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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 26.04.2011

Hilfe nach dem Atomunfall

Das Zentrum Radimitchi in Novosybkov

Von Heide Rasche, ARD Moskau

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Ein Schild warnt in einem Wald in der Nähe von Tschernobyl vor dem Genuss von gesammelten Beeren und Pilzen (AP)
Ein Schild warnt in einem Wald in der Nähe von Tschernobyl vor dem Genuss von gesammelten Beeren und Pilzen (AP)

Novosybkov liegt im Grenzgebiet zu Weißrussland und der Ukraine. Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl wurde hier besonders viel radioaktiver Niederschlag registriert. Ein Jahr nach dem Super-GAU entstand hier ein Schilddrüsenzentrum.

Handyklingeln. Schon wieder ist Pawel Wdovitschenko gefragt. Eigentlich wollte in den nächsten Tagen eine russische Regierungsdelegation das Zentrum besuchen, alles ist vorbereitet, jetzt verschiebt sich der Besuchstermin. Dabei ist der hohe Besuch aus Moskau wichtig für Radimitschi, vielleicht können die Damen und Herren vom Föderationsrat doch noch überzeugt werden, das Zentrum finanziell zu unterstützen. Seit 24 Jahren kämpft Pawel diesen täglichen Kampf ums Überleben. Kurz nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, als viele Menschen aus Novosybkov weg wollten, wollte der Fachhochullehrer denen, die blieben, eine neue Perspektive bieten:

"Ich dachte mir, ich muss den Jungs und Mädchen helfen, stark zu werden. Wie kann man mit 15 bis 19 Jahren stärker werden? Es gibt nur eine Methode: Du musst dem Anderen helfen, und zwar dem, der schwächer ist als du."

Die Gruppe um den damals 34-jährigen Pawel wuchs schnell, gründete den Verein "Radimitchi – den Kindern von Tschernobyl". Sie fuhren über die Dörfer, kauften auf eigene Kosten Kuchen, Brot, Putz- und Waschmittel für Bedürftige. Drei Jahre lang. Dann war klar, das reicht nicht:

"Ich begriff, dass man entweder professionell arbeiten oder mit der ganzen Geschichte komplett aufhören muss. Mir ist es nicht gelungen aufzuhören. Denn es waren 50 bis 60 Studenten, die weitermachen wollten. Ihnen gefiel die ganze Kampagne, anderen zu helfen. Ihnen gefiel es, Mensch zu sein. Also suchte ich nach Geld."

In Russland fand Pawel kaum Sponsoren, dafür aber in Deutschland. Allen voran half die Polizei Wuppertal und dann auch bald der Solinger Verein Pro-Ost. Zuerst kamen nur Hilfstransporte mit dringend benötigen Materialien, Spielzeug, Computern, dann entstand eine dauerhafte Partnerschaft. Inzwischen fördert auch die EU die vorbildliche Jugendarbeit des Novosybkover Zentrums. Im kleinen grünen Holz-Anbau ist das Schilddrüsenzentrum untergebracht, hier bietet Radimitchi immer nachmittags Vorsorgeuntersuchungen an. Kostenlos. Das moderne Ultraschallgerät ist auch eine Spende aus Deutschland. Seit dem Reaktorunfall ist die Zahl der Krebserkrankungen in der Region drastisch gestiegen. Und nicht nur die, erzählt die diensthabende Ärztin Jelena, Ärztin:

"Ich kann sagen, dass die Folgen der Tschernobyl-Katastrophe an den Erkrankungen der Schilddrüse abzulesen sind. Die Zahl der Erkrankungen steigt, vor allem die Zahl der chronischen Schilddrüsenentzündungen - die gab es früher selten. Unruhig macht uns die Tatsache, dass die Betroffenen immer jünger werden, dass wir inzwischen diese Diagnose auch schon bei Kindern haben."

In dem lang gestreckten Backsteingebäude ist seit ein paar Jahren eine Tagesstätte für geistig behinderte Kinder untergebracht. Im Anbau entstand ein Frühförderzentrum für körperlich und geistig behinderte Kinder. So etwas gibt es in Russland nach wie vor selten, daher nehmen die Eltern häufig lange Wege in Kauf und opfern oft ihren Urlaub, um ihre Kinder hier behandeln zu lassen. So wie diese Mutter aus dem rund 500 Kilometer entfernten Moskau:

"Wir haben schon so viel probiert. Ich hätte nicht gedacht, dass die Ergebnisse so überraschend ausfallen werden. Dem Kind gefällt es. Ihm macht es viel Spaß, bei der Physiotherapie mitzumachen, auch zu Hause."

Hier bei Radimitchi ist jeder herzlich willkommen. Die Kinder und Jugendlichen aus Novosybkov haben endlich wieder einen Treffpunkt mit jeder Menge Freizeitangeboten, vom Computerclub bis zum Bastelzirkel. Wenn nur nicht immer diese Geldsorgen wären. Aber ganz gleich wie, für Andrej Budajew, den Leiter des Zentrums, steht fest, es geht weiter, es muss weiter gehen, um die Folgen von Tschernobyl zu mildern:

"Egal, wie schwer unsere Arbeit ist, egal wie schlecht es uns geht, wir werden unsere Arbeit fortsetzen und für unsere Kinder alles tun. Denn die Kinder sind unsere Zukunft. Und wir möchten, dass ihre Zukunft besser ist als unsere. Deswegen haben wir dafür gearbeitet und werden weiter dafür arbeiten."

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