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Im Gespräch | Beitrag vom 05.11.2019

Historiker Kowalczuk über den VereinigungsprozessZu wenig nachgedacht, wie man Demokratie lernt

Moderation: Britta Bürger

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Ilko-Sascha Kowalczuk vor einem blauen Hintergrund auf der Frankfurter Buchmesse 2019 (picture alliance / Ulrich Baumgarten)
Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk: "Wir achteten darauf, dass wir viel Spaß haben – weil das Regime keinen Spaß verstand." (picture alliance / Ulrich Baumgarten)

Für Ilko-Sascha Kowalczuk war die DDR ein krankes und krank machendes System, er sollte in ihr keine Zukunft haben. Als Historiker erforscht er ihr inneres Gefüge und die Wiedervereinigung. Ein Element fehle noch, sagt er. Dabei könnte es ein neuer Fixpunkt für Demokraten sein.

Abhauen, in den Westen gehen, das wollte Ilko-Sascha Kowalczuk nie. Allen Grund hätte er dazu gehabt – Abitur und Studium hatte man ihm verweigert; was blieb, war eine Tätigkeit auf dem Bau und ein Platz als Pförtner. "Ich war kein Widerstandskämpfer oder Oppositioneller. Ich stand am Rand [der Gesellschaft] und habe gesagt, 'dieses Land gehört nicht meinem Vater, dieses Land gehört nicht den alten Säcken, die das das Sagen haben – das ist auch mein Land'."

Der heutige Historiker träumte nicht von einem vereinigten Deutschland, sondern von einem demokratischen Sozialismus. Geboren 1967, dauerte es lange, bevor er die Mauer überhaupt in Frage stellte. "Deutschland war für mich ein historischer Begriff. Weil ich mir gar nicht vorstellen konnte, dass zu meinen Lebzeiten sich daran etwas ändert, ging ich davon aus, man müsse dieses System im Inneren reformieren."

"An den Rand der Gesellschafft" geriet Ilko-Sascha Kowalczuk im Alter von 14 Jahren. Um seinem Vater zu gefallen, der in der DDR vom Katholiken zum Kommunisten wurde, unterschrieb der 12-jährige Ilko eine Verpflichtung für die Nationale Volksarmee. Er wollte Offizier werden. Als Kowalczuk diese widerrief, wurde er mehrfach vorgeladen, "mich verantworten", wie er sagt, in der Schule oder auch vor dem Wehrkreiskommando.

"In eine Ecke stellten, in die ich gar nicht wollte."

"In diesem Prozess radikalisierte ich mich, weil ich feststellte, dass die mich in eine Ecke stellten, in die ich gar nicht wollte. Das endete dann nach eineinhalb Jahren. Man prophezeite mir, 'solche Typen wie dich kenne ich alle, die landen alle im sozialistischen Strafvollzug. Deine Zukunft ist beendet in diesem Land, du wirst hier gar nichts mehr werden'."

Halt gaben ihm danach Menschen aus dem Umfeld der Kirche. "Das wichtigste war: meine Freunde und Freundinnen standen mehr oder weniger bewusst am Rande der Gesellschaft. Und wir achteten darauf, dass wir viel Spaß haben. Und warum ging es uns um Spaß? Weil das Regime keinen Spaß verstand. Und Lachen gehörte zu meinem Alltag. Weil es nach unserer Beobachtung in diesem System nicht so wahnsinnig viel zum Lachen gab."

Nach dem Mauerfall konnte Ilko-Sascha Kowalczuk dann doch noch studieren und promovierte an der Universität Potsdam. Bis heute befasst er sich, in verschiedenen Funktionen, mit der Aufarbeitung der SED-Herrschaft. Zahlreiche Bücher hat der heute 52-Jährige geschrieben, zuletzt erschien: "Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde".

"Ich hatte nichts zu verlieren"

Für den Historiker und Publizisten steht fest, am 18. März 1990, also bei der ersten freien Volkskammerwahl, entschieden sich die DDR-Bürger für "den starken Staat". Die meisten, das sei ihm damals schon klar gewesen, hätten nicht seine Ideen von Freiheit geteilt. Das müsse man akzeptieren. Denn während andere Familien versorgen mussten, "hatte ich nichts zu verlieren".

Aber, so Kowalczuk, die Menschen "haben auch gewählt, dass die bundesdeutschen Institutionen des Sozialstaates, des Rechtsstaats, das Wirtschaftssystem, mehr oder weniger im 1:1-Verfahren auf Ostdeutschland übertragen werden. Was sie nicht gewählt haben, waren die Folgen. Damit hatte niemand gerechnet."

Wie man aber Demokratie lerne, darüber habe man sich viel zu wenig Gedanken gemacht. "Wir haben uns nicht gefragt, wie man Erwachsenenbildung installieren kann – um der Gesellschaft, die über Nacht in ein völlig neues System gespült worden ist, beizubringen, was zum Beispiel repräsentative Demokratie ist. Und das ist auch ein zentraler Unterschied zur Diktatur. In der Diktatur braucht man kein Vertrauen. Eine repräsentative Demokratie gründet auf Vertrauen und Vertrauensvorschuss. Und wenn man das nicht gelernt hat, dann hat es die Demokratie in solchen Räumen schwer. Das ist genau dass, was wir in Osteuropa und Ostdeutschland seit 1990 beobachten."

"Ostdeutschland ist ein Konstrukt"

Dabei lehnt Ilko-Sascha Kowalczuk Begriffe wie "Ostdeutschland" und "Ostdeutsche" eigentlich ab. Für ihn sind das Konstruktionen, die aus "machtpolitischen Kalkül" entstanden. "Man konstruiert eine Personengruppe, der man per se gewisse Eigenschaften abspricht und der man per se auch bestimmte Unzulänglichkeiten andichtet." Davon müssten wir wegkommen, findet Kowalczuk. Auch am 30. Jahrestag des Mauerfalls seien wir davon aber noch weit entfernt.

Bestes Beispiel, so Kowalczuk, seien die Wahlen in Sachsen gewesen – "wenn ARD oder ZDF titeln 'Ostdeutschland hat gewählt'. Wenn Bayern gewählt hat, oder Schleswig-Holstein, dann würde niemand auf die Idee kommen zu titeln 'Westdeutschland hat gewählt'. So lange wir aus diesem Modus nicht herauskommen, werden wir auch immer wieder mit diesen Klischees zu tun haben, als wären alle Menschen im Osten Rechtsradikale oder Rechtspopulisten."

Und noch ein Punkt ist Ilko-Sascha Kowalczuk wichtig. "Endlich eine gesamtdeutsche Verfassung", wünscht er sich. "Um einen neuen Fixpunkt für die Demokraten und Demokratinnen Deutschlands zu schaffen. Hinter der wir uns alle stellen können und etwas für unser demokratisches Selbstbewusstsein tun können."

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