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Interview / Archiv | Beitrag vom 31.12.2019

Historiker Paul Nolte über die 20er-Jahre"Das Jahrzehnt verdient die leuchtenden und wilden Etikettierungen"

Moderation: Ute Welty

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Die satirische Zeitschrift "Lustige Blätter" aus Berlin zeigt am 11. Juli 1926 auf ihrem Titel "Sonntags-Korso des Damen-Automobilklubs “Vierrad-Bremse”", eine Zeichnung von Rolf Niczky. (picture alliance / akg-images)
Autofahren als Ausweis von Eleganz, lang ist's her: Die satirische Zeitschrift "Lustige Blätter" aus Berlin zeigte 1926 das "Sonntags-Korso des Damen-Automobilklubs “Vierrad-Bremse”", eine Zeichnung von Rolf Niczky. (picture alliance / akg-images)

In der Vorschau auf 2020 werden die vermeintlich "goldenen Zwanziger" vor hundert Jahren zitiert. Für den Historiker Paul Nolte sind manche Parallelen durchaus sichtbar: Krisenerfahrung und große Dynamik, technischer Fortschritt und politische Verhärtung.

Ute Welty: Prognosen sind bekanntlich schwierig, vor allem, wenn sie mit der Zukunft verbunden sind, und grundsätzlich hinkt nichts so sehr wie der historische Vergleich. Trotzdem ist es ungemein verführerisch, die 20er-Jahre des 21. Jahrhunderts in Bezug zu setzen zu den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts, und deshalb ist Paul Nolte zu Gast. Er lehrt und forscht an der Freien Universität Berlin und er ist einer der meistgelesenen deutschen Historiker.

In Deutschland gelten die 20er-Jahre als golden, in Großbritannien als wild, in Frankreich als verrückt. Was passt am besten?

Paul Nolte: Ein bisschen eine Mischung von allem. Die 20er-Jahre waren ja nicht zuletzt die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, nach einer ganz großen, tiefen, traumatischen Erfahrung für die europäischen Gesellschaften, bis in die USA ging das ja hinein. Also war das auch ein Gefühl der großen Erleichterung zunächst einmal, das auch in solchen Beschreibungen zum Ausdruck kommt. Diese Erleichterung hatte mit dem objektiven Wohlbefinden der Menschen, insbesondere in den frühen 20er-Jahren, noch sehr wenig zu tun - mit dem Wohlbefinden der meisten Menschen jedenfalls, die gerade dieser Kriegsnot entkommen waren. Hunger, Versorgung, Wohnungsprobleme, all das war noch ganz brennend. Insofern verdient dieses Jahrzehnt seine positiven, seine leuchtenden, seine wilden Etikettierungen - was auch immer es ist, am meisten, je mehr man in die Mitte der 20er-Jahre dann hineinkommt.

Welty: Wie sehr leidet der Historiker, wenn das Bild einer Zeit so sehr geprägt ist, wie das bei den 20er-Jahren und "Babylon Berlin" der Fall war?

Nolte: Ach, ich finde das erst mal sehr faszinierend und auch eine positive Sache, bemerkenswert ist das ja. Und dann auch, obwohl wir es eigentlich wissen: Wir sind ja richtig geschichtsverrückt auch in diesem frühen 21. Jahrhundert, geschichtsversessen, das zeigt ja auch die Faszination mit solchen Stoffen wie "Babylon Berlin" und den 20er-Jahren. Dann bin ich doch als Historiker auch immer überrascht, wie weit das geht. Dass wir jetzt hier über die neuen 20er-Jahre reden würden, das hat mich tatsächlich vor zwei, drei Wochen kalt erwischt. Es ist auch eine mediale Drehung natürlich, ein großes mediales Interesse, aber letztlich zeigt das ja auch so ein großes Orientierungsbedürfnis der Menschen.

Blick auf den Bauernkalender

Das ist für einen Historiker dann wieder interessant: Wir wollen uns orientieren, wir suchen Halt in der Vergangenheit. Ein bisschen ist das natürlich mit den 20er-Jahren und diesen Parallelen wie – ich weiß nicht, ob es noch ganz alte Leute gibt, die sich an so was erinnern –, mit dem 100-jährigen Kalender, dem Bauernkalender. Früher guckte man auf dem Land da so rein, da gab es Kalender, da stand dann drin, vor 100 Jahren am 31.12.1896, da war das Wetter so und so, und da sagte Papa dann, so wird es vielleicht auch wieder werden. Genau dieser Mechanismus ist das ja auch, diese Orientierung - wir wissen nicht, wie die Zukunft wird, dann gucken wir mal, wie es vor 100 Jahren war und lassen uns davon ein bisschen leiten.

Welty: Was kann denn so eine Rückschau tatsächlich leisten?

Nolte: Diese Rückschau auf die 20er-Jahre, die fasziniert uns ja jetzt auch nicht zufällig einfach so, sondern weil dahinter schon eine bestimmte Wiedererkennung auch von möglichen Ähnlichkeiten steht. Das ist ja zunächst einmal auch die Krisenerfahrung der 2010er-Jahre, die in gewisser Weise auch die Krisenerfahrung der Menschen ist, die aus dem Ersten Weltkrieg rausgekommen waren, und dann die Krisenerfahrung der 20er-Jahre war.

Krise der Demokratie

In gewisser Weise vergleichen wir, wenn wir jetzt auf die 20er-Jahre schauen, eigentlich mehr unsere Krisenerfahrung des vergangenen Jahrzehnts, der 2010er-Jahre, mit dieser großen Finanzkrise und Flüchtlingskrise, Klimakrise, Demokratiekrise, Populismus. All diese Krisen der 2010er-Jahre, die projizieren wir jetzt auf die 20er-Jahre, auf das, was uns bevorsteht.

Ähnlichkeiten sind ja schon da. Also in den 20er-, frühen 30er-Jahren ist die Demokratie auch als Folge des Ersten Weltkriegs in vielen Ländern, nicht zuletzt ja auch in Deutschland, die Weimarer Republik als parlamentarische Demokratie neu etabliert, große Expansionen, neue Rechte, Frauenstimmrecht und vieles mehr ... das geriet in vielen Ländern, auch dann in Deutschland, sehr stark in die Krise. Mit diesen Krisen der europäischen Demokratien haben wir es ja jetzt auch wieder zu tun. Das haben wir schon im Hinterkopf, wenn wir jetzt auf die 20er-Jahre  schauen.

Welty: Die 1920er-Jahre stehen auf der einen Seite für Dynamik und Modernität, Frauenwahlrecht beispielsweise, und auf der anderen Seite für Reaktionismus und Totalitarismus. Wie passt das denn zusammen?

Nolte: Das zeigt zunächst einmal, dass man sich vor so einem Bild hüten sollte, in dem die Geschichte irgendwie so glatt und fein säuberlich ist und es gute Zeiten und schlechte Zeiten gibt. Natürlich gibt es auch eindeutig schlechte und furchtbare Zeiten, den Zweiten Weltkrieg, die Herrschaft des Nationalsozialismus in Deutschland und über ganz Europa. Die meisten Zeiten sind aber irgendwie gemischt und in Grautönen. Vor allen Dingen gibt es immer schon auch Zeiten, in denen es ganz große Dynamik im technologischen Wandel gab, in Aufbrüchen, so wie wir sie jetzt ja auch vor uns haben oder schon mitten drin stecken: Energiewende, Transformation des Verkehrs, Mobilitätswende, vom fossilen zum elektrischen oder nachhaltigen Zeitalter.

Technologischer Aufbruch und staatliche Repression

Das muss aber nicht heißen, dass es in politischer Hinsicht eine liberale Zeit ist. Auch das kennen wir ja aus der deutschen Geschichte: Die Zeit des Kaiserreichs, die in vieler Hinsicht im 19. Jahrhundert hinter den Erwartungen der Revolutionäre von 1848, die schon ein freiheitliches, liberales Deutschland gestalten wollten, einen Rückfall darstellte in mehr obrigkeitliche, bürokratische Strukturen. Diese Zeit des Deutschen Kaiserreichs seit 1871, das waren eben auch die Gründerjahre, die Jahre des großen technologischen Aufbruchs. Also wir erkennen auch solche Spannungsverhältnisse.

In den 20er-Jahren war es noch mal so ähnlich, Durchbruch der Moderne, Anfänge von Konsumgesellschaft … Das sind ja auch die Bilder von "Babylon Berlin", die wir dann vor uns sehen und abrufen können: Das konnte auch einhergehen nicht nur mit großer Not in den Arbeiterquartieren um die Ecke in Berlin, da, wo das tolle Leben abging, ganz nah beieinander, sondern eben auch mit politischen Verhärtungen, mit politischer Repression. Das ist ja genau das Dilemma, was wir auch sehen. Ein Wort, um das Dilemma auf den Begriff zu bringen oder dieses Spannungsverhältnis zwischen technologischem Fortschritt und politischer Repression, global gesehen, ist ja China.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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