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Lesart / Archiv | Beitrag vom 20.04.2016

Hilary Mantel: "Jeder Tag ist Muttertag"Schauergeschichte mit bösem Humor

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Die britische Autorin Hilary Mantel, hier bei der Verleihung der London Evening Standard Theatre Awards 2014 im Palladium. (imago/Matrix)
Die preisgekrönte Autorin Hilary Mantel (imago/Matrix)

Hilary Mantel hat sich vor allem mit Romanen aus der Zeit der Tudors einen Namen gemacht. Nun erscheint "Jeder Tag ist Muttertag" auf Deutsch, ihr mehr als 30 Jahre altes Debüt. Aber auch dieser Roman zeigt eine Qualität, die Mantels Werke auszeichnet: ein leiser und böser Humor.

Schon mit dem kurzen, ersten Absatz in Hilary Mantels Roman "Jeder Tag ist Muttertag" bekommt man zwei Ungeheuerlichkeiten serviert: Eine Mutter schaut ohne jedes Mitgefühl auf ihre Tochter, und die lacht sich kaputt, als ein alter Mann auf der Straße stürzt und sich die Hüfte bricht.

Mit diesem Roman-Debüt hat sich Hilary Mantel vor über 30 Jahren in der Literatur vorgestellt. Der große Ruhm der britischen Autorin kam erst 20 Jahre später, mit gleich zwei Booker-Preisen für ihre Romane aus der Zeit der Tudors und vielen anderen Ehrungen für die inzwischen in den Adelsstand erhobene Autorin. 

Eine Mutter schaut ohne Mitgefühl auf ihre Tochter

Hilary Mantel ist heute eine der wichtigsten Stimmen in der englischsprachigen Literatur, nach und nach erscheinen ihre Bücher nun auch auf Deutsch. Ihr erster Roman zeigt eine Qualität, die sich durch viele Werke von Hilary Mantel zieht: ein leiser, in aller Ruhe ausgespielter, durchdringend böser Humor. Hier platziert sie den vor allem bei Evelyn Axon und ihrer Tochter Muriel, die beide ein ganz eigenes Verhältnis zu Welt pflegen.

Die verwitwete Evelyn hat sich früher als Medium betätigt und Kontakt zu den Geistern Verstorbener hergestellt. Ihr scheint nun aber die Kontrolle über die jenseitige Welt entglitten zu sein, sie ist überzeugt, dass ihr Haus von Höllenwesen bewohnt ist, die sich immer stärker in ihr Leben drängen.

Ihre Tochter Muriel ist Anfang 30, sie gilt als geistig zurückgeblieben und ist sehr geschickt darin, diesen Eindruck aufrechtzuerhalten. Als Leser bekommt man allerdings immer mehr Hinweise darauf, dass die Höllenwesen in Evelyns Haus von Muriel gesteuert werden, um die Mutter auf perfide Art zu quälen und unter Kontrolle zu halten.

An dieses Geisterhaus dockt Hilary Mantel eine Reihe von Personen an, die die Schauergeschichte zu einem sozialen Panoptikum ausweiten. Die wichtigste Verbindung zur Außenwelt ist Isabel Field, eine neue Sozialarbeiterin, die Zugang zum Haus der extrem abweisenden Evelyn Axon zu bekommen versucht.

"Vacant Possession" hoffentlich auch bald auf Deutsch

Isabel Field wiederum hat eine Affäre mit einem verheirateten Lehrer, einem so feigen wie lebensängstlichen wie selbstmitleidigen Mann, der ähnlich in sich eingesperrt scheint wie Evelyn und Muriel in ihrem Geisterhaus. Von diesem Haus breitet sich eine Atmosphäre panischen Grusels in das englische Vorortleben des Romans aus, in die Weihnachtsfeste und Stoffserviettendebatten und Diner Partys der umliegenden Häuser. Man fürchtet immer stärker, und zu Recht, dass es hier auch Tote geben wird.

Nur ein Jahr nach "Jeder Tag ist Muttertag", 1986, hat Hilary Mantel eine Fortsetzung des Romans mit dem gleichen Personal veröffentlicht, unter dem Titel "Vacant Possession". Hoffentlich gibt es bald auch von diesem Roman eine deutsche Fassung, so dass man diese sehr überzeugende britische Erneuerung des Schauerromans weiterverfolgen kann.

Hilary Mantel: Jeder Tag ist Muttertag
aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence,
DuMont-Verlag, Köln 2016, 256 Seiten, 22,99 Euro

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