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Tacheles | Beitrag vom 03.08.2019

Historiker Marcus Böick zur Treuhand"Für viele das Symbol der Abwicklung des Ostens"

Moderation: Gerhard Schröder

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Ein Arbeiter blickt besorgt in die Kamera. Die schwarz-weiße Aufnahme ist entstanden im Stahl- und Walzwerk Maxhütte in Unterwellenborn, Thüringen, nach der letzten Schicht im Juli 1992.  ( imago / fossiphoto )
Werksschließung nach 120 Jahren: Letzte Schicht im Stahl- und Walzwerk Maxhütte im thüringischen Unterwellenborn im Juli 1992. ( imago / fossiphoto )

Nach dem Mauerfall kam die Ernüchterung. Viele ostdeutsche Betriebe wurden geschlossen, tausende Arbeitsplätze gingen verloren. Der Historiker Marcus Böick zieht Bilanz: "Es gibt die Leuchttürme, aber es gibt auch die abgehängten Regionen."

Deutschlandfunk Kultur: Herr Böick, Sie sind 1983 in Aschersleben in Sachsen-Anhalt geboren, waren beim Mauerfall sechs Jahre alt. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Marcus Böick: Das sind natürlich Erinnerungen aus der Perspektive eines Kleinkindes. Aber bestimmte Dinge hat man schon mitbekommen und haben einen auch mit geprägt. Solche Dinge wie Betriebsschließungen, Arbeitslosigkeit, Abwanderung, das war immer ein Grundrauschen, das die Erwachsenen, die Eltern, Großeltern beschäftigt hat. Das muss man auf jeden Fall festhalten.

Deutschlandfunk Kultur: Sie sind nach dem Abitur in den Westen gegangen, haben in Bochum studiert und arbeiten heute dort auch am Lehrstuhl für Geschichte. Für Sie galt also auch: Karriere kann man nur im Westen machen.

Böick: Es betraf sicherlich viele meiner Altersgenossen, die mit mir zusammen Abitur gemacht haben. Der Großteil hat das Mansfelder Land, wo ich herkomme, verlassen und dort studiert.

Porträt des Historikers Marcus Böick vor dem ehemaligen Haus der Elektroindustrie, das ab 1994 Hauptsitz der Treuhandanstalt am Berliner Alexanderplatz war. (imago images / Christian Thiel)Historischer Ort am Berliner Alexanderplatz: Marcus Böick vor dem ehemaligen Haus der Elektroindustrie, das ab 1994 Hauptsitz der Treuhandanstalt war. (imago images / Christian Thiel)

In der Regel sind diese Leute auch nicht mehr zurückgekehrt. Das muss man auf jeden Fall sagen. Also, das ist vielleicht noch eine Handvoll meiner ehemaligen Schulkameradinnen und -kameraden, die dort wirklich auch noch leben und arbeiten konnten. Für unsere Generation war das keine Option, dort wirklich dauerhaft zu bleiben.

Der negative Gründungsmythos der neuen Länder

Deutschlandfunk Kultur: Und heute, sehen Sie da blühende Landschaften, wenn Sie zurückkehren in Ihre Heimat?

Böick: Ich denke, es ist eine schwierige Situation. Ich habe großen Respekt vor den Menschen, die dageblieben sind und versuchen, dagegen anzukämpfen, sich dagegen zu stemmen auf Seiten der Politik, auf Seiten der Unternehmen, der Wirtschaft. Gerade in so einer vom Strukturbruch doppelt betroffenen Region wie meiner alten Heimatregion ist es natürlich unheimlich schwer, sich gegen solche Großtrends zu behaupten. Man kämpft, aber es ist natürlich ein Prozess, der nicht nur was mit Ost-West zu tun hat, sondern auch mit Globalisierung, mit Digitalisierung, mit Stadt-Land-Friktionen, die sich bemerkbar machen. Deshalb ist es eher eine schwierige Geschichte, würde ich sagen.

Deutschlandfunk Kultur: Björn Höcke, das Aushängeschild des völkisch-nationalen Flügels in der AfD, hat vor einigen Wochen gesagt: "Die Verelendung und Heimatzerstörung hier bei uns", also im Osten, "hat einen Namen. Und dieser Name lautet Treuhand." Kann man es sich so einfach machen?

Böick: Das ist natürlich viel zu einfach und zu undifferenziert. Dass die AfD dieses Thema versucht zu besetzen und ein Stück weit auch der Linkspartei wegzunehmen, wenn man so möchte, das überrascht mich nicht. Das eignet sich natürlich sehr gut für solche Polarisierungen und auch für solche populistischen Kurzschlüsse. Die Treuhandanstalt hat eine lange Geschichte als negativer Gründungsmythos der neuen Bundesländer. Aber natürlich, wenn man es sich differenziert anschaut, die Fälle anschaut, das, was wirklich konkret in den frühen 90er-Jahren geschehen ist, anschaut, analysiert, dann wird man natürlich zu anderen Urteilen und auf jeden Fall nicht zu solchen pauschalen Urteilen kommen – im Negativen, wie aber auch im Positiven.

Plattmache und Kolonialisierung

Deutschlandfunk Kultur: Aber diese Erzählung von der Plünderung der DDR-Wirtschaft durch die Treuhand stößt in Ostdeutschland durchaus noch auf offene Ohren. Das sehen viele so, nicht nur in der AfD.

Böick: Das ist definitiv der Fall. Gerade ältere Ostdeutsche, ich meine vor allem diejenigen, die jenseits der 40 sind, die wirklich diese Zeit aktiv am Arbeitsplatz erlebt haben, in der Ausbildung oder so, für die ist die Treuhandanstalt ein Stück weit auch bis heute noch ein sehr negatives Symbol einer doch sehr rigorosen Abwicklung des Ostens durch den Westen zugunsten oftmals westdeutscher Großunternehmen.

Frauen auf einer Bank bei der Besetzung der Treuhand Niederlassung in Suhl, Thüringen, aufgenommen am 01.07.1991.  (imago images / fossiphoto)Widerstand gegen Privatisierungskurs: Besetzung der Treuhand-Niederlassung in Suhl am 1. Juli 1991. (imago images / fossiphoto)

Das ist die Erzählung: die Plattmache, teilweise die Kolonialisierung. Das spielt für die Leute heute noch eine wichtige, eine sehr wichtige Rolle. Deshalb haben wir vor einiger Zeit auch von einer Art emotionalen "Bad Bank" gesprochen, also einen Ort, die Treuhandanstalt als Symbol für Dinge, die man als Zurücksetzung, als Entwertung, als Abwicklung empfunden hat. Das parkt man dann, das schiebt man dann bis in die Gegenwart zur Treuhandanstalt. Ob das dann der Fall war, spielt dann gar keine Rolle mehr. Das hat sich ein Stück weit auch verselbständigt.

Deutschlandfunk Kultur: Sie selbst haben vom "negativen Gründungsmythos" gesprochen, der sich tief in die Erinnerungskultur der Ostdeutschen eingebrannt habe. Bedeutet das nicht auch, dass viele in Ostdeutschland nach wie vor fremdeln mit diesem Gesamtdeutschland, in das sie vor 30 Jahren reingeschubst wurden?

Böick: Ich denke, das ist durchaus auch ein Element der Erklärung, die wir finden können, warum diese Distanz, die Skepsis, die Zweifel bis heute noch stärker ausgeprägt sind als vergleichsweise in den alten Bundesländern. Gerade die Treuhandanstalt war so etwas wie eine Art Wirtschaftsregierung, wie eine Art Nebenregierung, die handlungsfähig war, Entscheidungen getroffen hat, sichtbar war in den frühen 90er-Jahren. Mit ihr verbinden sich diese ganzen massiven Enttäuschungen.

Altbundeskanzler Helmut Kohl, CDU, beim Besuch des Fahrzeugwerkes Simson in Suhl, Thüringen, im Sommer 1992. (imago images / fossiphoto)Auf der Suche nach blühenden Landschaften: Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl besuchte im Sommer 1992 das Fahrzeugwerk "Simson" in Suhl. (imago images / fossiphoto)

Man muss immer die Fallhöhe beachten. 1989/90 hatte man immense Erwartungen, immense Hoffnungen. Es herrschte Euphorie. Es herrschte Aufbruchstimmung gerade auch in Ostdeutschland, in Westdeutschland vielleicht nicht so stark. Aber diese Euphorie war auf jeden Fall ein Faktor. Und dann im Frühjahr 1991 sah man sich eben mit der Treuhand mit Schließungen, mit Entlassungen, mit Protesten, dann später auch mit Skandalen konfrontiert.

Diese extreme emotionale Fallhöhe von der Euphorie 1989/90 in die Erbitterung und Enttäuschung 1991/92 hat sich mit der Treuhandanstalt vermengt. Das Gefühl vieler Betroffener, die von Schließungen und Entlassungen betroffen waren, war: "Okay, jetzt entscheidet irgendeine anonyme Macht von oben herab über unser Schicksal. Und wir können uns gar nicht dagegen wehren. Es ist im Prinzip ganz ähnlich, wie wir es schon aus der SED-Zeit kannten." Das ist das Wahrnehmungsmuster, das man dann hat.

Das klebt natürlich immer noch etwas am Image von Demokratie und Marktwirtschaft bis in die Gegenwart, würde ich sagen. Ein Element ist da auf jeden Fall die Treuhandanstalt, um im Prinzip diese Distanz plausibel zu machen und zu verstehen.

Leuchttürme und abgehängte Regionen

Deutschlandfunk Kultur: Birgit Breuel, die war von 1991 bis 1994 Chefin der Treuhandanstalt, hat gesagt: "Es gibt viele wirtschaftlich sehr erfolgreiche Regionen. Ich würde behaupten, unsere Politik von damals hat an den Erfolgen durchaus einen Anteil." Diese optimistische Sicht hat sich bis heute nicht durchgesetzt, zumindest nicht in Ostdeutschland.

Böick: Das ist durchaus der Fall. Wenn wir uns die langfristigen Wirkungen anschauen, kommen wir sicherlich zu einem differenzierten Bild, wobei wir auch nur sehr wenig darüber wissen. Es gibt diese bekannten Leuchttürme. Es gibt Regionen, die sich relativ gut erholt haben, die Universitätsstädte, die Großstädte, die durchaus lebendigt sind. Die blühen auch. Aber es gibt eben auch die – in Anführungszeichen – abgehängten Regionen, die sich sehr schwer tun, die diesen doppelten Strukturbruch Stadt-Land, Ost-West eben nicht so einfach verkraften konnten. Die kämpfen bis heute darum. Deshalb ist das Bild auch entsprechend differenziert.

Damit verknüpft sich oft auch die Frage: Was ist Erfolg und was ist Misserfolg? Gerade im Kontext von Treuhand, Privatisierung, Wirtschaftsumbau ist das immer die Gretchenfrage. Was bewerte ich als Erfolg und was als Misserfolg? Ist ein Standort, wo früher 10.000 Beschäftigte in einer Fabrik tätig waren, der heute immer noch besteht, aber nur noch 1000 Mitarbeiter hat, ein Erfolg oder ist es ein Misserfolg?

Das Stahl- und Walzwerk Maxhütte in Unterwellenborn, Thüringen, nach der letzten Schicht im Juli 1992. (imago / fossiphoto)Zur Blütezeit beschäftigte die Maxhütte in Sulzbach-Rosenberg mehr als 9000 Menschen. Heute ist sie ein Industriedenkmal. (imago / fossiphoto)

Aus Treuhandperspektive würden sie sagen: "Der Standort wurde gehalten. Das ist ein Erfolg." Aus Perspektive der betroffenen Stadt oder der Bevölkerung oder der Belegschaft steht der Verlust von 9.000 Arbeitsplätzen im Fokus. Da wird es eher als dramatischer Misserfolg bewertet. Diese Gegensätze haben wir bis heute.

Deutschlandfunk Kultur: Nun ist auch viel Geld nach Ostdeutschland geflossen. Es gab große Anstrengungen, große Investitionen. Es gibt durchaus auch wirtschaftlichen Fortschritt. Auf der anderen Seite sehen wir, Sie haben wirtschaftlich abgehängte Regionen genannt, die gibt es auch in Westdeutschland. Und dort sagt man inzwischen: "Die Infrastruktur in vielen Regionen in Ostdeutschland ist viel besser als im Ruhrgebiet oder im Saarland." Warum ist es bislang kaum gelungen, hier eine gesamtdeutsche Sicht auf die Frage gleicher Lebensverhältnisse zu richten, sondern immer noch nach Himmelsrichtung zu sortieren, nach Ost-West; eine doch recht spalterische Sicht auf die Entwicklung in Gesamtdeutschland zu richten?

Böick: Das ist eine Frage, die mich auch ganz persönlich beschäftigt. Da ich quasi aus der einen Krisenregion in die andere Krisenregion, ins Ruhrgebiet, übergewandert bin. Hier stellen sich auch viele Fragen, die sich in modifizierter Weise auch in ostdeutschen Regionen stellen – aber aus einer anderen Grundperspektive. Diese Konkurrenz von Städten wie Oberhausen mit anderen Regionen in Ostdeutschland, wo man dann die Wahrnehmung entwickelt hat, "naja, wir zahlen jetzt Transferleistungen und unsere Infrastruktur verkommt und ist marode und dort drüben ist es halt anders". Ich denke, das ist auch ein Stück weit ein Problem der medialen, der politischen Debatte.

Es ist schwer, solche differenzierten Sichtweisen durchzusetzen. Ich würde auch bezweifeln, dass es Sinn macht, einfach pauschal nach Himmelsrichtungen Fördergelder auszuschütten. Das ist sicherlich nicht der Ansatz, der weiterführend ist, sondern dass man stärker auch definiert: Was möchte man eigentlich erreichen? Was kann man erreichen? Und wo setzt man diese Mittel an? Da gibt es durchaus extreme Positionen.

Auf der einen Seite sagen Kollegen, Wissenschaftler: "Okay, wir müssen uns im Prinzip auf die Kerne konzentrieren und versuchen, dort die Mittel zu summieren oder anzusetzen, um diese Regionen als Leuchttürme zu fördern, die dann hoffentlich ins Umland strahlen." Und die anderen sagen: "Na ja, aber dann lasst ihr aber das flache Land, die ländlichen Regionen völlig ausbluten mit allen damit verbundenen Konsequenzen." Bis heute schwelt diese Debatte weiter und wir schieben sie vor uns her. Aber ich denke, Deutschland muss sich in den nächsten Jahren auch stärker kritisch befragen, was es eigentlich möchte und wo es sich in dieser Frage sieht.

"Über Nacht ins kalte Wasser gestoßen"

Deutschlandfunk Kultur: Herr Böick, Mitte 1990 hat die Treuhandanstalt 8.600 volkseigene Betriebe, wenn ich die Zahl richtig im Kopf habe, übernommen und die Ausgangslage schien eigentlich gar nicht so schlecht. Detlev Rohwedder, der erste Treuhand-Chef schätzte damals den Wert der DDR-Wirtschaft auf 600 Milliarden D-Mark. Das hat sich als fundamentale Fehleinschätzung herausgestellt, oder?

Böick: Es hat sich als Fehleinschätzung herausgestellt. Aber alle Seiten waren dieser Einschätzung unterlegen, sowohl die Ostdeutschen, die letzte Modrow-Regierung hat den Wert des Volksvermögens bei etwa tausend Milliarden angesetzt. Aber auch in Westdeutschland dachte man, hier sind große Werte erstmal vorhanden. Das war im Prinzip die Mitgift, die die DDR noch vor der Währungsunion in die Einheit einbringen konnte. Man dachte, man hat hier einen Wert, den man im Prinzip positiv mit in die deutsch-deutsche Ehe, die dann sehr rasch zustande kommt, mit einbringen kann.

Das ändert sich allerdings gravierend nach der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion am 1. Juli 1990. Selbst wenn vorher unter den Bedingungen von Planwirtschaft, RGW usw., also dieser großen Strukturen im Ostblock, Werte vorhanden gewesen waren, wurden die spätestens durch diese sehr radikale Währungsunion, die sich die Ostdeutschen ja gewünscht hatten, wurden tragischerweise durch die Währungsumstellung 1:1 diese Betriebe, die ohnehin seit den 70er-, 80er-Jahren mit massiven Problemen zu kämpfen hatten – Investitionsstau, Umweltprobleme, um nur einige Probleme mal anzusprechen – über Nacht in das kalte Wasser der Marktwirtschaft gestoßen. Und beides wirkte auf ganz fatale Art und Weise zusammen.

Die Treuhand-Manager um Detlev Rohwedder, die Sie erwähnt haben, die ab Juli peu à peu zur Treuhand kommen, sind im Prinzip mit die ersten, die wirklich realisieren: Hier werden keine Gewinne zu verteilen sein, sondern hier ist knallhartes Krisenmanagement gefragt.

Aufwertungsschock von 300 Prozent

Deutschlandfunk Kultur: Das bedeutete, diese schnelle Wirtschafts- und Währungsunion, die ostdeutsche Wirtschaft musste sich jetzt in der Konkurrenz zu den westdeutschen Betrieben behaupten. Dabei stellte sich heraus, die meisten sind nicht konkurrenzfähig.

Böick: Das ist sicherlich der Fall. Selbst westdeutschen Unternehmen wäre es schwer gefallen, sich unter vergleichbaren Umständen überhaupt noch am Leben zu halten. Ökonomen haben in den 90er-Jahren diesen Aufwertungsschock auf etwa 300 Prozent beziffert. Quasi über Nacht mussten die ostdeutschen Unternehmen ihre Löhne, ihre Vorprodukte, ihre Maschinen, ihre Investitionen in harter Währung bezahlen und ihre Produkte auch in harter Währung beispielsweise nach Osteuropa verkaufen. Das war eine extreme Umstellung, die sich dort über Nacht vollzogen hat.

Hinzu kam noch, dass man viel zu viele Mitarbeiter in den Betrieben hatte, weil der ostdeutsche Betrieb etwas anderes war als ein westdeutsches Unternehmen, mit viel mehr sozialen und kulturellen Funktionen im Ort. Das war eine dramatische, eine tragische Situation, wo relativ schnell klar wurde, hier sind wirklich dramatische Veränderungen nötig, um wenigstens einen Kern dieses Betriebes, dieses Unternehmens am Ort zu halten.

Mitglieder der Brigade des 7. Parteitags vom VEB Plastikwerk Berlin während einer Betriebsfeier im Bowling-Zentrum VE Gaststätten- und Hotelorganisation Berolina (HO) am Berliner Alexanderplatz. (imago / Werner Schulze)"Der ostdeutsche Betrieb war etwas anderes als ein westdeutsches Unternehmen, mit viel mehr sozialen und kulturellen Funktionen im Ort", erklärt der Historiker Marcus Böick. (imago / Werner Schulze)

Das ist eine Konstellation, die sich aus den Dynamiken des Frühjahrs 1990 entwickelt hat, die sich die Ostdeutschen auch gewünscht hatten. Aber sie hatten natürlich zu dem Zeitpunkt, ich erwähne jetzt kurz die Volkskammerwahl im März 1990, gar keine Ahnung, was das für Konsequenzen haben würde, wenn die D-Mark eben jetzt sofort im Kurs von 1:1 nach Ostdeutschland kommt. Das ist ein Stück weit das Tragische daran.

Deutschlandfunk Kultur: Die Frage ist dann: Welche Chance hatte überhaupt die Treuhandanstalt, diese Unternehmen tatsächlich konkurrenzfähig zu machen, in die Marktwirtschaft zu entlassen und ihnen da eine Chance zu geben?

Böick: Das sind zwei Ebenen: Auf der einen Seite findet die Treuhandanstalt ein gewisses politisches oder ein stark politisches ökonomisches Strukturgeflecht vor. Diese grundsätzlichen Entscheidungen Wirtschaftsunion, Schocktherapie, Währungsumstellung trifft nicht die Treuhandanstalt. Die werden vorher im politischen öffentlichen Raum verhandelt und getroffen. Aber dann muss sie mit dieser Masse an Betrieben, die jetzt in ihrem Portfolio liegen, umgehen und ihren Auftrag, die Wirtschaft so schnell wie möglich zu privatisieren, wettbewerbsfähig zu machen, zu sanieren oder aber zu schließen, der im Treuhandgesetz vom Juni 1990 zugrunde gelegt wird, diesen Auftrag muss sie jetzt erfüllen.

Da eröffnen sich gewisse Handlungs- und Entscheidungsspielräume. Beides wirkt zusammen. Die äußeren Bedingungen sind zwar ein Stück weit stark vorgegeben, aber innerhalb dieses Szenarios kann die Treuhandanstalt auch selbst Entscheidungen treffen. Die Geschwindigkeit bestimmt sie. Sie versucht, sich unabhängig von der Politik zu machen. Sie versucht, auf die einzelnen Betriebe zu gucken und deren Zukunftsfähigkeit zu evaluieren und anhand betriebswirtschaftlicher Kenndaten zu bewerten. Da eröffnen sich Handlungsspielräume, über die man sehr stark auch streitet und diskutiert.

Währungsumstellung und Schocktherapie

Deutschlandfunk Kultur: Das war eine Diskussion, die es Anfang der 90er-Jahre gegeben hat: Erst sanieren, dann privatisieren, also, erst Geld in Unternehmen stecken, investieren, damit sie wettbewerbsfähig sind, dann privatisieren. Bei der Treuhand ging es in der Regel andersrum. Die Unternehmen, die keinen Käufer fanden, wurden abgewickelt. War das die falsche Reihenfolge? Hätte es nicht doch eine Alternative gegeben?

Böick: Das war natürlich eine sehr hitzige Debatte in den frühen 90er-Jahren.

Deutschlandfunk Kultur: Was sagen Sie?

Böick: Die Überzeugung der Treuhand-Spitze, aber auch vieler westdeutscher Treuhand-Manager und leitender Mitarbeiter war: Die Privatisierung soll ein Investor leisten, weil nur der kann sich auf den Einzelfall fokussieren. Er hat Kapital. Er hat Know-how. Er hat Verbindungen. Das war die Logik, die dahinter stand. Auch Rohwedder brachte das auf die Formel: "Privatisierung ist die wirksamste Form der Sanierung." Das ist eine Formel, die er kurz vor seiner Ermordung noch prägt.

Ein noch analog fotografiertes Farbporträt des Treuhand-Präsidenten Detlef Rohwedder in Anzug und Krawatte und selbstbewußter Pose mit nachdenklicher Mimik vor einer Holz vertäfelten Wand. (imago / Hense)Wollte sich am Sanieren üben: Detlev Rohwedder wurde 1990 als Treuhand-Präsident eingesetzt. (imago / Hense)

Das war allerdings gerade im Zeitverlauf zunehmend umstritten, weil man sah, viele Betriebe sind eben nicht einfach so privatisierbar, sondern müssen erst noch privatisierbar gemacht werden. Da war der Grundsatzstreit: Kann das die Treuhand leisten? Soll sie es leisten? Schiebt sie da nicht öffentliche Gelder in Industrieruinen hinein, die keine Perspektive haben? Das war eine der Wahrnehmungen.

Später hat sich das ein Stück weit gedreht. Da hat die Treuhand-Anstalt eben von ihrem scharfen Privatisierungskurs abgelassen und man hat sich stärker auf sogenannte industrielle Kerne konzentriert, also bestimmte Betriebe, wo man in der Politik, in der Öffentlichkeit, in der Region der Meinung war, die sind zwar jetzt nicht privatisierungsfähig, aber schließen können wir die auch nicht, weil, wenn wir diesen Standort schließen, ist nichts mehr übrig in diesem Ort, in dieser Kleinstadt.

Die vergebliche Hoffnung auf ein Wirtschaftswunder

Deutschlandfunk Kultur: Es gab durchaus kritische Stimmen, die gesagt haben: Keine schnelle Wirtschafts- und Währungsunion. Das übersteht die ostdeutsche Wirtschaft nicht. Oskar Lafontaine, der Kanzlerkandidat der SPD 1990, hat das so formuliert, hat die Wahlen krachend gegen Helmut Kohl verloren, der von "blühenden Landschaften" geschwärmt hat. Die ostdeutschen Wähler sind ihm gefolgt. Die wollten diese schnelle Wirtschafts- und Währungsunion. Haben sie sich also in gewisser Weise das Grab selbst geschaufelt?

Böick: Das ist eine besondere Tragik, denke ich, die man in diesem Vorgang sehen muss. Das würde ich auf jeden Fall unterstreichen. Es gab genug kritische Stimmen. Die Linke tat sich schwer mit dem neuen deutschen Nationalstaat. Oskar Lafontaine ist da ein gutes Beispiel. Karl Otto Pöhl von der Bundesbank wäre ein anderes Beispiel gewesen. Die Ökonomen haben gewarnt und haben gesagt: "Ihr dreht eigentlich den Prozess um. Erst müssen Wirtschaftsreformen kommen, langsam, graduell. Und dann am Ende steht eine Währungsunion", wie wir es von der Euro-Einführung kennen.

Aber die Dynamik dieses Frühjahrs 1990, die politische Richtung, hatte eine völlig andere Stoßrichtung. Auch die Bundesregierung in Bonn sah sich massiv unter Druck gesetzt, weil Monat für Monat nach Öffnung der Mauer viele Zehntausende Ostdeutsche in die alten Bundesländer überwanderten. Das war auch eine soziale Dramatik, die dahinter stand.

Dann war die Überlegung: Ja, wenn wir euch jetzt sagen, ihr bekommt die D-Mark relativ schnell und auch komplett, aber bitte bleibt zu Hause, wartet noch einen Moment. Dann bekommt ihr die D-Mark und dann steht da so was wie ein zweites deutsches Wirtschaftswunder. Das war die Überzeugung, die man im Frühjahr 1990 in Bonn kultiviert hat.

Im Nachhinein zeigte sich, es hat in dieser Art und Weise nicht funktioniert. Aber das ist im Prinzip eine zeitgenössische Wahrnehmung, die man für meine Begriffe ernst nehmen muss. Das hat nichts mit Wunschdenken zu tun. Es war einfach auch Überforderung am Rhein. Nicht nur in Ostdeutschland war man mit dieser neuen, nicht vorhergesehenen Situation überfordert, sondern auch in der Bundesregierung musste man sich erstmal auf dieses nicht erwartete Szenario einstellen. Es gab die Hoffnungen in Ostdeutschland, ganz klar, aber es gab auch diese Hoffnungen in Westdeutschland oder das Versprechen, das wird alles nichts kosten.

Die Ost-West-Gegensätze wurden unterschätzt

Deutschlandfunk Kultur: Fakt wurde, viele Ostdeutsche haben ihre Lebensgrundlage verloren, haben ihre Jobs verloren. Sie fühlen sich mit Recht als Verlierer der Wiedervereinigung. Wie hätte man damit besser umgehen können?

Böick: Ich denke, was man unterschätzt hat, das lässt sich jetzt aus drei Jahrzehnten Abstand etwas klarer formulieren. Was man sicherlich unterschätzt hat, sind die kulturellen Problemlagen. Man ging davon aus: Beide Seiten sind irgendwie Deutsche. Es ist eine relativ hohe kulturelle Ähnlichkeit da. Das wird schon funktionieren. Diese Ost-West-Differenz, die sich in 40 Jahren Teilung aufgetan hat, die hat man so stark nicht als Problem wahrnehmen können und wahrnehmen wollen.

Aber dass es diese Konflikte dann gab, die westdeutschen Vorgesetzen, die ostdeutschen Mitarbeiter, Ost-West-Gegensätze, wie beispielsweise im Fall Bischofferode, die sich ganz massiv emotional aufschaukeln, Ostalgie, die Debatte um die Staatssicherheit usw. usf., das hat man nicht so stark gesehen. Man hat stärker auf technische Lösungen gesetzt, Technokratie, auf Infrastrukturen, auf große Bauprojekte, auf solche Dinge. Aber man hat diese Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit usw. über soziale Sicherungssysteme massiv abgefangen. Man hat im Prinzip materiell durchaus immense Kosten auf sich genommen, um diese innere Einheit voranzubringen. Aber man hat ein Stück weit auch unterschätzt, dass es nicht nur um materielle Fragen geht, sondern auch um symbolische Anerkennung von Lebensleistung, von individuellen Biographien. Das hat man eher nicht gemacht. Das ist etwas, was uns bis heute begleitet und was auch bis heute noch eine wichtige Rolle spielt.

"Lieber schnelles Ende als ein Schrecken ohne Ende"

Deutschlandfunk Kultur: Sie haben Bischofferode genannt. Birgit Breuel, die Treuhand-Chefin, hat gesagt – da gab es 1993 einen Hungerstreik um die Schließung des Kalibergbaus dort – und sie hat gesagt: "Vielleicht haben wir zu viele Entscheidungen getroffen, die die Menschen einfach nicht mehr wollten."

Eine Pressefoto aus den frühen 1990er Jahren von der damaligen Treuhand Präsidentin Brigit Breuel. (imago images / teutopress)Von Hannover an die Spree versetzt: Die CDU-Politikerin Birgit Breuel wurde zur Nachfolgerin des 1991 ermordeten Rohwedders Präsidentin der Treuhandanstalt. (imago images / teutopress)

Diese Überforderung ganzer Landstriche, einer Bevölkerung, war sie unvermeidbar? Hätte man diesen Anpassungsprozess besser in die Länge gezogen, strecken können, abmildern können?

Böick: Man hat es teilweise in einzelnen Fällen ja getan. Da hat man sich auf andere Handlungsvarianten zurückgezogen und diesem Prozess mehr Zeit gegeben. Aber die grundsätzliche Überzeugung bei der Treuhand, aber auch beim Bundesfinanzministerium, das im Hintergrund stand, war sicherlich oft auch: "Lieber ein schnelles Ende als ein Schrecken ohne Ende." Man hat auch die Kostenseite gesehen. Man wusste, hier sind viele Betriebe, die sehr hohe Verluste machen. Das sind alles Verluste, die letztlich auf die Staatskasse zurückgefallen sind.

Da war die Überzeugung: Wenn wir einen langen gestreckten Prozess haben, ist das Ergebnis nicht unbedingt besser, als wenn wir es kurz und schmerzlos machen. Da hatte man sicherlich auch, und das finde ich eine wichtige Verknüpfung, das Ruhrgebiet vor Augen oder den Strukturwandel in westdeutschen Industrieregionen. Im Osten wollte man diesen langen gestreckten Prozess nicht wiederholen, weil der Eindruck bei vielen damals sehr marktradikal orientierten Politikern und Managern auch war: "Wir brauchen schnell den Markt. Wir brauchen schnell die Wettbewerbsfähigkeit."

Je mehr die Politik sich einmischt und je mehr wir über Industriepolitik, über Strukturpolitik reden, desto stärker entstehen dort riesige Subventionslandschaften, die langfristig nicht mehr wettbewerbsfähig sind. Das ist die Logik, die hinter dieser Treuhand-Politik der schnellen Privatisierungen stand. Die muss man als Historiker erstmal ernst nehmen.

Sicherlich gab es Versuche, die ostdeutschen Betriebsführer zu Managern aufzubauen, Management-Buy-outs zu machen, also selbst eine Art ostdeutschen Mittelstand aufzubauen. Das hat auch die Treuhand versucht. Aber es war sehr schwierig. Es war sehr schwierig, in der Kürze der Zeit tragfähige Strukturen zu etablieren. In der Praxis waren es diese Treuhand-Manager, aber auch die beteiligten Unternehmensleitungen, die Berater, der Gewerkschaften, die gemerkt haben: Es ist ein sehr verwickeltes Problem. Es sind sehr viele Probleme. Es ist sehr komplex. Es ist kaum Zeit, um das irgendwie auseinander zu bekommen. Das sieht man gerade beim Blick in die Praxis sehr gut.

Deutschlandfunk Kultur: 30 Jahre nach der Wiedervereinigung gibt es nach wie vor zwei Deutungsmuster: Man kann die relativ klar Ost-West zuordnen. In Ostdeutschland heißt es eher: "Der Westen hat uns überrollt, ausgeplündert, hat uns ruiniert, platt gemacht." Die Treuhandanstalt dient dafür als Symbol. Im Westen die Meinung: "Es gab keine Alternative. Die DDR-Wirtschaft war nicht konkurrenzfähig." Was ist da falsch gelaufen, dass es hier auch 30 Jahre nach dem Mauerfall noch so eine unterschiedliche Deutungsweise, Sichtweise auf den Wiedervereinigungsprozess gibt?

Böick: Das ist eine hoch spannende Frage. Ich denke, wir haben einfach in den letzten Jahren und Jahrzehnten nicht mehr offen über diese Thematik reden wollen, reden können. Es war kein Thema in der Politik und oftmals auch kein Thema in der Wissenschaft. Das muss man selbstkritisch sicherlich einräumen. Man hatte vielleicht ein Stück weit gehofft, dass diese Ost-West-Friktion, diese Konfliktlagen im Laufe der Zeit weggehen werden.

Kulturelle Problemlagen nicht ernstgenommen

Deutschlandfunk Kultur: Aber das stimmt doch nicht so ganz. Wir haben den Soli eingeführt. Wir haben massenhaft investiert. Wir haben jährliche Sachstandsberichte zum Aufbau Ost diskutiert, heftig, immer wieder gefragt, warum hinkt der Osten noch so weit hinterher. Man kann nicht sagen, dass wir darüber nicht diskutiert hätten, dass wir es nicht thematisiert hätten.

Böick: Sie haben Recht, es war Thema. Aber es war auf der einen Seite immer Thema über solche materiellen Fragen, also, dass wir uns an solchen Makro-, an solchen großen Statistiken festgehalten haben. Wie viele Milliarden? Wie weit ist der Abstand? Wieviel Prozent? Wir haben das auf einer sehr materiellen Ebene diskutiert und diese kulturellen Problemlagen nicht wirklich ernst genommen, die damit verknüpft sind.

Deutschlandfunk Kultur: Wie hätte man das machen sollen?

Böick: Ich denke, das sind Fragen, die damit zu tun haben, was jetzt in der Debatte wieder aufkommt, Fragen von Eliten, also wer bestimmt. Wer ist in Führungspositionen eingesetzt? Es sind aber auch Fragen von Aspekten wie: Welche Rolle spielen solche Vorgänge in der Schulbildung, in der Hochschulbildung? Wie werden die in den Medien aufgegriffen? Ich denke, da hatten wir immer ein sehr reduziertes und einseitiges Bild, dass nicht bereit war, differenziert hinzuschauen. Da hatten wir entweder das weiße Bild oder das schwarze Bild.

Der Schriftzug "Gemeinschaftswerk Aufschwung Ost" mit Pfeil in den Farben Schwarz, Rot, Gold an einer Mauer in Magdeburg, fotografiert am 30.10.2017.  (imago images / Christian Schroedter)Die Hoffnung ist verblasst: Aufschwung Ost in Magdeburg zwischen Wunsch und Wirklichkeit. (imago images / Christian Schroedter)

Aber wenn wir uns diese frühen 90er-Jahre anschauen, dann werden wir sehen, wir haben da viel mehr Grautöne. Da liegt auch der Schlüssel, dass wir uns stärker darauf einlassen, diese Komplexität, diese Widersprüchlichkeit dieser Nachwendezeit, dieser Umbruchszeit auch wirklich als solche wahrzunehmen und anzuerkennen. Das könnte sicherlich auch Brücken bauen, Erzählungen bauen, die uns aus diesen Schützengräben herausführen – Ost gegen West, sondern dass wir auch versuchen müssen, stärker Dialoge anzustoßen, die sich eben nicht darin erschöpfen, am 3. Oktober irgendein Bürgerfest zu veranstalten. Man hüllt sich nicht in Schwarz-Rot-Gold und läuft zum Straßenfest, wie das in vielen anderen Ländern üblich ist. Es ist eine sehr differenzierte Geschichte.

Weg vom Besser-Wessi und Jammer-Ossi

Deutschlandfunk Kultur: Ich habe Björn Höcke von der AfD am Anfang zitiert, der die Treuhandanstalt für Verelendung und Zerstörung in Ostdeutschland verantwortlich macht. Ich kann auch Dietmar Bartsch von der Linkspartei zitieren, der sagt: "Ostdeutschland hat sich von der Schocktherapie der Treuhandanstalt nie mehr erholt." Wir sehen, die AfD ist drauf und dran, bei den Landtagswahlen in drei ostdeutschen Bundesländern zur stärksten Kraft aufzusteigen. Dieser Dialog scheint nicht gut zu funktionieren.

Böick: Das will ich unterstreichen. Deshalb brauchen wir differenzierte Positionen oder Versuche, um ins Gespräch zu kommen. Das betrifft nicht nur Ost und West, sondern das betrifft auch die Generationen. Wenn man mit jüngeren West- oder Ostdeutschen spricht, für die diese Kategorien oftmals vielleicht gar nicht so die Bedeutung haben, die aber trotzdem merken, hier ist etwas, was unsere Eltern, unsere Großeltern sehr stark beschäftigt hat.

Ich denke, da braucht es auf beiden Seiten – in Anführungszeichen – stärker die Bereitschaft, sich auch auf die Perspektive der jeweils anderen einzulassen und zu verstehen: Warum haben die Ostdeutschen noch Probleme damit? Warum tun sie sich mit diesen Umbrüchen so schwer? Aber auf der anderen Seite auch aus ostdeutscher Perspektive ein Stück weit aus dieser Opferrolle herauszukommen und zu fragen: Natürlich war das nicht nur eine Überforderung für uns, sondern auch aus westdeutscher Perspektive hat sich da viel verändert.

Ich glaube, da müssen wir hinkommen, dass wir Brücken bauen, Erzählungen finden, die jenseits dieses Besser-Wessis und des Jammer-Ossis angelagert sind. Das ist die große Herausforderung, die sich in den nächsten Jahren stellt.

Deutschlandfunk Kultur: Das klingt gut. Können Sie uns vielleicht noch einen konkreten Tipp geben. Wir werden im Herbst die Feierlichkeiten haben, 30 Jahre Mauerfall. Müssen wir dieses Gedenken, diese Erinnerung, den Blick zurück anders gestalten? Was konkret müssen wir da machen, damit sich die Gräben nicht weiter vertiefen?

Böick: Ich denke, das Wichtige ist, dass wir wegkommen von diesen klar gezeichneten Helden- oder Opfergeschichten. Das ist nichts, was weiterhilft. Einfache Bilder werden da nicht helfen. Pauschale Urteile werden nicht helfen. Man muss genau hinschauen. Man muss auch hinhören, einander stärker zuhören und versuchen zu verstehen, wie die jeweils anderen Perspektiven auf diesen selben Vorgang aussehen.

Ich denke, da sind einige Schritte gemacht. Aber ich spüre auch oder denke auch, dass sich da im öffentlichen Diskurs derzeit etwas verändert, dass da die Bereitschaft auch wieder größer ist.

Die Bereitschaft zum Dialog wächst

Deutschlandfunk Kultur: Wo sehen Sie das?

Böick: Allein die Tatsache, dass wir jetzt so breit über dieses Thema sprechen, ist schon ein Beleg dafür. Ich denke aber auch, in vielen anderen Formaten, in Diskussionsveranstaltungen, an denen ich teilnehme in Ost und West, dass die Bereitschaft wächst, sowohl bei Älteren als auch bei Jüngeren, wieder nach 30 Jahren die Rückschau zu wagen und zu gucken: Was ist da in den 90er-Jahren passiert? Was ist da gelaufen? Was ist gut gelaufen? Was ist falsch gelaufen?

Deutschlandfunk Kultur: Aber mit Blick auf die politische Diskussion muss man nicht konstatieren, Gehör finden vor allem die, die die einfachen Schuldzuweisungen treffen, die die einfachen Lösungen auch bereithalten, also die Populisten links wie rechts?

Böick: Ich denke, das ist leider irgendwie ein Trend unserer Zeit. Das entspricht dem Zeitgeist, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa, in Großbritannien, in Nordamerika. Wir haben überall diese Phänomene, dass man sich mit solchen differenzierten Positionen natürlich schwer tut, wenn wir auf den jeweiligen Seiten dann die einfachen Wahrheiten im Angebot haben.

Aber ich denke, gerade hier liegt auch eine wichtige Aufgabe der Wissenschaft, trotzdem darauf zu beharren, dass Dinge eben oftmals nicht so einfach sind, wie sie an der Oberfläche zu sein scheinen. Da müssen wir uns auch als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in diese Debatten mit einklinken. Ich denke, gerade auch Historikerinnen und Historiker können hier einen Beitrag leisten, wenn sie genau hinschauen und uns Geschichten über die frühen 90er-Jahre erzählen, die auch von diesen einfachen Kategorien wegführen und auch bei anderen Menschen das Bewusstsein dafür wecken, es war etwas komplizierter. Die Gesamtsituation ist doch etwas differenzierter, als wir die vielleicht oftmals auch gesehen haben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Tacheles

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