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Buchkritik | Beitrag vom 15.12.2020

Hiromi Goto: "Chor der Pilze"Wurzeln schlagen

Von Sonja Hartl

Das Cover des Buches "Chor der Pilze" auf sonnengelbem Aquarell-Hintergrund. (Cass / Deutschlandradio)
Drei Generationen, ein Ziel: Heimisch werden. (Cass / Deutschlandradio)

In ihrem autobiografisch gefärbten Roman "Chor der Pilze" verhandelt die in Japan geborene, mit ihren Eltern nach Kanada ausgewanderte Autorin Hiromi Goto ihre Migrationserfahrung und die schwierigen Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern.

Jeden Tag sitzt die 85-jährige Naoe auf ihrem Stuhl im Flur des Hauses ihrer Tochter Keiko auf einer Pilzfarm im kanadischen Nanton. Dort bekommt sie alles mit, was in der Familie vor sich geht. Während sie Keiko mit ihren japanischen Selbstgesprächen nervt, ergeht sie sich in Erinnerungen an ihre Kindheit, ihre erzwungene Ehe, den Krieg zwischen Japan und China, die Migration nach Kanada vor 20 Jahren. In einem konventionellen Familienroman würde diese Situation zu einer gedehnten Rückblende führen. Hiromi Gotos autobiografisch gefärbter Roman "Chor der Pilze" aber lässt die Geschichte dreier Frauen in einem Wechsel der Perspektiven und Sprachen entstehen.

Mutter verbannt alles Japanische aus dem Leben der Tochter

Da ist Naoe, die sich an ihr Leben und japanische Sagen erinnert und im Verlauf des Romans auf einen abenteuerlichen Road Trip begibt. Am Ende wird ihre Identität nahezu mit der ihrer Enkelin Muriel verschmelzen. Muriel – von ihrer Großmutter aber Murasaki genannt – gehört eine weitere Perspektive, in der die schwierige Beziehung zu ihrer Mutter und die Leerstelle deutlich wird, die sie immer empfunden hat, weil Keiko beschlossen hat, alles Japanische aus dem Leben ihrer Tochter zu verbannen. Dazu kommen eher allwissende, beobachtende Passagen, außerdem ein Rahmen, in dem eine Frau mit vielen Ähnlichkeiten zu Murasaki, aber auch der Autorin, ihrem Freund eine Geschichte erzählt. Die Geschichte einer Familie, das macht diese erzählerische Anlage sehr deutlich, ist nun einmal vielstimmig und wird dadurch bestimmt, was wir einander erzählen.

Variantenreiche Sprache

Dieser Vielfalt der Perspektiven steht eine ebenso variantenreiche Sprache gegenüber, die mal schlicht, mal derb und sehr oft poetisch ist. Auch ist manches Japanische nicht übersetzt, zum Beispiel Essensbezeichnungen oder eine Wortfolge, die stets eine neue Erzählung einleitet. Es stört nicht, wenn man sie nicht versteht, diese Worte geben dem Roman einen Rhythmus und rätselhafte Schönheit. Im Zusammenspiel mit den Perspektiven drückt sich dadurch zudem eindringlich aus, dass sich Identität immer aus verschiedenen Aspekten speist und eine Kultur niemals völlig in einer anderen aufgehen kann.

Migrationserfahrung wird verhandelt

Hiromi Goto wurde 1966 in Japan geboren und ist mit drei Jahren nach Kanada gekommen. "Chor der Pilze" hat daher biografische Parallelen, ist aber dennoch Fiktion. In betörender Sprache verhandelt dieser Roman Migrationserfahrung, das Aufwachsen auf einer Farm und die Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern. Erst als Naoe verschwindet und sich Keiko daraufhin für Wochen ins Bett legt, wird Murasaki beginnen, ihren Eltern näherzukommen. Sie beginnt, japanisch zu kochen und baut dadurch zu ihrer Mutter eine neue Beziehung auf.

"Es war nicht leicht, in Nanton groß zu werden, Tochter eines Vaters, der Pilze züchtete, Tochter einer Mutter, die eine andere wurde, Enkelin einer Großmutter, die nie den Mund hielt, bis sie das Haus für immer verließ", konstatiert Murasaki. Am Ende dieses großen schmalen Romans aber bricht auch sie auf und findet hoffentlich ihren Weg im Leben.

Hiromi Goto: "Chor der Pilze"
Aus dem Englischen von Karen Gerwig
Cass Verlag 2020
264 Seiten, 22 Euro

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