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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.02.2015

HirnforschungSpiegelneuronen in der Kritik

Von Michael Lange

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Computergrafik des menschlichen Gehirns von der Seite. (imago / Science Photo Library)
Die Versuche an Makaken ließen sich nicht ohne Weiteres auf das menschliche Gehirn übertragen, kritisiert Hickok. (imago / Science Photo Library)

"Warum wir verstehen, was andere fühlen", liegt nicht daran, dass wir imitieren können. Der Hirnforscher Gregory Hickok kritisiert in seinem so betitelten Buch die verbreitete Theorie der Spiegelneuronen: Verständnis sei auch ohne Nachahmung möglich. Vielmehr imitiere der Mensch, weil er sozial sei, so der Autor.

In den 1990er-Jahren entwickelten Neurowissenschaftler aus Italien eine Theorie, die angeblich viele menschliche Verhaltensweisen erklären kann. Sie erläutert, wie Menschen sich gegenseitig verstehen, warum sie Empathie für einander empfinden und wie Menschen einst Sprache entwickelten. Im Mittelpunkt der Theorie stehen bestimmte Nervenzellen: Die Spiegelneuronen. Doch nun mehren sich kritische Stimmen. Der Verhaltens- und Hirnforscher Gregory Hickok hat in seinem Buch viele Argumente gegen die inzwischen sehr populäre Spiegelneuronen-Theorie zusammen getragen.

Tierversuche an kleinen Affen

Der Siegeszug der Spiegelneuronen begann mit Tierversuchen an Makaken. Forscher in Parma hatten entdeckt: Wenn ein kleiner Affe nach einer Frucht greift, feuern viele Nervenzellen in seinem Gehirn gleichzeitig. Einige davon sind auch aktiv, wenn der Affe eine ähnliche Greifbewegung bei einem Menschen nur beobachtet. Diese Nervenzellen spiegeln gewissermaßen das Greifverhalten. Deshalb erhielten sie den Namen Spiegelneuronen. "Die Spiegelung zeigt, dass der Affe das Greifen nicht nur sieht, sondern versteht", folgerten die Wissenschaftler.

Eine Überinterpretation der Messergebnisse sei das, so Gregory Hickok. Seiner Einschätzung nach machen es sich die Befürworter der Spiegelneuronen zu einfach. Schon der Gedanke, dass Spiegelneuronen nötig seien, um eine Bewegung zu verstehen, stimme nicht. Schließlich können Tiere und Menschen auf das Verhalten anderer Arten reagieren, ohne diese Verhaltensweisen selbst durchführen zu können. Eine Spiegelung im Gehirn ist dann weder möglich noch notwendig. Zum Beispiel kann ein Hund aus der Bewegung seines Herrchens berechnen, in welche Richtung Herrchen einen Stock wirft, auch wenn der Hund selbst natürlich nicht werfen kann. Erfahrungswissen reiche dazu aus, Verständnis und eventuelle Nachahmung seien nicht nötig.

Ein ungeeignetes Versuchsmodell

Die Makaken als Versuchsmodell sind nach Ansicht von Gregory Hickok ungeeignet, um von ihnen auf ein Spiegelsystem beim Menschen zu schließen. Denn kleine Affen imitieren ihre Artgenossen von Natur aus nicht. Der Mensch kann wesentlich besser nachäffen als jeder Affe, aber die Ursache dafür sind nicht die Spiegelneuronen: "Der Mensch ist nicht sozial, weil er dank Spiegelneuronen imitieren kann. Er imitiert, weil er sozial ist", schreibt Hickok. Er ist ein Skeptiker durch und durch. Überzeugend deckt er viele Schwachstellen der Spiegelneuronen-Theorie auf. Dabei taucht er tief ein in eine aktuelle wissenschaftliche Debatte. Eine einfache überzeugende Theorie hat er allerdings nicht anzubieten.

So liefert er in seinem Buch fundierte Einblicke in den aktuellen Forschungsstand wie in den wissenschaftlichen Wettstreit von Theorien. Er regt zum Nachdenken an und stellt sorgfältig zu jedem Thema verschiedene Sichtweisen dar, bevor er selbst Stellung bezieht. Und so begeistert er vor allem Leserinnen und Leser, die tiefer in die aktuelle Spiegelneuronen-Debatte einsteigen möchten.

Gregory Hickok: Warum wir verstehen, was andere fühlen. Der Mythos der Spiegelneuronen
Aus dem Englischen von Elsbeth Ranke
Hanser Verlag, München 2015
366 Seiten, 24,90 Euro

Mehr zum Thema:

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