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Frühkritik | Beitrag vom 23.03.2018

Hideo Yokoyama: "64"Raffinierter Krimi aus dem modernen Japan

Von Kolja Mensing

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Cover von "64" vor einer befahrenen Einkaufsstraße in Tokio. (Atrium Verlag/dpa/Matthias Tödt)
Cover von "64" vor einer befahrenen Einkaufsstraße in Tokio. (Atrium Verlag/dpa/Matthias Tödt)

Einsamer Held gegen übermächtigen Apparat: Diesem Muster folgen viele Kriminalromane, auch Hideo Yokoyamas Erfolgsroman "64" über einen ungelösten Entführungsfall im Tokio der 1990er. Doch der Autor präsentiert eine überraschende, "japanische" Lösung dieses Konflikts.

Den Titel muss man erklären. "64" ist eine Jahresangabe, gemeint ist das vierundsechzigste Jahr der Shōwa-Zeit – also das Jahr 1989, in dem der japanische Kaiser Hirohito starb, nachdem er über ein halbes Jahrhundert lang das Land regiert hatte. "64", das war ein Epochenbruch, und in Hideo Yokoyamas gleichnamigen Kriminalroman ist es zugleich Chiffre für einen ungelösten Kriminalfall.

Im Januar 1989 war in der nicht näher benannten Präfektur im Osten Japans ein Kind entführt und ermordet worden, der Täter wurde nie gefunden. Vierzehn Jahre später sollen die Ermittlungen öffentlichkeitswirksam neu aufgenommen werden, und der Pressedirektor der Polizei, Hauptkommissar Yoshinobu Mikami, soll die dazugehörige Medienkampagne betreuen.  

Lösung im Sinne der konfuzianischen Ethik

"64", das ist auf den ersten Blick ein klassischer Polizeiroman. Mikami ist der Prototyp des gebrochenen Polizisten, früher selbst ein erfolgreicher Ermittler, der jetzt auf den Posten des Pressedirektors weggelobt worden ist - und der nicht nur beruflich, sondern auch privat unter Druck steht: Seine Ehe droht darüber zu zerbrechen, dass eine Teenager-Tochter von zu Hause weggelaufen ist. Das ist die Situation, aus der heraus er beginnt, gegen seine Kollegen zu ermitteln. Mikami glaubt, dass es nach der Kindesentführung im Jahre 1989 Unregelmäßigkeiten bei den Ermittlungen gab.

Die Polizei selbst wird zum Fall, auch das ein klassischer Topos des "police procedurals". Das Überraschende an diesem Roman ist, dass Hideo Yokoyama sich bis zu diesem Punkt sehr genau an das tradierte Schema des Genres hält, dann allerdings eine sehr japanische Lesart vorschlägt, indem er den – in der westlichen Kultur tief verankerten! - Konflikt des Einzelnen mit dem Systems gerade nicht eskalieren lässt, sondern seinen Protagonisten ganz im Sinne der konfuzianischen Ethik nach einer "loyalen" Lösung suchen lässt: Wie kann die Integrität des Polizeiapparat wiederhergestellt werden?

Eine ausgesprochen raffiniert erzählte Kriminalgeschichte

Das ist das Überraschende an diesem fast 800 Seiten schweren Roman: Hinter einer langsam und ausgesprochen raffiniert erzählten Kriminalgeschichte treten nach und nach eher abstrakte kulturkonzeptionelle Fragen hervor. Komplett unverständlich bleibt allerdings die Entscheidung des Atrium Verlags, diesen Roman – in Japan ein Bestseller! – nicht aus dem Original ins Deutsche zu übertragen, sondern aus der englischen Übersetzung. 

Hideo Yokoyama: "64"
Aus dem Englischen von Sabine Roth und Nikolaus Stingl
Atrium-Verlag, Zürich 2018
768 Seiten, 28 Euro
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