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Lesart / Archiv | Beitrag vom 28.04.2015

HirnforschungFernöstliche und westliche Denkstile

Von Volkart Wildermuth

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Computergrafik des menschlichen Gehirns (imago stock&people/Roger Harris/Science Photo Library)
Computergrafik des menschlichen Gehirns (imago stock&people/Roger Harris/Science Photo Library)

Amerikaner und Japaner denken und fühlen ziemlich unterschiedlich - das lässt sich sogar an den Hirnströmen nachweisen. Wie es dazu kommt und welche Folgen das hat, beschreibt der Forscher Georg Northoff in seinem Buch "Wie kommt die Kultur in den Kopf?".

Betrachtet man ein Aquarium, im dem sich ein großer und ein paar kleine Fische zwischen Seegras tummeln, sieht man mitunter unterschiedliche Dinge, wie eine wissenschaftliche Studie ergab. Amerikaner konzentrieren sich auf den großen Fisch, beschreiben seine Farbe und Form. Japaner dagegen beschreiben die Beziehungen der Tiere untereinander. Leitet das große Tier die Gruppe? Verstecken sich die Fische im Seegras? Wie bewegen sie sich?

Georg Northoff, Hirnforscher und Philosoph, macht diese Untersuchung zum Ausgangspunkt für seine Betrachtungen über östliche und westliche Denkstile und ihre Verankerung im Gehirn. Auf dem Feld der Wahrnehmung reagieren Japaner sensibler auf Veränderungen im Hintergrund eines Bildes, was sich auch in einer bestimmten Hirnstromwelle, N400 genannt, wiederspiegelt. Amerikaner dagegen erinnern sich dagegen an mehr Details des zentralen Objektes. Beide Denkstile haben ihre Stärken und Schwächen. Und die zeigen sich auf unterschiedlichen Ebenen: In der Gesellschaft etwa. Steht in den USA der Wettbewerb im Vordergrund, ist es in China das Miteinander. Auch die Körperwahrnehmung ist unterschiedlich. Europäer fokussieren mehr auf das eigene Ich und können ihre Pulsfrequenz besser einschätzen.

Georg Northoff stammt aus Deutschland, forscht in den USA und hat eine Gastprofessur in China. Er kennt die Unterschiede zwischen West und Ost und will sie nicht nur mit Experimenten erklären, sondern auch für seine Leser erlebbar machen. Dazu bedient er sich auch eines alten philosophischen Stilmittels, des Dialogs zwischen – der erfundenen – Annlena von Freihausen, einer in China aufgewachsene Kulturanthropologin, und dem Hirnforscher Felix Trittau, der fest im westlichen Weltbild und Denkstil verankert ist. Der Austausch ihrer Argumente klingt manchmal etwas hölzern, aber er erlaubt es Georg Northoff, die Brücke zwischen wissenschaftlichen Detailbefunden und ihrer möglichen Bedeutung für das Leben zu schlagen.

Unterschiedliche Regulation von Gefühlen in West und Ost

So zeigen Bilder aus dem Gehirn, das Japaner die Aktivität ihres Mandelkerns und damit auch Angstgefühle besser kontrollieren können. In den Dialogsequenzen erweitert Georg Northoff diese Bobachtung dann auf die unterschiedliche Regulation von Gefühlen in West und Ost allgemein. Er erklärt, dass es in Asien als unhöflich gilt, öffentlich zu weinen, um andere nicht zu belasten. Nach Fukushima wirkten die Japaner in westlichen Augen fast unbeteiligt – zu Unrecht. Andersherum sind Japaner von amerikanischen Gefühlsbekundungen oft irritiert, genauso wie vom Hang, das eigene Ich ständig zu analysieren. Die kulturellen Unterschiede gehen so weit, dass eine Krankheit wie etwa eine Depression in Ost und West völlig anders wahrgenommen wird. Stehen in den USA die Antriebslosigkeit und Gefühlsflachheit im Mittelpunkt, sind es in Japan die körperlichen Symptome.

Das Buch spannt einen weiten Bogen, von der Wahrnehmung über die Musik und Architektur bis hin zum Selbstwertgefühl. Eine klare Antwort auf die Grundfrage, "Wie kommt die Kultur in den Kopf", bleibt Georg Northoff zwar schuldig. Aber dennoch wird klar: Weder sind die kulturellen Unterschiede nur angeboren, auch wenn es interessante genetische Variationen zwischen Ost und West gibt, noch legt der Kulturkreis, in den man hineingeboren wird, fest, wie man denkt oder fühlt. Vielmehr wird all dies über ein komplexes Wechselspiel festgelegt. Frühe Erfahrungen lenken die Entwicklung des Gehirns in Bahnen, die dann wieder dafür sorgen, dass man sich passende Nischen sucht, so der Hirnforscher. Letztendlich ist sein Buch eine interessante Anregung, offen für kulturelle Unterschiede zu bleiben. Und anzuerkennen, dass das typisch lineare westliche Denken in Ursache und Wirkung oft weniger passt, als das östliche Zulassen der Gegensätze.

Georg Northoff: "Wie kommt die Kultur in den Kopf? Eine neurowissenschaftliche Reise zwischen Ost und West"
Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg 2014
248 Seiten, 19,99 Euro

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