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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.06.2014

HirnforschungBeherzt über die Grenzen der Forschung hinweg

Michio Kaku: "Die Physik des Bewusstseins"

Von Volkart Wildermuth

In der Zukunft wird das eigene Bewusstsein auf eine Scheibe gebrannt werden und damit unsterblich werden, mutmaßt Michio Kaku.  (dpa / picture alliance / Weigel)
In der Zukunft wird das eigene Bewusstsein auf eine Scheibe gebrannt werden und damit unsterblich werden, mutmaßt Michio Kaku. (dpa / picture alliance / Weigel)

In Sachen Bewusstsein ist der Physiker Michio Kaku Amateur, was ihn aber nicht daran hindert, seine eigene Theorie des Bewusstseins zu formulieren. Sein Buch ist ein Panoptikum der aktuellen Hirnforschung, das er im Verlauf des Buches weiterspinnt zu einer Art Science-Fiction-Vision. Spätestens hier kann man sein Buch kaum noch ernst nehmen.

Bis an die Grenze der Forschung und dann beherzt noch viel weiter geht Michio Kaku in seinem neusten Buch "Die Physik des Bewusstseins. Über die Zukunft des Geistes". Kaku gilt als wichtiger Vertreter der Stringtheorie und hat sich mit zahlreichen Sachbüchern einen Namen gemacht. Auf dem Gebiet des Bewusstseins ist er aber enthusiastischer Amateur und als solcher formuliert er gleich zu Buchbeginn seine eigene Theorie des Bewusstseins. Und die belegt vor allem, dass der Blickwinkel der Physik bei diesem Thema am Wesentlichen vorbeigeht. Deshalb: beherzt überblättern!

Denn ab Seite 95 nutzt Kaku sein Renommee, um in die Labore der führenden Hirn-, Roboter- und Computerforscher zu gelangen. Dort beobachtet er, wie etwa der Inhalte von Träumen im Hirnscanner ausgelesen wird, wie Affen allein mit Gedankenkraft einen mechanischen Arm am anderen Ende der Welt bewegen oder wie Forscher versuchen, das komplette Gehirn Neuron für Neuron zu analysieren.

Dem Autor geht es um Visionen

Im Grunde ist dieses Buch ein Panoptikum aktueller Hirnforschung. Michio Kaku stellt die faszinierenden Ansätze jeweils kurz vor, aber immer unter seiner ganz eigenen Perspektive:

"Es ist bemerkenswert, dass man einen gigantischen Computer groß wie eine Stadt braucht, um einen Klumpen menschliches Gewebe zu simulieren, der kaum anderthalb Kilogramm wiegt, und nur ein paar Hamburger benötigt, um in Betrieb zu bleiben".

Dem Autor geht es um Visionen. Sprich: Die Forscher berichten, was sie sich in 20, 30, 50 Jahren vorstellen können, und Kaku spinnt ihre Träume noch weiter, gleichermaßen inspiriert von den wissenschaftlichen Ideen und von Science Fiction. So stehen realistische Prognosen unterschiedslos neben Spekulationen. Und es klingt fast selbstverständlich, dass irgendwann Nanosonden im Gehirn Gedanken übertragen werden. Was wiederum, so Kakus Resümee zu einem neuen Kinoerlebnis führen könnte: Die Nutzer würden dann mitfühlen, was die Schauspieler tatsächlich erlebten.

Den eigenen Visionen zu großen Raum eingeräumt

Noch ein Beispiel, eine andere Vision:

"Ihr Arzt wird all Ihre neuronalen Verbindungen auf einer Festplatte in Händen halten. Mit anderen Worten befindet sich Ihre Seele nun auf einer Scheibe, reduziert auf Informationen".

Und auf dieser Scheibe wäre das Bewusstsein dann praktisch unsterblich. "Wäre" ist dabei das entscheidende Wort. Es finden sich viele Konjunktive in diesem Buch. Aber bei Einschränkungen hält sich Kaku nicht auf, er sinniert lieber darüber, ob das als CD-gebrannte Bewusstsein wahnsinnig und ob unsere Nachfahren irgendwann als reine Energiewesen durch Wurmlöcher reisen würden.

Spätestens an diesen Stellen dürfte Michio Kaku die sachbuchorientierten Leser und Leserinnen verlieren. Denn obwohl er spannende Einblicke in neuste Entwicklungen der Hirnforschung gewährt, bleibt er an diesen Stellen zu oberflächlich und kurz. Andererseits räumt er seinen eigenen Visionen - die jeden Science-Fiction-Liebhaber glücklich machen - zu großen Raum ein. Unterm Strich kann man "Die Physik des Bewusstseins" daher leider nicht allzu ernst nehmen.

 

Michio Kaku: "Die Physik des Bewusstseins. Über die Zukunft des Geistes"
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2014
544 Seiten, 24,95 Euro

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