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Thema / Archiv | Beitrag vom 23.04.2008

"Hier wird versucht, den Leuten Angst zu machen"

Wissenschaftler Hohmeyer zur Stromlücke

Moderation: Liane von Billerbeck

Offshore-Windpark. (Danish Wind Industry Association)
Offshore-Windpark. (Danish Wind Industry Association)

Der Professor für Energie- und Umweltmanagement an der Universität Flensburg, Olav Hohmeyer, erinnert sich bei der Stromlücke vor allem an die Siebzigerjahre. "Damals ging auch das Schreckgespenst um: Wenn wir nicht bis zum Jahr 2010 200 Gigawatt Kernkraftwerke bauen würden, dann würden überall bei uns die Lichter ausgehen", sagte Hohmeyer.

Liane von Billerbeck: In Flensburg bin ich jetzt mit Olav Hohmeyer verbunden, er ist an der dortigen Universität Professor für Energie- und Umweltmanagement und ein Kenner der Energiesituation. Ich grüße Sie.

Olav Hohmeyer: Guten Tag, Frau von Billerbeck.

Billerbeck: Wer die Atomkraftwerke abschalten will, kommt an neuen Kohle- und Gaskraftwerken nicht vorbei, so endete unser Beitrag gerade. Moderne Kohlekraftwerke sind ja längst nicht mehr so wie, sagen wir, schwarze Pumpe vor 50 Jahren. Was also spricht gegen sie?

Hohmeyer: Gegen ein modernes Kohlekraftwerk spricht, dass sie pro Jahr bei einem normalen Block von 800 Megawatt Größe circa 4,5 Millionen Tonnen CO2 bei aller Effizienz in die Atmosphäre pusten. Moderne Kohlekraftwerke sind dafür ausgelegt, dass sie 35 bis 45 Jahre laufen und wir aber bereits im Jahr 2050 unsere CO2-Emissionen bis auf einen sehr kleinen Rest reduziert haben müssen. Diese modernen Kohlekraftwerke werden dann während ihrer Laufzeit nicht mehr betrieben werden können. Sie werden unrentabel, weil die Emission von CO2 zu teuer wird.

Billerbeck: In der Diskussion kommt ja immer ein Wort sehr oft vor, nämlich das Wort Stromlücke. Wir erinnern uns, New York war mal dunkel, da konnte man erleben, wie eine Weltstadt aussieht, die in eine Stromlücke geraten ist. Ist so etwas so unwahrscheinlich für Deutschland?

Hohmeyer: Also bei mir ruft dieses Wort vor allen Dingen die Erinnerung an die Siebzigerjahre hervor. Damals ging auch das Schreckgespenst um, wenn wir nicht mindestens bis zum Jahr 2000 100 Gigawatt Kernenergie ausbauen würden und bis zum Jahr 2010 200 Gigawatt Kernkraftwerke bauen würden, dann würden überall bei uns die Lichter ausgehen. Die gleiche Qualität hat diese Diskussion heute auch. Wir haben insgesamt 22 Gigawatt Kernkraftwerke gebaut, und nirgendwo sind die Lichter ausgegangen, also ein Fünftel dessen, was wir bis zum Jahr 2000 gebraucht hätten und ein Zehntel dessen, was man damals sagte, wir bis zum Jahr 2010 brauchen würden. Hier wird einfach versucht, den Leuten Angst zu machen, um bestimmte Politiken durchsetzen zu können.

Billerbeck: Im Fokus habe ich gerade gelesen, ich zitiere das mal, den Politikern in Berlin schein ein grundlegendes Problem immer mehr bewusst zu werden. Als Wohlstandsnation braucht Deutschland Strom. Der Pro-Kopf-Verbrauch liegt bei 6000 Kilowattstunden pro Jahr. Die Atomkraftwerke liefern zurzeit 26 Prozent des Strombedarfs. Die Politik muss Wege finden, den Strom klimafreundlich zu erzeugen, Atomkraftwerke drängen sich da geradezu auf. Laut Bundeswirtschaftsministerium werden durch die Reaktoren jährlich 100 bis 150 Millionen Tonnen Kohlendioxid eingespart. Wie sicher ist es eigentlich, dass man diese 26 Prozent aus den Atomkraftwerken ersetzen kann rechtzeitig, also bis 2020, bis wann sie nämlich abgeschaltet sein sollen.

Hohmeyer: Diese Atomkraftwerke könnten sie innerhalb von fünf bis zehn Jahren komplett ersetzen. Wenn sie es ganz schnell haben wollen, bauen sie dafür Gaskraftwerke. Und die kombinieren sie mittelfristig mit regenerativen Energien, die eben in ihrem Beitrag auch angesprochen wurden. Dann bekommen sie eine Strategie, in der sie relativ schnell und ohne große Klimagefährdung die ganzen Kernkraftwerke abschalten können, keine Kohlekraftwerke bauen müssen und trotzdem sozusagen sich klimafreundlich verhalten. Was im Fokus da plötzlich entdeckt wird, sind Diskussionen, die wir in den Sechzigerjahren bereits geführt haben.

Natürlich wissen wir, dass wir für unsere Form von Gesellschaft eine Menge Strom brauchen, aber den können wir auch ganz anders darstellen, als mit Kernkraftwerken und mit Kohlekraftwerken. Wir haben aber immer wieder die Versuche der interessierten Lobby, hier die Klimadebatte für sich zu nutzen, um dann zu sagen, oh guck mal, jetzt ist die Kernenergie wieder salonfähig, nachdem die Bevölkerung sich zu mehr als 90 Prozent in den Achtzigerjahren, nachdem Tschernobyl passiert war und Harrisburg noch nicht lange her war, völlig einig war, dass wir auf Dauer nicht über die Kernenergie unsere Energieversorgung sichern wollen. Die hat nämlich nicht unerhebliche Risiken. Das hat mit Klimawandel wenig zu tun, aber sie hat ihre eigenen Risiken, die nicht unbedingt wirklich gesellschaftsverträglich sind.

Billerbeck: Angenommen, wir schalten die Atomkraftwerke, wie es beschlossen ist, ab bis 2020. Wie sieht es dann energetisch aus in Deutschland?

Hohmeyer: Also die Atomkraftwerke werden nacheinander abgeschaltet. Die werden ja nicht auf einen Schlag abgeschaltet. Sie müssen also 26 Prozent der deutschen Stromerzeugung, das sind in der Größenordnung etwa 150 Terrawattstunden, auf anderem Wege erzeugen. Das können sie, wenn sie jetzt sagen, o.k., es geht in eine bestimmte Richtung, wenn sie den Ausbau der Windenergie gerade im Offshore-Bereich deutlich vorantreiben, wenn sie zusätzlich dazu keine Kohlekraftwerke, sondern Gaskraftwerke bauen für den Übergang, und wenn sie dann sozusagen auch noch die Netze ausbauen, dass sie die Verbindung zwischen den schwankenden regenerativen Energiequellen und den großen Wasserspeichermöglichkeiten, die wir sowohl in den Alpen als auch in Norwegen haben, wenn sie die endlich herstellen. Uns droht vor allen Dingen eine Lücke, weil die Netzbetreiber sich eine goldene Nase verdient haben, aber es unterlassen haben, in ihre Netze wieder zu investieren und auch überhaupt nicht dabei sind, die Netze der Zukunft auszubauen, die wir brauchen werden. Hier ist sehr lange gemauert worden, um genau die Kernkraftwerke und die Kohlekraftwerke möglichst lange über die Runden zu retten. Denn wenn ich die Netze nicht ausbaue, dann bekomme ich ein Problem, weil ich die regenerativen Ressourcen und die Speicherressourcen nicht mit den Verbrauchern verbinden kann. Und das sieht nach grobem Vorsatz aus.

Billerbeck: Sie haben die Windenergie angesprochen. Windparks sind ja in Deutschland hoch subventioniert, und wenn wir es mal etwas zugespitzt formulieren, dann sind die ja nur deswegen für die Betreiber profitabel, weil sie eben so hoch subventioniert werden. Ohne Subventionen leisten sie ja gar nicht so viel für die Stromerzeugung, wie immer versprochen wird. Schafft man durch diese Subventionspolitik nicht künstlich Energielücken in der Zukunft?

Hohmeyer: Also dieser Irrtum geistert seit den Achtzigerjahren durch die Presse und die Öffentlichkeit. Die Windenergie und die regenerativen werden nicht im engeren Sinne subventioniert. Das EEG zahlt ihnen einen Ausgleich dafür, dass wir die konventionellen Energieträger massiv dadurch subventionieren, dass wir erlauben, Kosten auf zukünftige Generationen abzuwälzen. Es gibt viele Kosten der Stromerzeugung, das haben wir in den Achtzigerjahren schon nachgewiesen, die in den Preisen nicht auftauchen. Wenn sie dagegen mit relativ sauberen Energiequellen konkurrieren wollen, die diese Kosten nicht haben, dann müssen sie irgendwo etwas schaffen, was die Amerikaner 'level playing field' nennen. Sie müssen Chancengleichheit einräumen. Und wenn Sie sich das anschauen, dann ist in den volkswirtschaftlichen Kosten die Windenergie deutlich billiger als die Kohle oder die Kernenergie. Und wir versuchen, mit dem EEG genau diesen Unterschied auszugleichen.

Billerbeck: Die erneuerbaren Energien, so wird immer gesagt, müssten bis 2020, wenn also unsere Atomkraftwerke dann alle nicht mehr laufen in Deutschland, auf 30 Prozent, vielleicht sogar 40 Prozent am Energieanteil steigen. Ist das zu schaffen?

Hohmeyer: Das ist mit einem entsprechenden Netzausbau sicherlich zu schaffen. Ich würde aber meinen, dass wir bis 2020 nicht nur die erneuerbaren ausbauen, sondern dass wir verbrauchsnah auch entsprechend Gaskraftwerke zubauen. Die müssen nicht unbedingt 35 Jahre laufen, aber für eine Übergangszeit reduzieren sie gegenüber den Kohlekraftwerken sehr deutlich die Emissionen. Sie passen sehr gut zum schwankenden Angebot aus den regenerativen Energiequellen, weil sie kurzfristig hochgefahren werden können, weil sie nicht die gleiche hohe Betriebsstundenzahl im Jahr brauchen wie ein Kernkraftwerk oder wie ein Kohlekraftwerk. Also es ist eine sehr viel bessere Kombinationsmöglichkeit, als wenn sie jetzt weiterhin bei den alten Grundlastkraftwerken bleiben, die zukünftig niemand mehr brauchen wird.

Billerbeck: Über die Energieerzeugung der Zukunft – wir sprachen mit Olav Hohmeyer, er lehrt an der Uni Flensburg Energie- und Umweltmanagement. Ich danke Ihnen.

Hohmeyer: Ich danke Ihnen.

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