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Im Gespräch | Beitrag vom 25.08.2020

Hilfsorganisations-Gründerin Katrin RohdeVon Plön nach Ouagadougou

Moderation: Ulrike Timm

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Katrin Rohde aufenommen als Gast der NDR-Talkshow "Tietjen und Hirschhausen" im NDR-Studio auf dem Messegelände. Hannover (picture alliance / Geisler-Fotopress / Clemens Niehaus)
Bei ihrem ersten Besuch in Burkina Faso erkrankte Katrin Rohde schwer: Das änderte ihr Leben. (picture alliance / Geisler-Fotopress / Clemens Niehaus)

Zwei Waisenhäuser, Ausbildungsstätten, eine Rollstuhlwerkstatt: Das und vieles mehr hat die norddeutsche Buchhändlerin Katrin Rohde in Burkina Faso ins Leben gerufen. Dort wird sie respektiert und geliebt und braucht dennoch einen Bodyguard.

Den "Verein zum Schutz der Waisenkinder" AMPO, mit dem landessprachlichen Namen "das Gute geht nie verloren", hat die Hamburgerin Katrin Rohde vor über 25 Jahren in Burkina Faso gegründet. Als sie zum ersten Mal in dem westafrikanischen Land war, erkrankte sie heftig und wurde von einem Zollbeamten und seiner Familie gesund gepflegt.

"Für den habe ich dann angefangen zu sammeln, weil er in seinem Dorf eine Schule bauen wollte", erzählt sie. Mit Taschen voller Geld kehrte sie zurück und setzte den Plan in die Tat um. 

Einsatz für Straßenkinder

In der Hauptstadt Ouagadougou waren Rohde zuvor bereits die vielen Straßenkinder aufgefallen. "Die waren zum Teil erst sieben, acht Jahre alt und bettelten sich ihr Leben zusammen und ich habe immer gefragt: Wer ist hierfür zuständig, wer macht da was? Gibt es einen Verein? Wo ist das Sozialamt? Und es gab gar niemanden. Und weil es niemanden gab, und ich dieses Elend nicht mit angucken konnte alleine, habe ich gedacht: Dann muss ich was machen."

Sie verkauft ihre beiden Buchhandlungen und ihren gesamten Besitz und siedelt nach Ouagadougou über. Angst hatte sie keine: "Ich wusste, was ich wollte."

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Gemeinsam mit einheimischen Erzieherinnen, Ausbildern und Krankenpflegerinnen gründet Rohde mit Spendengeldern im Laufe der Jahre zwei Waisenhäuser, verschiedene Ausbildungsstätten, eine Rollstuhlwerkstatt, eine Krankenstation, ein landwirtschaftliches Projekt sowie Einrichtungen für junge Mütter und Witwen.

Alle Projekte laufen inzwischen unter afrikanischer Leitung. Dennoch ist sie eine bekannte öffentliche Person in der Hauptstadt - so sehr, dass sie ins Fadenkreuz der Terroristen geraten könnte, wie sie erklärt. Diese bezahlten Söldnerbanden sorgten für eine riesige Fluchtbewegung innerhalb des Landes, so Rohde: Immer mehr hat sie es mit Kindern Vertriebener und Ermordeter aus dem Norden Burkina Fasos zu tun. Ihr selbst habe man nahegelegt, nur noch mit Bodyguard durch die Stadt zu gehen.

"Ich springe auf den Schreibtisch"

Ihre Organisation finanziert auch einheimische junge Frauen und Männer, die als Aufklärer in ländliche Regionen gehen, erklärt sie: "Wir haben ein Auto, das mit vier Animateuren auf die Dörfer fährt. Sie sprechen über Beschneidung, über Zwangsheirat, über Hygiene und all diese ganzen Sachen." Diesen Leuten höre man auch zu, auch die Männer, versichert Rohde.

Schwierigkeiten machten eher die Korruption und die Bürokratie. Aber auch da hat sie keine Hemmungen, schwierige Hürden zu nehmen: "Ich gehe zum Minister. Und wenn der Minister mir die Bauerlaubnis nicht gibt, gehe ich zum Staatspräsidenten. Ich springe auf den Schreibtisch, wenn es nicht um mich geht."

Nach zahlreichen afrikanischen Auszeichnungen erhält Rohde für ihre Arbeit nun auch das Bundesverdienstkreuz erster Klasse. In Deutschland vermisst die seit 25 Jahren mit einem Burkinabé verheiratete Rohde vor allem ihre Familie und ihre Freunde.

Ihre Bücher kann sie dank E-Reader nun immerhin alle dabeihaben, sonst würde ihr auch was fehlen: "Ich bin Buchhändlerin durch und durch." Ihr eigenes Buch, "Mama Tenga: Mein afrikanisches Leben", ist eine Art Biografie ihrer Erlebnisse in Burkina Faso.

(mah)

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