Donnerstag, 12.12.2019
 

Interview | Beitrag vom 04.07.2019

Historiker Peter BrandtDer Frieden ist bedrohter, als viele denken

Peter Brandt im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Der Historiker Prof. Dr. Peter Brandt (ältester Sohn Willy Brandts) bei einer Diskussionsrunde auf einer Gedenkveranstaltung zum 150. Todestag von Ferdinand Lassalle in der Friedrich-Ebert-Stiftung. (imago / Jens Jeske)
Der Historiker Peter Brandt warnt vor zunehmenden politischen Spannungen, die in militärische Konflikte münden könnten. (imago / Jens Jeske)

Der Historiker Peter Brandt warnt in seinem neuen Buch davor, trotz drängender Umweltfragen das Thema Frieden zu vernachlässigen. Denn die internationalen Spannungen nähmen derzeit akut zu. Auch den alten Ost-West-Gegensatz gebe es noch.

"Frieden! Jetzt! Überall!" So heißt das neue Buch, das der Historiker Peter Brandt gemeinsam mit Reiner Braun und Michael Müller herausgegeben hat. Es versammelt Texte von aktuellen oder früheren Politikern wie Michail Gorbatschow, Ernst Ulrich von Weizsäcker, Matthias Platzeck. Der Tenor: Frieden muss wieder ein zentrales Thema unserer Gesellschaft werden.

Dass die meisten, die zu diesem Buch beigetragen haben, eher der älteren Generation angehören, ist Peter Brandt zufolge kein Zufall. Denn für die Jungen stehe momentan der Klimawandel im Mittelpunkt, für die Bedrohung des Friedens hätten sie kein Bewusstsein.

Neuer Supermacht-Konflikt mit China

Doch es gebe eine ganze Reihe von Anzeichen, dass die internationalen Spannungen akut zunähmen, warnte der Historiker im Deutschlandfunk Kultur.

"Im Hintergrund steht ein neuer Supermacht-Konflikt zwischen den USA und China. Gleichzeitig hat sich aber auch der alte Ost-West-Gegensatz gewissermaßen nach Osten verschoben, zwischen den USA und der NATO auf der einen Seite, Russland auf der anderen Seite."

Hinzu kommen, so Brandt, der ungelöste militärische Konflikt in der Ukraine und der Syrien-Krieg. Und nicht zuletzt sei auch die Umweltfrage friedensbedrohend: "Weil wir in der Zukunft Kriege um Wasser, um Rohstoffe befürchten müssen", betonte Brandt.

(uko)

Peter Brandt et al. (Hg.): "Frieden! Jetzt! Überall! Ein Aufruf"
Westend-Verlag 2019
336 Seiten, 22 Euro

Das Interview im Wortlaut:

Stephan Karkowsky: Donald Trumps Atomstreit mit dem Iran, sein Flirt mit dem Diktator Nordkoreas, aber auch die brennenden Truppenübungsplätze in Deutschland, die über Jahrzehnte verseucht wurden mit Tonnen von Kriegsmunition, all das erinnert uns natürlich daran, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist, auch wenn wir schon sehr lange im Frieden leben. Dennoch scheint ein Buch aus der Zeit gefallen zu sein, das eine Friedenstaube auf dem Buchcover zeigt und den Buchtitel "Frieden! Jetzt! Überall!" trägt, mit drei Ausrufezeichen. Heute erscheint es, und Peter Brandt ist einer der Herausgeber. Guten Morgen, Herr Brandt!

Peter Brandt: Guten Morgen!

Karkowsky: Sie sind emeritierter Professor für Geschichte in Hagen und haben für Ihr Buch Prominente und Politiker um Texte gebeten, in denen die Autoren über den Frieden nachdenken. Warum gerade jetzt? 

Brandt: Sie haben teilweise die Antwort schon gegeben. Es gibt eine ganze Reihe von Anzeichen, dass die internationalen Spannungen akut zunehmen. Im Hintergrund steht ein neuer Supermachtkonflikt zwischen den USA und China. Gleichzeitig hat sich aber auch der alte Ost-West-Gegensatz gewissermaßen nach Osten verschoben, zwischen den USA und der NATO auf der einen Seite, Russland, früher Sowjetrussland, die Sowjetunion auf der anderen Seite. Das in unserer schnelllebigen Zeit wird schnell vergessen. Wir haben einen nicht gelösten militärischen Konflikt in der Ukraine. Der Syrienkrieg ist noch im Gang. Es gibt an einer ganzen Reihe von Stellen der Welt bedrohliche Zeichen von Auseinandersetzungen, das zusammen mit der ökologischen, der Umweltbedrohung, die auch wiederum im vordergründigen Sinne friedensbedrohend ist, weil wir in der Zukunft Kriege um Wasser, um Rohstoffe und so weiter befürchten müssen. 

Barley, Gorbatschow, Wagenknecht als Autoren

Karkowsky: Nun hätten Sie ja im Prinzip diese Analyse selbst schreiben können, stattdessen bitten Sie andere, ein paar Seiten zu schreiben zum Frieden, dabei unter anderen Katarina Barley, Sahra Wagenknecht, Michail Gorbatschow, Sigmar Gabriel, Jürgen Trittin. Was bringt mir als Leser diese Masse an Aufsätzen? 

Brandt: Na ja, wir haben ja auch etwas geschrieben, – 

Karkowsky: Ja.

Brandt: – die Herausgeber, aber unser Hauptanliegen war ein breites Spektrum von Menschen, sowohl aus, wenn man so will, der etablierten Politik, und da haben wir ja auch ein gewisses Spektrum von Angehörigen der CDU bis zu Angehörigen der Linkspartei einerseits, und andererseits Menschen, die sich seit Jahrzehnten in der Friedensbewegung engagieren. Wir hatten ja schon mal mehrere Phasen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, also zuletzt die frühen 80er-Jahre, wo sich eine Massenbewegung für Abrüstung, beiderseitiger Abrüstung, und Vermeidung von zusätzlicher Rüstung herausgebildet hat. 

Karkowsky: Und deswegen wirkt das Buch ja auch so ein wenig 80er-Jahre-mäßig, zumal ja die meisten Ihrer Autoren auch stark auf die 70 zugehen: Anton Hofreiter ist einer von nur zwei Autoren unter 50. Das ist, salopp, gesagt, sehen Sie es mir bitte nach, die Ostermarschfraktion. Wenn ich mal nachgucke, zu den Ostermärschen 2019 kamen in Köln gerade mal noch 60 Leute, in Hannover 400, in Berlin 1.000 Menschen. Wie wollen Sie daraus eine Bewegung machen, denn das ist ja, wenn ich es richtig verstanden habe, Ihr Ziel? 

Brandt: Na ja, es geht um die Einsicht in die Notwendigkeit. In den 70er-Jahren war die Friedensbewegung auch relativ schwach. Wir hatten verschiedene Phasen – Ende der 50er-Jahre, als es um Atomrüstung in Deutschland ging, und dann, wie gesagt, dann noch mal um 1980, Anfang der 80er-Jahre, und das Ziel ist in der Tat, hier wieder etwas mit in Bewegung zu setzen, auch im Hinblick auf die Breite des Ganzen. Sie haben völlig recht, der Altersdurchschnitt der Autoren ist relativ hoch. Darüber kann man lange diskutieren, es ist etwas, was Sie in allen Bereichen haben, dass es notwendig ist, hier noch stärker zu den jüngeren Generationen, mit ihnen in Verbindung zu treten. 

Kein Bewusstsein für die Friedensbedrohung

Karkowsky: Das hat ja beim Klima gut geklappt. Die "Fridays for Future"-Bewegung zeigt, dass die ganz Jungen tatsächlich politisch sehr aktiv sein können, wenn ihnen etwas auf den Nägeln brennt, und denen ist das Klima im Moment offenbar sehr viel wichtiger als der Frieden. 

Brandt: Ja, das hat damit zu tun, dass nicht nur die jungen Menschen, aber vor allem die jungen Menschen kein Bewusstsein dafür haben, dass wir es mit einer tatsächlichen Friedensbedrohung zu tun haben. 

Karkowsky: Was glauben Sie, wie das kommt? 

Brandt: Das hat zweifellos damit zu tun, dass der alte Ost-West-Konflikt vor Jahrzehnten beendet worden ist und, sagen wir mal, ein großer Atomkrieg zwischen Russland und Amerika im Moment sehr unwahrscheinlich ist. Wir wissen aber, selbst für die alte Ost-West-Konfrontation heute, dass es zwei, drei Mal haarscharf an einer absoluten Katastrophe vorbeigeschrammt ist. Das ist wenig im Bewusstsein, und wir wollen uns ja auch nicht immer daran erinnern, dass wir gewissermaßen auf einem Vulkan leben.

Dieses Bewusstsein ist Anfang der 80er-Jahre noch mal durch die damalige Aufrüstungsrunde allgemein aktualisiert worden, also der Gefährlichkeit der Situation, und wir erleben doch heute, dass die verschiedenen Krisenmomente auch zunehmend verstanden werden. Das ist genau das, was wir im Auge haben, dass wir gewissermaßen die Brücke schlagen wollen von der verbreiteten Furcht vor ökologischer Zerstörung und dem Bewusstsein, dem wachsenden Bewusstsein einerseits und der militärischen Gefährdung, mit der wir zu tun haben. 

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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