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Im Gespräch | Beitrag vom 07.12.2020

Historiker Christopher Clark"Fontane hat mir die Seele Preußens gezeigt"

Moderation: Katrin Heise

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Christopher Clark steht in einer Gasse die im Hintergrund unscharf zu sehen ist. Er schaut freundlich in die Kamera. (laif / Opale / Leemage / P. Matsas)
Der Historiker Christopher Clark (laif / Opale / Leemage / P. Matsas)

Was haben Trump und Wilhelm II. gemeinsam? Das fragt Sir Christopher Clark in seinem neuen Buch. Der in Australien geborene Historiker beschäftigt sich seit Langem mit der Geschichte Preußens. Dabei träumte er von einer Karriere in Paris.

Erst in Ost-Berlin, so Christopher Clark, habe er das preußische Berlin entdeckt. "Im Osten hatte man das Forum Fridericianum, den Berliner Dom, das Nikolaiviertel. Da konnte man das Herz des alten Preußens schlagen spüren."

Aus dem angehenden Mediävisten wurde also ein Preußenforscher, dem jedoch schnell klar wurde, "dass ich gar nichts über Preußen wusste." Seine Streifzüge durch Ost-Berlin hätten ihm geholfen, bald mehr davon zu verstehen. Hilfreich seien aber auch die Romane Theodor Fontanes gewesen.

Sydney, Berlin, Cambridge

"Fontane war für mich sehr wichtig, denn über seine Romane bekam ich auf einmal das Gefühl, dass dieses verschollene Staatswesen nicht nur eine Armee hatte, sondern auch eine Seele. Diese Seele spürte man noch in den Romanen. Da war natürlich ein großes Stück Verklärung mit dabei. Aber jedenfalls hat er diesen Staat auf eine Weise besungen, die für mich verführerisch war."

Clark verließ Berlin wieder, ging aber nicht zurück in sein Geburtsland Australien. Heute lebt er in Großbritannien, in Cambridge lehrt er als Professor Neuere europäische Geschichte.

"Der Kronprinz war wichtiger, als ich gedacht habe"

In die Kritik geriet Clark 2011 mit einem Gutachten über den Hohenzollern-Kronprinzen Wilhelm von Preußen und dessen Rolle bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Heute würde er sein Gutachten allerdings anders schreiben, sagt er:

"Jetzt hat sich die Quellenlage wesentlich vertieft. Und ich habe mir das alles angeschaut. Und dann bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass mein Gutachten nicht grundsätzlich falsch war. Der Kronprinz spielte in den Machenschaften um Papen, die Hitler zum Reichskanzler gemacht haben, so gut wie keine Rolle. Aber am Ende der Weimarer Republik war er in den letzten zwei Jahren konsequent und beständig beteiligt an Versuchen, die Demokratie zu zerschlagen. Er war in dieser Hinsicht an eine wichtigere Figur, als ich gedacht hatte."

"Ich wollte Deutschland nicht freisprechen"

2013 erschien sein Buch "Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog", das viel Aufmerksamkeit aber auch viel Kritik bekam. In diesem Werk relativiert Christopher Clark die These von der alleinigen Schuld Deutschlands am Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Häufig wurde er allerdings missverstanden, er habe Deutschland nicht "weißwaschen" wollen.

"Ich wollte Deutschland nicht freisprechen. Ich wollte das Bild des Kriegsausbruchs europäisieren."

Jetzt erschien ein neues Buch von Christopher Clark: "Gefangene der Zeit. Geschichte und Zeitlichkeit von Nebukadnezar bis Donald Trump". Eine Frage, die er sich dabei stellt: Was haben der letzte deutsche Kaiser, Wilhelm II., und US-Präsident Donald Trump gemeinsam?

Der Historiker hat einige Parallelen entdeckt.

"Man hat von dem Kaiser immer wieder behauptet, es würde ihm an Empathie mangeln. Er war indiskret. Er erzählte pausenlos über alle möglichen Themen. Er benahm sich völlig unpassend in der Gegenwart von ausländischen Staatsoberhäuptern. Genau das alles könnte man von Trump sagen. Also dieser Mangel an Selbstbeherrschung, die Aggressivität, die Furcht vor der Demütigung, der Geltungsdrang."

Für seine Forschungen erhielt Christopher Clark nicht nur zahlreiche wissenschaftliche Ehrungen und Preise, 2015 wurde er von Queen Elizabeth II. zum Ritter geschlagen. Die korrekte Anrede müsste also Sir Christopher lauten.

"Das Interessante ist, dass ich diesen Ritterschlag bekommen habe für meinen angeblichen Beitrag zu den britisch-deutschen Beziehungen. Und ich bin auch sehr froh darüber. Aber es ist dann natürlich umso schmerzlicher, als Großbritannien aus der EU ausscheidet."

(ful)

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