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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 07.08.2018

Himmelfahrtskommando Luftverkehr Hört auf mit der Billigfliegerei!

Von Philip Kovce

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Ein Flugzeug Rumpf vor grauem Himmel. (Unsplash / Steve Halama)
Flughäfen und Airlines gelten als Politikum. (Unsplash / Steve Halama)

Mal eben zum Ballermann oder nach Barcelona – der Billigflieger macht's möglich. Doch wollen wir wirklich für ein paar Euro in den Urlaub fliegen, wenn die Folgen für die Umwelt katastrophal sind und die Stewardess als Leiharbeiterin kaum überleben kann?

Wer dieser Tage in den Urlaub abheben will, dem kann es passieren, dass er den Sommer nicht wie geplant in fernen Landen, sondern schließlich zuhause verbringt. Vielleicht gar keine schlechte Idee, werden manche sagen – doch ärgerlich allemal, wenn daran nicht die eigene Einsicht, sondern überfordertes Bodenpersonal, gestresste Stewardessen und aufbegehrende Piloten Schuld sind.

Täglich wird derzeit davon berichtet: von Urlaubern, die nicht zurückkehren, und von Urlaubsreifen, die nicht loskommen, weil ihre Flüge ausfallen. So frustrierend dies für die Betroffenen auch sein mag, es ist alles andere als unverständlich. Denn das Billigfliegen, das in den letzten Jahren nicht bloß zu einem Urlaubs-, sondern nachgerade zu einem Freizeitvergnügen geworden ist, steckt in einer tiefen Krise. Warum? Weil es zu billig ist!

Über 200 Fluggesellschaften konkurrieren in Europa

Dass die Passagierzahlen steigen und steigen, während die Preise fallen und fallen, hat natürlich seine Gründe. Einer davon: die große Konkurrenz. Über 200 Fluggesellschaften tummeln sich allein auf dem europäischen Markt. Und das mit einem Geschäftsmodell, das Ökonomen kapitalintensiv, margenschwach und preiselastisch nennen. Soll heißen: Es kostet viel Geld, ein Flugzeug bereitzustellen, und es ist kaum gewinnbringend, da die Kunden vor allem Geld sparen wollen.

Flugpassagiere studieren Infotafeln für Ankunft und Abflug am Flughafen Köln/Bonn (16.7.2018). (imago / Future Image)Billigfliegen ist nur auf den ersten Blick günstig. In Wahrheit wird es uns teuer zu stehen kommen, meint Philip Kovce. (imago / Future Image)

Noch ein weiterer Grund für billiges Fliegen: Flughäfen und Airlines gelten als Politikum und werden entsprechend gefördert. All dies scheint auf den ersten Blick nur von Vorteil: Es schont den eigenen Geldbeutel, lässt einen fremde Kulturen entdecken, überhaupt bietet es immer mehr Menschen die Gelegenheit, über den Wolken zu schweben. Und es erfreut Reiseveranstalter, Gastgewerbe und nicht zuletzt Politiker, die sich vom Flugbetrieb Arbeitsplätze und Anerkennung versprechen.

Auf den zweiten Blick erweist sich die billige Luftfahrt freilich als Himmelfahrtskommando. Beispiel Umweltschutz: Flugzeuge sind lärmende Dreckschleudern, die mit Abstand umweltschädlichsten Verkehrsmittel. Und dennoch werden sie steuerlich begünstigt: Während Autofahrer und Bahnreisende vom Fiskus ordentlich zur Kasse gebeten werden, ist Flugbenzin steuerfrei. Ein Relikt des Chicagoer Abkommens von 1944, das mittels Steuerfreiheit für Kerosin den Wiederaufbau und die Völkerverständigung voranbringen wollte.

Billigfliegen wird uns teuer zu stehen kommen

Beispiel Arbeitsbedingungen: Piloten, die in die Scheinselbstständigkeit gedrängt werden. Flugbegleiter, die als Leiharbeiter prekär beschäftigt sind. Bodenpersonal, das mit befristeten Verträgen buchstäblich im Regen steht – sie alle haben schlicht und einfach keine Lust mehr, dafür zu sorgen, dass wir in Nullkommanichts zum Ballermann oder nach Barcelona düsen – Ausbeutung inklusive. Sie streiken! Und wir? Wir können daran etwas ändern! Vor allem, indem wir uns von der Illusion befreien, dass Billigfliegen günstig sei. Im Gegenteil: Es kommt uns teuer zu stehen, indem wir es mit Umweltschäden, Lärmbelästigung, fehlender Lebensqualität und im Zweifelsfall auch mit eigener Urlaubszeit bezahlen.

Diese Einsicht befeuert Zukunftsfragen der Fliegerei: Welche Materialien und Techniken können genutzt werden, um leiser und sauberer zu fliegen? Wird es ähnlich dem autonomen Fahren auch autonomes Fliegen geben? Und werden Drohnen früher oder später die Lüfte ebenso bevölkern wie heutzutage Autos die Städte? Wie auch immer die Antworten darauf ausfallen, es gilt der Grundsatz: Über den Wolken ist die Freiheit nur dann grenzenlos, wenn wir die Freiheit der anderen nicht am Boden mit Füßen treten.

Philip Kovce - 1986 in Göttingen geboren, lebt als freier Autor in Berlin. Er ist Mitbegründer des Basler Philosophicums, Mitarbeiter des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre und Philosophie an der Universität Witten/Herdecke sowie Mitglied des Think Tank 30 des Club of Rome. Veröffentlichungen (Auswahl): Der freie Fall des Menschen ist der Einzelfall. Aphorismen (Futurum Verlag); An die Freude. Friedrich Schiller in Briefen und Dichtungen (hrsg., AQUINarte Kunst- und Literaturpresse); Die Aufgabe der Bildung. Aussichten der Universität (hrsg. mit Birger P. Priddat, Metropolis Verlag). (Ralph Boes)Philip Kovce (Ralph Boes)Philip Kovce, geboren 1986, Ökonom und Philosoph, forscht am Basler Philosophicum sowie an der Seniorprofessur für Wirtschaft und Philosophie der Universität Witten/Herdecke. Er gehört dem Think Tank 30 des Club of Rome sowie dem Forschungsnetzwerk Neopolis an und veröffentlichte gemeinsam mit Daniel Häni: "Was würdest du arbeiten, wenn für dein Einkommen gesorgt wäre? Manifest zum Grundeinkommen" (2017).
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