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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 14.06.2014

Hirnforschung"Der Irrenarzt mit dem Mikroskop"

Der Neurologe Alois Alzheimer wurde vor 150 Jahren geboren

Von Andrea Westhoff

Büste von Alois Alzheimer (dpa / picture alliance / Werner Baum)
Büste des Hirnforschers Alois Alzheimer (dpa / picture alliance / Werner Baum)

Der deutsche Psychiater Alois Alzheimer hat die schwerste Form der Demenz als erster beschrieben, weshalb sie 1910 nach ihm benannt wurde. Und er hat mit seinen anatomischen Forschungen im Gehirn eine Erklärung für die "Krankheit des Vergessens" gefunden.

Am 25. November 1901 bringt ein völlig verzweifelter Ehemann seine Frau in die "Städtische Anstalt für Irre und Epileptische" in Frankfurt am Main. Der Assistenzarzt Alois Alzheimer nimmt sie auf.

"Wie heißen Sie? − Auguste. − Familienname? − Auguste. − Wie heißt ihr Mann? − Ich glaube ... Auguste."

Der Befund scheint eigentlich klar: "Dementia" – komplette geistige Verwirrung. Allerdings kennt Alzheimer das bisher nur bei über 70-jährigen Patienten, Auguste Deter aber ist erst 51. Sein Forschergeist ist geweckt, und akribisch protokolliert er alle Gespräche mit ihr.

"Er war nämlich der Ansicht, wenn ich den Dialog wiedergebe, kann später ein Arzt am besten das Krankheitsbild rekonstruieren."

... erzählt Professor Konrad Maurer, bis 2009 Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Frankfurt. Die Verknüpfung von Krankenbeobachtung und wissenschaftlicher Forschung ist ein Markenzeichen von Alois Alzheimer. Zeitgenossen nennen ihn den "Irrenarzt mit dem Mikroskop". Er wird am 14. Juni 1864 im unterfränkischen Marktbreit geboren, studiert Medizin in Berlin, Tübingen und Würzburg und verbringt seine Assistenzzeit an der sehr fortschrittlichen Frankfurter Irrenanstalt. Hier werden psychisch Kranke nicht mehr nur verwahrt und mit Zwangsmaßnahmen ruhig gestellt, sondern menschenwürdig gepflegt und therapiert. Alzheimer kommt das sehr entgegen: Tagsüber kümmere er sich mitfühlend um die Patienten, sagen Kollegen, nachts forsche er − unbezahlt oft.

Konrad Maurer: "Man muss immer aufpassen, dass man die Leute nicht idealisiert. Die Heirat mit einer reichen Witwe, das hat ihm sicherlich einen gewissen Reichtum verschafft. Und er war sicherlich auch ein Opportunist, wenn man so will."

Alzheimer gilt zwar als unpolitisch, wird aber, obwohl mit einer Jüdin verheirat, Mitglied der "Rassenhygienischen Gesellschaft". Vermutlich um seinen Chef, Emil Kraepelin, zu beeindrucken. Zu dem berühmten Psychiater ist er 1902 nach Heidelberg gegangen, und dieser nimmt ihn dann mit an die psychiatrische Klinik München und macht ihn zum Leiter des hirnanatomischen Laboratoriums.

Eigenartige Erkrankung der Hirnrinde entdeckt

So kommt es, dass Alzheimer das Gehirn der Auguste Deter selbst seziert, nachdem diese 1906 in völliger Umnachtung gestorben war. Und er entdeckt ganz besondere Veränderungen: Jene Teile der Hirnrinde, zuständig für Gedächtnis, Orientierung und Gefühlsleben, sind stark ausgedünnt; außerdem findet er Eiweißablagerungen, "Plaques", und verfilzte Nervenfaserbündel. Im November 1906 berichtet Alzheimer erstmals bei einer Tagung in Tübingen "Über eine eigenartige Erkrankung der Hirnrinde". Sein Fazit:

"Es müssen ganz zweifellos mehr psychische Krankheiten existieren, als sie unsere Lehrbücher aufführen."

Aber die Sensation bleibt aus. Nur Emil Kraepelin erkennt offenbar die besondere Leistung und "verewigt" seinen treuen Oberarzt 1910 in seinem Psychiatrie-Lehrbuch.

Konrad Maurer: "Da gab's halt ein Kapitel über die Demenz, und da hat eben der Kraepelin das Krankheitsbild nach ihm bezeichnet, "Alzheimer'sche Erkrankung".

"Krankheit des Vergessens" löste keine Sensation aus

Doch diese neue "Krankheit des Vergessens" gerät beinahe selbst in Vergessenheit. Alois Alzheimer bekommt zwar 1912 eine ordentliche Professur in Breslau, stirbt aber drei Jahre später mit nur 51 Jahren an den Folgen einer Infektion. Erst seit den 1970er Jahren spricht man überhaupt wieder von der Alzheimer'schen Krankheit, weil immer mehr Patienten auftauchen. Und in den 90er-Jahren macht sich dann der Psychiater und Alzheimerforscher Konrad Maurer auf die schwierige Suche nach den verschollenen Dialogen mit Auguste Deter:

"Als ich nach Frankfurt kam, 93 - ich wusste ja, dass Alois Alzheimer dort gearbeitet hatte, da war keine Akte zu finden, und dann war das 1995, dann haben wir gesagt, so, hier hilft nur noch unsystematisches Suchen, das heißt, jeder geht einfach in den Keller und greift irgendwo hin. Und siehe da, dann hatten wir plötzlich dieses himmelblaue Stück Akte in der Hand."

Mit einem Hörspiel und Theaterstück zur "Akte der Auguste D." setzt Maurer Alois Alzheimer und seiner ersten Patientin ein anrührendes Denkmal.

"Schreiben Sie Ihren Namen. − Frau. − Sie haben nur "Frau" geschrieben. − Ich habe mich sozusagen verloren."

 

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