Dienstag, 22.06.2021
 

Interview | Beitrag vom 08.05.2021

Historiker Norbert FreiWarum der 8. Mai kein gesetzlicher Feiertag sein sollte

Moderation: Ute Welty

Fassungslos steht eine alte Frau in den Trümmern der Stadt Bensheim, während US-Soldaten an ihr vorbei marschieren.  (picture alliance / dpa)
Die Deutschen seien in großen Teilen bis zuletzt den Durchhalteparolen des Regimes gefolgt und hätten den Tag in Kategorien von Zusammenbruch wahrgenommen, so Norbert Frei. (picture alliance / dpa)

Der Historiker Norbert Frei hält wenig von der Idee, den 8. Mai als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus zum gesetzlichen Feiertag zu machen. Auch weil die Deutschen zu dieser Befreiung damals wenig beigetragen haben.

In vielen Ländern Europas wird heute, am 8. Mai, des Endes des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung des Kontinents von der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft gedacht. In einigen Ländern ist der 8. Mai sogar ein Feiertag.

Auch in Deutschland werden immer wieder Stimmen laut, die diesen Tag zum bundesweiten gesetzlichen Feiertag machen wollen. Zuletzt kam diese Forderung vom nordrhein-westfälischen SPD-Vorsitzenden Thomas Kutschaty, der sich davon eine Stärkung des kollektiven Gedächtnisses und des Kampfes gegen Extremismus verspricht. 

"Wirklich befreit waren nur die Überlebenden der Konzentrationslager"

Der Historiker Norbert Frei hält dagegen wenig von der Idee, den 8. Mai zum gesetzlichen Feiertag zu machen. Denn die Deutschen könnten an diesem Tag nicht feiern, dass sie sich selbst von der NS-Herrschaft befreit hätten. Vielmehr seien sie in großen Teilen bis zuletzt den Durchhalteparolen des Regimes gefolgt. Viele seien am 8. Mai vielleicht auch einfach nur "erschöpft und leer" gewesen und hätten diesen Tag eher in Kategorien von Zusammenbruch wahrgenommen:

"Denn wirklich befreit waren am 8. Mai 1945 nur die Überlebenden der Konzentrations- und Vernichtungslager und diejenigen, die sich als aktive Gegner des Nationalsozialismus fühlen konnten und durften. Aber doch nicht die übergroße Mehrheit, die bis zum Schluss nicht aufbegehrt hat, sondern im Wesentlichen das Regime mitgetragen hat oder mitgelaufen ist."

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Geeigneter wäre für den Historiker insofern ein anderer Tag: 

"Wenn man die Demokratiebegründung in Deutschland nach dem Ende der NS-Herrschaft, also nach Krieg und Holocaust, wirklich feierlich begehen wollte, dann könnte man auch sagen, der 23. Mai wäre ein guter neuer Feiertag." Also der Tag, an dem 1949 das Grundgesetz im Parlamentarischen Rat verkündet wurde. Dies wäre ein Tag, "zu dem die Deutschen wirklich selbst etwas beigetragen haben."

Auch wenn Frei sich den 8. Mai nicht als gesetzlichen Feiertag wünscht, betont er dennoch, wie wichtig es sei, "dass wir diesen Tag wirklich begehen". Und zwar, indem wir "gemeinsam mit Europa dieses Tages gedenken".

(uko)

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