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Religionen / Archiv | Beitrag vom 22.03.2014

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Diakonie in Berlin schult junge Menschen im Umgang mit Tod und Trauer

Von Klaus Martin Höfer

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Zwei jüngere Hände halten zwei ältere Hände fest, die auf einem weißen Lacken liegen. (dpa / picture alliance / Sami Belloumi)
"Sterbende bekommen irgendwann eine gewaltige Wut. Das muss man wissen", sagt Seminarleiter Tim Schmidt (dpa / picture alliance / Sami Belloumi)

Bei einem Freiwilligen Sozialen Jahr in einem Senioren- oder Pflegeheim sind junge Leute oft mit Leid und Tod konfrontiert. Wie man diese Erfahrungen verarbeiten kann, vermittelt ein Seminar der Diakonie in Berlin.

"Bei meiner ersten Leiche war das so, dass die Kollegen gesagt haben, du musst jetzt nicht, wenn dir nicht gut ist oder so. Die meinten auch, du kannst noch zehn Minuten alleine drin bleiben, wenn du dich von der Bewohnerin verabschieden willst, weil es die erste Leiche war, die ich in meinem Leben gesehen habe."

Für die 19-jährige Nicole war es kein Tag wie jeder andere: Sie arbeitet in einem Berliner Pflegeheim, macht dort ein Freiwilliges Soziales Jahr. Als eine Mitbewohnerin stirbt, kommt es für Nicole zwar nicht ganz unerwartet. Dennoch kann sie nicht sofort zur Tagesordnung übergehen.

"Das beschäftigt einen schon. Wenn an dem Tag ein Bewohner gestorben ist, dann geht man ja nicht nach Hause und sagt, ist egal. Ich zum Beispiel habe mit meinen Eltern darüber geredet, mit Freunden."

Miteinander reden, das ist auch Seminarleiter Tim Schmidt wichtig. Der 44-Jährige hat einige Semester Medizin studiert, bevor er sich für Theologie entschied. Heute ist er Gemeindepädagoge und Notfallseelsorger, der Menschen hilft, über den plötzlichen Unfalltod eines Angehörigen hinweg zu kommen. Und er hilft bei seinen Trauer- und Sterbeseminaren den Teilnehmern eines Freiwilligen Sozialen Jahres, über ihre Gefühle und Erlebnisse zu reden. Es sind junge Menschen, 19 oder 20 Jahre alt, manche auch erst 17. Der Tod ist für sie weit weg - meistens jedenfalls.

"Dieses Thema ist ja ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite ist das etwas Faszinierendes, weil es sehr tabuisiert wird. 

Wir fangen an mit einem persönlichen Einstieg – haben junge Menschen das schon mal erlebt, dass jemand verstorben ist, dass ein Freund, eine Freundin verstorben ist? Haben die überhaupt schon mal jemanden gesehen, der verstorben ist? Haben die überhaupt schon mal jemanden angefasst?"

"Trauen ist ein Lebensthema"

Und dann erzählen die Freiwilligen, ein Dutzend sind es, ein geschützter Kreis, der bereits an anderen Seminartagen zusammen war. Zum Beispiel Vivian; sie arbeitet in einem Pflegeheim.

"Man kennt sich in der Runde schon ein bisschen besser, weil man eine Woche zusammen herumgehangen hat. Aber privat würde ich das jetzt nur den Leuten erzählen, die ich ein bisschen kenne, bei fremden Leuten nicht so wirklich."

Tim Schmidt schreibt Stichpunkte auf weiße Plakate, wirft Bilder mit dem Beamer an die Wand. Zwei Themen sind ihm besonders wichtig: Wie sollten die Freiwilligen mit Sterbenden umgehen? Und wie mit Trauer? Der eigenen, und der anderer, zum Beispiel der Trauer von Angehörigen der Heimbewohner.

"Es geht nicht nur darum, Freiwillige auf ihren Dienst vorzubereiten. Es ist auch ein Lebensthema, weil wir ja immer wieder trauern. Wir trauern auch, wenn wir umziehen, wenn eine neue Lebensphase beginnt. Bei den Freiwilligen ist die Schule zu Ende jetzt. Und wenn man die Arbeitsstelle wechselt, das sind alles so Dinge, wo man sich verabschieden muss. Und das Wissen darum, das es normal ist zu trauern, es ist gut zu trauern, die Tränen fließen zu lassen, wenn sie eben kommen und es nicht einfach wegzudrängen. Das trägt einfach zu einer körperlichen und seelischen Gesundheit bei."

Schmidt redet über die verschiedenen Phasen am Ende des Lebens, spricht darüber, das Menschen den Tod verdrängen, wütend sind, sich vielleicht noch ein paar Tage oder Wochen aufraffen, um noch ein Fest, ein bestimmtes Ereignis zu erleben, wie sie letzte Dinge regeln, Abschied nehmen von Freunden und Verwandten. Und er redet auch darüber, wie die Freiwilligen helfen können.

"Es geht einfach nur darum, das zu wissen, zum Beispiel zu wissen, dass Sterbende auch irgendwann in eine gewaltige Wut hineinkommen und mit dieser Wut auch zu rechnen ist, das nicht persönlich zu nehmen, wenn man diese Wut abbekommt. 

Ich denke, dass man Menschen in dieser letzten Lebensphase auch einfach Gutes tun kann. Da zu sein und zuzuhören, auszuhalten und ein Stück weit mitzutragen, was sie zu tragen haben. Und dazu gehört natürlich auch, sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen. Das ist ein wichtiger Punkt. Ich kann dem nur begegnen, wenn ich weiß, ich bin selbst ein sterblicher Mensch."

Lange Diskussionen über Sterbehilfe

Ab und an wird der Seminarplan schon mal über den Haufen geworfen, zum Beispiel, wenn jemand besonders mitgenommen ist und Gedanken und Gefühle loswerden will.

"Manchmal nimmt auch die Diskussion über Sterbehilfe eine ganze andere Form an. Dann wird ganz lange diskutiert."

Nicole ist der Meinung, wenn ein Patient mit klarem Kopf...

".... ohne unter Medikamenten zu stehen, sagt 'Ich will nicht mehr leben, aber ich kann's nicht selber machen, bitte machen Sie's', also ich würd's machen, muss ich ehrlich sagen."

Doch wie sei es, fragt Tim Schmidt, mit dem Gefühl zu leben, einem Menschen das Leben genommen zu haben?

"Das ist natürlich nicht so gut."

In der Pause geht's weiter mit den Diskussionen, beim Teetrinken  in der Küche oder auf dem Balkon, in der Raucherecke. Da wird zum Beispiel darüber geredet, wie die Gesellschaft mit alten Menschen umgeht.

Auch nach dem Trauer-Seminar bleibt Tim Schmidt Ansprechpartner für die Freiwilligen. Er begleitet sie das ganze Jahr über, trifft sie immer mal wieder zu Seminaren. Und manche FSJler melden sich sogar viel später noch mal bei ihm.

"Da geht's dann meistens um persönliche Trauererfahrung und persönliche Verlusterfahrung. Das sind dann ungesunde Verdrängungsprozesse, die wieder aufbrechen. Das ist ja mit der Trauer das Fatale, dass die meisten Leute denken, wenn wir's in die Ecke schieben, dann wird's irgendwann schon gut. Aber die Trauer ist dann wie eine streunende Katze. Die kommt immer wieder, und dann muss man die mal auf den Schoß nehmen und streicheln."

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