und kann das und das machen.

Das ist der eine Aspekt, auch bei Postkarten kann man das schon lange feststellen. Der andere Aspekt ist aber, und den würde ich überhaupt nicht kritisch sehen, sondern ich habe meine Lieben daheim, und ich will denen auch signalisieren, dass ich sie lieb habe und dass ich an sie denke. Denken Sie mal an diese Friseurläden, die noch so ein bisschen altmodisch sind – so was gibt es noch –, da hängen im Sommer so eine Art Pinnwände, wo noch die älteren Damen, wenn sie im Urlaub sind, noch eine Postkarte an ihrem Friseur oder ihre Friseurin zurückschicken. Und das machen sie eigentlich nicht nur aus Angabe, sondern auch, um Zeichen zu setzen: Pass mal auf, du, ich denk an dich. Das würde ich jetzt gar nicht so kulturkritisch bewerten wollen.

Ein gewissens "Ätsch"-Gefühl

Watty: Na gut, dann will ich das auch nicht so kulturkritisch bewerten, da haben Sie wahrscheinlich recht. Nur: In den sozialen Netzwerken ist es eben so überbordend teilweise, dass man das Gefühl hat, wenn jedes Detail vermittelt wird, dann hat es vielleicht doch was damit zu tun, dass man auch zeigen will, ich bin da und du leider nicht.

Spode: Oh ja, das ist immer beides.

Watty: Urlaubstrends richten sich ja auch immer so deutlich nach der weltpolitischen Lage, gerade in den letzten Jahren. Wenn besonders viele Anschläge geschehen, geht der Trend in die Ferne so ein bisschen zurück. Man bleibt lieber in der Nähe, nahe zu Hause. Jetzt aber scheint das Motto wieder zu sein "Länger, weiter, exklusiver". Die großen Reisen sind angesagt. Liege ich da richtig mit dieser Einschätzung.

Spode: Ich bin schon wieder untröstlich, Ihnen widersprechen zu müssen.

Watty: Oh nein, Herr Spode, was ist denn hier los?

Spode: Sie haben das ja vom Sport – "Schneller, höher, weiter". Die Touristen verreisen nicht länger, ganz im Gegenteil. Wir haben seit 200 Jahren einen durchlaufenden Trend, Urlaubsreisen immer kürzer zu machen. Als das mal anfing, so Goethe in Italien, die sind Monate, manchmal Jahre unterwegs gewesen. Dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, ist es immer noch in den Oberschichten durchaus üblich gewesen, sechs Wochen, vier Wochen am Stück zu verreisen. Was wir haben seitdem und sehr deutlich auch nach der Wiedervereinigung zu sehen: Wir reisen immer öfter, aber, wenn wir reisen, immer kürzer. Das ist übrigens aus Erholungsaspekten durchaus rational. Man sieht dann mehr, und es reicht durchaus, ungefähr eine Woche, zwei Wochen, dann ist der Erholungseffekt da, und wenn man länger bleibt, wird der auch nicht besser.

Für 200 Euro nach Malle

Watty: Also ich streiche "länger", ersetze "kürzer". Was ist mit "weiter"? Kommen wir mit "weiter" wenigstens hin?

Spode: Da würde ich Ihnen nicht ganz so widersprechen wollen, aber es ist auch so, dass wir schon seit den 80er-, 90er-Jahren einen relativ konstanten Anteil an Fernreisen haben. Der liegt immer so um zehn Prozent. Das nimmt ein bisschen zu, aber nicht dramatisch. Also wir reisen nicht unbedingt so furchtbar viel weiter.

Watty: Und exklusiver?

Spode: Das schon eher. Sagen wir mal so: Die Reisepreise, was die Menschen ausgeben für den Urlaub, das ist natürlich sehr unterschiedlich. Da kann man bei Aldi und Lidl für 200 Euro nach Malle fliegen, man kann aber auch für 20.000 Euro eine Weltreise buchen. Diese Spreizung des Marktes, das ist natürlich klar, unterm Strich, wenn ich also den Mittelwert nehme, muss ich da auch wieder, tut mir furchtbar leid – also der Anteil dessen, was wir von unserem Einkommen für den Urlaub ausgeben, ist auch in letzter Zeit nicht dramatisch gestiegen. Das pendelt auch immer so um dieselben Werte.

Watty: Also kann man abschließend sagen, Sie als Leiter des historischen Archivs zur Tourismusforschung, mit den Deutschen in diesem Fall und der Urlaubstätigkeit, liegen sie ganz gut im Mittel und verhalten sich angemessen?

Spode: So kann man das nennen, ja.

Watty: Ich bedanke mich bei Hasso Spode von der TU Berlin. Wir haben gesprochen über Urlaub, und ich habe mir gemerkt, nicht "Länger, weiter, exklusiver", dafür "Kürzer", weiter sind wir nicht ganz einig geworden, exklusiv stimmt so einigermaßen, und vor allem, das Wichtige ist natürlich, noch mal erfahren zu haben, die ganzen Facebook-Posts und auch die Postkarten dienen nicht nur dafür, andere Menschen beeindrucken zu wollen, sondern eben auch einfach zu zeigen, ich denke an euch. Das ist doch schön. Danke schön für das Gespräch, Herr Spode!

Spode: Gern geschehen!

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