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Im Gespräch | Beitrag vom 09.07.2020

Historiker Dmitrij BelkinIm Einsatz für Frieden und Versöhnung

Moderation: Marco Schreyl

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Dmitrij Belkin steht im Berliner Viertel Schöneberg zwischen Pflanzen. (imago / Tagesspiegel / Kitty Kleist Heinrich)
Bei uns zu Gast im Gespräch: der Historiker Dmitrij Belkin. (imago / Tagesspiegel / Kitty Kleist Heinrich)

Er kam als jüdischer Kontingentflüchtling aus der Ukraine nach Deutschland, doch seinen Glauben fand der Historiker Dmitrij Belkin erst hier. Inzwischen baut er mit seinem Projekt "Schalom Aleikum" Brücken zwischen Juden und Muslimen.

Die Formel "Schalom Aleikum" vereint die hebräische und die arabische Begrüßung: "Wer so begrüßt, der bleibt im Diskurs des Friedlichen", sagt Dmitrij Belkin.

"Schalom Aleikum" heißt deswegen auch das Projekt, das Belkin unter dem Dach des Zentralrats der Juden mit seinem Team realisiert. Die Idee war: "Lasst uns die normalen Menschen zusammenbringen."

Für ein besseres Miteinander 

In persönlichen Begegnungen soll der jüdisch-muslimische Dialog gefördert werden. "Da treffen sich Lehrer mit Lehrern, Start-up-Leute mit Start-up-Leuten, die LGBT-Community, Journalisten und Journalistinnen. Im August wird es ein Treffen von Geistlichen geben", berichtet der Historiker.

Ziel dabei sei, dass die eingeladenen Gesprächspartner ihre gemachten Erfahrungen in ihre Gemeinden einbrächten - und so dem Antisemitismus vorbeugten.

Das ist allerdings nicht immer einfach: "Wenn wir unsere Partner einladen, dann ist es ein bisschen schwierig zu sagen, jetzt erzählt mal vom Antisemitismus in eurem Milieu. Weil natürlich die Muslime und Musliminnen mit ihren eigenen Schmerzen kommen. In Deutschland als Moslem zu leben ist auch nicht ganz ohne. Das heißt, die Diskriminierungserfahrungen machen sie auch, zweifelsohne, und zwar sehr intensiv."

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Belkin erlebt - den eigenen Worten zufolge - Antisemitismus in Berlin nicht direkt. Allerdings trage er auch auf der Straße keine Kippa - was für ihn aber keine Einschränkung bedeute: "Ich leide nicht, weil mein Leben  gewissermaßen ein weltliches ist. Es gibt ein religiöses Element in meinem Leben, aber das findet in den geschützten Räumen einer Synagoge oder zuhause statt."   

Vom Sowjetbürger zum deutschen Juden

Zum religiösen Leben musste Belkin erst einmal finden. "Ich bin ein Perestroika-Kind", sagt er. Geboren 1971 in der Sowjetunion als Sohn eines jüdischen Vaters und einer nichtjüdischen Mutter, erlebt er im Alter von 20 Jahren, wie sein Land praktisch über Nacht ein anderes wird: Plötzlich ist er Ukrainer. Und auf einmal kommt nach 70 Jahren des staatlich verordneten Atheismus die Religion ins Land zurück.

Als jüdischer Kontingentflüchtling erhält er die Möglichkeit, nach Deutschland auszuwandern. Nach vier Tagen mit dem Bus kommt er im Dezember 1993 in Baden-Württemberg an und hält die weihnachtlichen Kerzen in den Fenstern zunächst für Chanukka-Leuchter. "Ich hatte keine Ahnung vom Judentum. Wir haben christliche Symbole als jüdisch interpretiert."

In Tübingen, wo er Geschichte und Philosophie studiert, fühlt er sich lange Zeit sehr fremd. Der Glaube gibt ihm nicht nur Halt, sondern auch eine Antwort auf die Frage nach seiner Identität: "Was bin ich?"

"Wenn man diese banale, elementare Frage stellt, und eine einzige Antwort gibt - nicht fünf Antworten, wie: Ich bin russischsprachig, ukrainischsprachig, deutschsprachig, Historiker - diese einzige Antwort war für mich: ein Jude. Und das war ein Prozess, auch ein existenzieller Prozess."

Synagogen, Vielfalt und Glück

Traditioniell vererbt sich das Jüdischsein nur über die mütterliche Linie, weshalb Belkin offiziell zum Judentum konvertieren musste. Inzwischen lebt er in Berlin, arbeitet für den Zentralrat der Juden in Deutschland und freut sich über die große Auswahl an verschiedenen Synagogen, die die Stadt zu bieten hat: "In Berlin gibt es eine konkrete, real funktionierende Vielfalt der Synagogen und des jüdischen Lebens."

Das erlebe er als "Glück", sagt Belkin.

(mah)

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