Seit 13:05 Uhr Länderreport

Dienstag, 25.06.2019
 
Seit 13:05 Uhr Länderreport

Vollbild | Beitrag vom 11.05.2019

Hinter den Kulissen des deutschen Serienbooms Personal verzweifelt gesucht

Von Simone Schlosser

Beitrag hören Podcast abonnieren
Die Schauspieler Volker Bruch als Gereon Rath und Liv Lisa Fries als Charlotte posieren am 10.02.2016 in Berlin bei einem Pressetermin zur Serie "Babylon Berlin". (dpa / picture-alliance / Jens Kalaene)
"Babylon Berlin" mit Volker Bruch und Liv Lisa Fries gehört zu den neuen erfolgreichen, deutschen Serien. (dpa / picture-alliance / Jens Kalaene)

Die Serienindustrie boomt hierzulande. Allein Netflix hat für dieses Jahr fünf neue deutsche Serien angekündigt. Stellt sich nur die Frage: Wer soll die alle produzieren? Denn inzwischen herrscht in der Branche akuter Personalmangel.

"Bei meinen eigenen Serien erlebe ich das eigentlich durch die Bank", sagt Drehbuchautor Jörg Winger. "Das fängt bei den Autoren an, geht über die Crew beim Dreh und hört dann im Schneideraum auf. Alle Talente, alle Handwerke in der Film-, Fernseh- und Medienindustrie sind gefragt wie nie. Und man spürt den verschärften Wettbewerb an allen Ecken und Enden."

Drehbuchautor Jörg Winger ist Miterfinder der Serie "Deutschland 83". Als Kreativer profitiert er vom aktuellen Serienboom. Gleichzeitig kennt er aber auch die Schattenseiten. Besonders schwierig ist es, Drehbuchautoren zu finden. Insbesondere solche, die in der Lage sind, als Team in einem Writers' Room zu arbeiten. In Deutschland gibt es nur wenige mit dieser Erfahrung. Deshalb schreibt Jörg Winger seine Serien in Englisch.

"Im Writers' Room von 'Deutschland 83' haben wir eine russisch-lettische-amerikanische Kombination. Zwei Engländer und Amerikaner und einen deutschen Autoren. Das ist ein großer Vorteil. Weil sobald die Sprache im Raum Englisch ist – auch wenn die Serie nicht auf Englisch gedreht wird – kann man auf Autoren aus Ländern zurückgreifen, die eine etwas stärkere Tradition im seriellen Schreiben haben."

Gute Serienautoren gibt es selten

"Ich glaube einfach, dass es eine Handvoll von Leuten gibt, die Serie können", sagt Anke Greifeneder von TNT, ein kleiner Privatsender, der allerdings verantwortlich ist für einige der interessantesten deutschen Serienproduktionen: "Weinberg", "4 Blocks", "Andere Eltern" – alles Serien von TNT.

"Man merkt, die Leute sind einfach beschäftigter. Wir haben nicht das Problem, die Leute zu kriegen, die wir gerne hätten, sondern es ist eher eine Frage: Wann kann wer in welcher Kombination?"

Viele Probleme ergeben sich aber erst bei Beginn der Drehvorbereitungen. Denn Personal fehlt nicht nur im Kreativbereich, sondern vor allem auch in der Produktion. Sybille Steinfartz ist Arbeitsvermittlerin bei der ZAV-Künstlervermittlung in Köln. Dort ist sie zuständig für den Bereich Film- und Fernsehproduktion:

"Wenn ein Film gedreht werden soll, rufen die Produzenten oder Herstellungsleiter bei uns an und suchen dann über uns das Personal hinter der Kamera. Und das sind im Schnitt mittlerweile zwischen 50 und 60 verschiedene Berufe."

So viele Produktionen gab es noch nie

Sybille Steinfartz macht ihren Job seit 14 Jahren. So viele Produktionen wie aktuell gab es noch nie. Jeder Sender möchte eigene Serien machen. Hinzu kommen die neuen Streamingplattformen wie Amazon, Netflix oder Telekom. Im vergangenen Jahr ist Sybille Steinfartz erstmals an ihre Grenzen gestoßen.

"Das war dann in den Sommermonaten, wo nochmal verstärkt alles aufeinander kam, dass wir so verzweifelt Aufnahmeleiter gesucht haben. Wir hatten einfach niemanden. Und das ist so frustrierend, wenn man den Produzenten und Produktionsleiter, die fast jeden Tag anrufen, habt ihr nicht noch jemand gefunden oder kann nicht noch jemand irgendwie das oder das Projekt. Die dann auch panisch werden, weil ihre Projekte nicht zustande kommen."

Schon vor dem Serienboom war die Personalsituation angespannt. Der Grund dafür: Es gibt keinen Nachwuchs. In den letzten Jahren ist der Einstieg in die Branche schwierig geworden. Was früher klassisch über mehrere Praktika lief, ist seit dem Mindestlohn nicht mehr möglich:

"Das hat natürlich der Branche ein bisschen den Garaus gemacht. Muss ich jetzt mal sagen", erklärt Sybille Steinfartz. "Das ist einfach so, dass dadurch der eigene Nachwuchs nicht mehr rekrutiert werden konnte, weil das einfach verboten war, dass ein und dieselbe Person bei der gleichen Firma weitergeht. Und auch in dem gleichen Beruf weitergeht. Das ist das große Problem der Branche."

Die Filmbranche hat einen schlechten Ruf

Hinzu kommt ihr schlechter Ruf: lange Arbeitszeiten, geringe Bezahlung und insgesamt unsichere Beschäftigungsverhältnisse. Zumindest im Kreativbereich scheint sich die Situation langsam zu entspannen. Deutschlandweit sind in den vergangenen Jahren verschiedene Programme entstanden. Die Ufa hat eine Serienschule gegründet. Filmhochschulen bieten entsprechende Studiengänge an. Außerdem bildet sich der Nachwuchs aus, meint Anke Greifenender von TNT:

"Da kommen aber auch viele nach. Also ich merke auch, dass sich in der Ausbildung schon was tut. Auch in dem wie Nachwuchs sozialisiert wird. Weil die selbst natürlich diese ganzen Serien gucken und damit auch großwerden. Sie verstehen deswegen, wenn man sagt, man möchte horizontal erzählen, man möchte in eine andere Richtung gehen, dass die auch verstehen, was gemeint ist."

Für den Produktionsbereich werden sich Auftraggeber und Produktionsfirmen etwas einfallen müssen. Denn die Zahl der Produktionen steigt weiter. Die nächsten Jahre werden eine Herausforderung.

Mehr zum Thema

Bingewatch, das Serienquartett (1/2019) - Österlicher Serienmarathon
(Deutschlandfunk Kultur, Vollbild, 20.04.2019)

Bingewatch, das Serienquartett (4/2018) - Weihnachtsmänner, die auf Bildschirme starren
(Deutschlandfunk Kultur, Vollbild, 22.12.2018)

Bingewatch, das Serienquartett (3/18) - Geheimbünde und Surfer-Dudes
(Deutschlandfunk Kultur, Vollbild, 27.10.2018)

Vollbild auf Twitter

DlfKulturFilm bei Twitter

Wir twittern über alles, was flimmert.

Rang I

weitere Beiträge

Fazit

weitere Beiträge

Kompressor

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur