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Interview / Archiv | Beitrag vom 08.09.2016

Hightech-Prothesen bei den Paralympics"Jeder sportliche Körper ist ein künstlicher Körper"

Karin Harrasser im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Der brasilianische Schwimmer Clodoaldo Silva entzündet als letzter Fackeltgräger das Feuer bei der Eröffnung der Paralympics im Stadion Maracana. (dpa / MAXPPP)
Entzündung des Paralympischen Feuers in Rio (dpa / MAXPPP)

Verzerren Hightech-Hilfsmittel den Wettbewerb? Das wird spätestens seit den Hightech-Prothesen des Läufers Oscar Pistorius immer wieder diskutiert. Für Karin Harrasser wirft der Fall die Frage auf, wie viele Eingriffe in Sportlerkörper generell zulässig sind.

Viele Athleten bei den Paralympics in Rio benötigen technische Hilfsmittel, um ihren Sport ausüben zu können. Darum gab es immer wieder Diskussionen – auch im Fall der Hightech-Prothesen des Leichtathleten Oscar Pistorius, der 2008 seine Teilnahme an den Olympischen Spielen der Nichtbehinderten in China durchgesetzt hatte.

In der Debatte geht es auch um die Frage einer Erweiterung der körperlichen Möglichkeiten des Menschen durch Technik. Diese Zusammenhänge erforscht Karin Harrasser, Medien- und Kulturwissenschaftlerin an der Universität Linz. Sie habe sich gefragt, warum technische Hilfsmittel im Kontext von Paralympics kein Probleme darstellten, erläuterte sie im Deutschlandradio Kultur. Es gebe allerdings eine Veränderung, wenn diese Athleten bei den Olympischen Spielen teilnehmen wollten:

"Diese seltsame Neubewertung des Technischen, sobald die Klammer des Gesundheitlichen wegfällt. Also im Rahmen von Medizintechnik haben wir überhaupt kein Problem damit, dass Körper nur in Zusammenhang mit Technologien ihre wie auch immer geforderten Leistungen bringen. Sobald das in den Leistungssport rausgeht, gibt es ein Problem."

Der Fall Oscar Pistorius 

Der Fall von Oscar Pistorius habe eine bestimmte Frage aufgeworfen, so Harrasser: Welcher Art ist ein athletischer Körper?

"Er zeigt eigentlich, indem er diese Forderung aufstellt – warum soll ich nicht auch mitlaufen dürfen? -, dass in Wirklichkeit jeder sportliche Körper ein künstlicher Körper ist."

Die Körper von Athleten hätten sich durch Prozeduren verändert, die "hochgradig technischer Natur" seien, sagt Harrasser:

"Oscar Pistorius habt damit gewissermaßen den ganzen Status des natürlichen Körpers innerhalb des Sports eigentlich auf die Probe gestellt. Es ist auch gar kein Wunder, dass die Agentur, die damit beauftragt war, herauszukriegen, ob das legal ist oder nicht, die Anti-Dopingagentur war."

Wie Technologien unseren Alltag durchdringen 

Beim Leistungssport müssen man sich darüber im Klaren sein, dass jede Form von "Leistungsbehauptung" immer auch einen kulturellen und historischen Hintergrund habe:

"Ich würde meinen, dass die Paralympischen Spiele ein ganz tolles Werkzeug wären, um uns vor Augen zu führen, wie sehr Technologien unseren Alltag durchdringen. Dass viele menschliche Aktivitäten und eben auch der Sport technisch sind, kollektiv sind und eben nicht am einzelnen Menschen hängen."


Das Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Die Paralympics in Rio haben begonnen, Sie haben es gehört. Viele Athleten dort benötigen technische Hilfsmittel, um ihren Sport ausüben zu können, und die Diskussion über solche Optimierungen ist nicht neu, denken wir nur an Oscar Pistorius und dessen künstliche Sprinterbeine.

Die Debatte allerdings verläuft oft sehr polarisiert. Technikfetischisten sehen die Hilfsmittel nur unter dem Nutzaspekt, als extreme Erweiterung natürlich-körperlicher Möglichkeiten, und Technikskeptiker fürchten sich, dass der Mensch nicht so bleibt, wie er ist oder war. Liegt die Wahrheit womöglich in der Mitte? Oder wo? Die Linzer Kulturwissenschaftlerin Professor Karin Harrasser erforscht diese Diskurse. Frau Harrasser, bei den Paralympics treten viele Sportler an, die ohne technische Hilfsmittel weder schwimmen noch Rad fahren oder sprinten könnten. Früher nannte man all das Prothesen, wie sagt man heute dazu?

Karin Harrasser: Ich würde das nach wie vor Prothese nennen, ich glaube, daran hat sich zunächst mal nichts geändert. Das Interessante ist ja auch, dass nach wie vor, solange diese technischen Hilfsmittel in den Paralympics bleiben, also im Kontext von behinderten Körpern bleiben, solange sind sie auch gar kein Problem. Wir haben überhaupt kein Problem damit zu akzeptieren, dass Athletinnen der Paralympischen Spielen mit technischen Hilfsmitteln, mit allen möglichen technischen Akteuren gemeinsam antreten.

Die Probleme tauchen ja erst auf, wenn paralympische Athleten bei den normalen,  sozusagen bei den normalen Olympischen Spielen teilnehmen möchten. Dann plötzlich werden ihre technischen Hilfsmittel ein Problem und das hat mich irgendwie interessiert, diese seltsame Neubewertung des Technischen, sobald die Klammer des Gesundheitlichen wegfällt. Also, im Rahmen von Medizintechnik haben wir überhaupt kein Problem damit, dass Körper nur im Zusammenhang mit Technologien ihre wie auch immer geforderten Leistungen vollbringen; sobald das rausgeht in den Leistungssport, gibt es ein Problem.

Und das hat natürlich damit zu tun, dass, wenn Oscar Pistorius bei den Olympischen Spielen in Peking teilnehmen will, plötzlich ganz fraglich wird, welcher Art ein athletischer Körper denn ist. Und er zeigt eigentlich, indem er diese Forderung aufstellt, warum soll ich nicht auch mitlaufen dürfen mit meinen zwei Cheetah Legs, dass in Wirklichkeit jeder sportliche Körper ein künstlicher Körper ist.

Der durchtrainierte Spitzensportkörper

von Billerbeck: Also auch ohne diese Hilfsmittel, ein durchtrainierter Spitzensportkörper ist auch schon nicht der natürliche Körper?

Harrasser: Ganz genau. Also, wir wissen das ja auch alle, niemand von uns, ich könnte nie bei irgendeiner olympischen Disziplin mitmachen, mein Körper …

von Billerbeck: Könnten Sie schon, aber Sie würden nicht gewinnen.

Harrasser: Ich würde auf gar keinen Fall gewinnen, weil mein Körper nicht diese Prozeduren durchlaufen hat, die hochgradig technischer Natur sind. Oscar Pistorius hat damit gewissermaßen den ganzen Status des natürlichen Körpers innerhalb des Sports eigentlich auf die Probe gestellt. Es ist auch gar kein Wunder, dass die Agentur, die damit beauftragt war herauszukriegen, ob das legal ist oder nicht, die Antidopingagentur war.

Warum sind Technologien im Sport skandalös, das sind sie eigentlich nur dann, wenn sie anfangen, so was wie einen Leistungsimperativ infrage zu stellen und uns irgendwie einen kleinen Wink darauf zu geben, dass das, was wir als einen natürlichen Körper ansehen, gar nicht so natürlich ist.

von Billerbeck: Aber was bedeutet das? Heißt das, wir müssen wieder zurück zu den Olympischen Spielen im alten Athen, ohne alles, also nur der Körper auf der Bahn im Ring, ohne technische Hilfsmittel, ohne irgendwelche Zusatzernährungsstoffe et cetera?

"Leistungsbehauptung" hat einen kulturellen Hintergrund

Harrasser: Wir können gar nicht dahin zurück, das ist ganz klar, weil die Olympischen Spiele, weil der Leistungssport natürlich eine soziale, historisch spezifische Form ist. Aber wir könnten zum Beispiel uns klarer darüber sein, dass jede Form von Leistungsbehauptung immer auch eine kulturelle und historische Rahmung hat und, ja, dass das sehr, sehr variable Konstellationen sind.

Ich würde meinen, dass die Paralympischen Spiele eigentlich ein ganz tolles Werkzeug wären, um uns vor Augen zu führen, wie sehr Technologien unseren Alltag durchdringen. Wenn man das eben rauslösen könnte aus diesem Mythos des individuellen Leistungssportlers und ein bisschen rüberschaufeln könnte in ein Verständnis davon, dass sehr viele menschliche Aktivitäten und eben auch der Sport technisch sind, kollektiv sind und eben nicht am einzelnen Menschen hängen.

Darum habe ich irgendwann mal eher scherzhaft auch gesagt, es wäre eigentlich interessant, Paralympische Spiele und Olympische Spiele zusammenzulegen, um gewissermaßen eine interessantere Vergleichsfläche zu haben.

von Billerbeck: Könnte das irgendwann passieren, dass eben genau diese Trennung aufgehoben wird, die Sie ja nicht zwischen Olympischen Spielen und Paralympics setzen sondern zwischen quasi dem optimierten Leistungssportkörper und dem nicht optimierten – wenn es den jemals gegeben hat –, also sozusagen dieses Spiel, das Robert Harting, um einen deutschen Athleten zu zitieren, immer sagt: Wir sind die Guten und auf der anderen Seite sind die, die dopen. Und dann müssten ja dann auch die dazugehören, die mit technischen Hilfsmitteln laufen!

Harrasser: Also, ich bin weder dafür, Grenzen jetzt per se aufzulösen, aber ich denke schon, dass es Sinn macht, noch mal genauer darüber nachzudenken, nach welchen Imperativen wir unsere Körper auch den Technologien aussetzen sozusagen. Und da kann man dann schon sehen, dass sich in den letzten Jahren die Ansprüche an Körper sehr verändert haben.

Also, durch die riesige Anzahl von verfügbaren Technologien – und ich meine damit jetzt nicht nur Prothesen oder auch sichtbare Enhancements, sondern eben auch pharmazeutische Enhancements, dadurch ist das Angebot ist gestiegen. Und damit aber eigentlich auch so was wie ein Anforderungscharakter, also so was wie ein Imperativ, der da heißt: Wenn du dich nicht verbesserst, bist du selber schuld. Also, du könntest ja schöner sein, du könntest stärker sein, du könntest klüger sein, warum machst du es dann nicht!

Die Grenzen des Optimierungswahns

von Billerbeck: Nun ist der Blick in die Glaskugel immer schwierig, aber was meinen Sie: Bis wohin wird dieser Optimierungswahn unserer menschlichen Körper getrieben werden?

Harrasser: Das ist richtig eine schwere Frage, weil es in dieser Idee der Perfektibilität oder der Verbesserung ja eigentlich keine Limitationen gibt. Wo sollten die sein? Also, wenn man das mal als Grundannahme in den Raum stellt, dass das, was den Menschen ausmacht, eben seine andauernde Verbesserungsfähigkeit ist, dann können wir da überhaupt nicht ablesen, wo da Grenzen sein könnten.

Ich glaube aber durchaus, dass es da Grenzen gibt, und zwar haben die damit zu tun, dass wir sterblich sind. Und da gibt es sozusagen eine Grenze, die höchst wahrscheinlich nicht so schnell überschritten werden kann. Und es gibt auch jetzt natürlich gerade im Feld der Disability-Bewegungen eine Gegenbewegung zu dieser Verbesserung und der Technologie, die sagt: Nein, wir sind so, wie wir sind, und das muss auch reichen.

von Billerbeck: Einschätzungen waren das von Professor Karin Harrasser, Kulturwissenschaftlerin an der Uni Linz. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Harrasser: Ganz herzlichen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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