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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 13.08.2015

HFC-Falke-Präsidentin Tamara DwengerDie verrückteste Idee meines Lebens

Von Godehard Weyerer

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Die Präsidentin des Fußballvereins HFC Falke, Tamara Dwenger, lehnt am 25.07.2015 in Hamburg am Sportplatzring beim ersten Spiel ihrer Mannschaft an der Spielfeldbegrenzung. Nach Umwandlung des Fußball-Bundesligisten Hamburger SV in eine Aktiengesellschaft gründeten Fans den HFC Falke. (picture-alliance / dpa / Axel Heimken)
Die Präsidentin des HFC Falke, Tamara Dwenger, lehnt in Hamburg beim ersten Spiel ihrer Mannschaft an der Spielfeldbegrenzung. (picture-alliance / dpa / Axel Heimken)

Einige seiner treuesten Fans haben sich ernüchtert vom HSV abgewendet. Stattdessen haben sie den neuen Fußballverein HFC Falke gegründet. Was hinter der Enttäuschung steckt und welche Rolle dabei eine junge Frau namens Tamara Dwenger spielt, hat Godehard Weyerer in Hamburg recherchiert. Dabei hat er tiefe Einsichten in das Seelenleben wahrer Fußballfans gewonnen.

"Guten Tag. Hallo."

Die Präsidentin holt mich persönlich vom Bahnhof ab. Tamara Dwenger führt und lenkt seit dem 13. Juli 2014 den Hamburger Fußballclub Falke e.V., einstimmig gewählt von 300 Gründungsmitgliedern. Sie empfängt mich mit einem freundlichen Lächeln, obwohl mein Zug aus Bremen Verspätung hatte. Wir steigen in ihr Auto.

Tamara Dwenger: "Fahren Sie die Strecke öfters?"

"Ja, aber ich habe sonst immer Glück. Ich bin keiner, der auf die Bahn schimpft."

"Ich auch nicht. Mein Problem ist nur, wenn ich sie nutze, funktioniert sie nicht. Ich glaube, so jeder Fußball-Fan aus dem Norden, der mal am Sonntagabend in Stuttgart gespielt hat oder in München, kennt diese wunderbaren Umsteige-Geschichten. Oder dann diese Bummelzüge, die übern Ruhrpott durchfahren, wo man morgens um sieben erst irgendwann wieder zuhause auftaucht."

"Bis vor einem Jahr - hätten Sie heute den Abend anders verplant?"

"Richtig. Normalerweise wäre ich jetzt wohl aus der Firma kurz nach Hause und wäre dann ins Stadion gegangen und hätte mir heute Abend, Hamburg gegen Hertha BSC angetan."

"Das geht Ihnen jetzt nicht ab?"

"Jein. Das hat sich schon im letzten halben, dreiviertel Jahr ein bisschen reguliert von am Anfang sehr dagegen sein. Oder ich will nicht sagen: dagegen sein, aber sich überhaupt nicht dafür zu interessieren. Dann ist die Saison losgegangen und es interessiert mich schon, wie sie spielen, aber ich muss das Spiel nicht sehen. Und ich muss es auch nicht in irgendeiner großen Form diskutieren, sondern ich nehme das Ergebnis zur Kenntnis und paar Freunde von mir regen sich dann noch darüber auf, dann ist es aber auch erledigt. Es versaut mir nicht mehr die ganze Woche."

"Das nennt man dann kalten Entzug."

"Ja."

Die Geschichte einer enttäuschten Liebe

Nachdem es vor einem Jahr, in der Saison 2013/14, schon einmal so aussah, als müsste der HSV in die 2. Liga absteigen, suchten die Verantwortlichen nach finanzkräftigen Investoren. Sie fanden einen. Der stellte allerdings eine Bedingung: Geld gegen Mitspracherecht. Der Profi-Fußball sollte aus dem Verein ausgegliedert werden. Andere Bundesliga-Vereine hatten das längst vorgemacht. Raus aus den alten, mitgliederbestimmten Vereinsstrukturen, rein in die Fußball-GmbH:

"Dieses Thema Ausgliederung ist ja beim HSV nichts Neues, es ist ja immer was, was in der Schatztruhe drin lag und es kamen immer wieder Leute auf die Idee. Und man hat immer gesagt: Was machen wir denn, was machen wir, wenn es passiert?"

Die Straßen in der Innenstadt sind verstopft. "Wochenendverkehr", sagt Tamara Dwenger. Der HSV hat ein Heimspiel. Mehr als Stopp und Go ist nicht möglich. Mir ist es recht, denn so haben wir mehr Zeit:

"Ich habe an diesem 25. Mai, als die Mitgliedschaft mit 87 Prozent dafür gestimmt hat, für mich persönlich ein Zuhause verloren. Der HSV ist für mich nicht nur eine Bundesliga-Mannschaft, die am Wochenende irgendwo Fußball spielt, sondern der HSV ist viel mehr. Es ist für mich eine Heimat gewesen. Und diese emotionale Heimat, behaupte ich, habe ich am 25. Mai irgendwie verloren. Das war auch nicht schön."

Fan und fanatisch – zwei Worte, ein Wortstamm. Das passt bei ihr schon zusammen.

"Man merkt einfach, dass man sich auch menschlich verändert. Ich würde es nicht als falsch titulieren, was man gemacht hat oder dass man sich zu sehr identifiziert hat. Das nicht. Sondern eher ein gewisser Reifeprozess hat eingesetzt, der es mir erlaubt zu sagen, ich gehe da nicht mehr hin. Vor fünf Jahren hätte sie das wahrscheinlich nicht gekonnt. Das Ganze drum herum hat sich bei mir persönlich und bei vielen, vielen anderen nach dem Spielplan des HSV gerichtet. Ich war jetzt gerade zwei Wochen in Brasilien. Ich war seit zehn Jahren nicht mehr während der Saison im Urlaub. Das hab ich halt nicht gemacht. Sondern man fährt in der Sommerpause oder am Länderspiel-Wochenende in den Urlaub. Ja, das wäre so vorher nie passiert. Der HSV ist immer noch da, der HSV ist immer noch was Großartiges in gewisser Form, das wird man auch nicht abstreifen und ich persönlich glaube, dass ich nie an den Punkt kommen werde, dass ich mich freue, wenn ein anderer Verein gegen den HSV gewinnt. Aber es tut nicht mehr so weh, wenn sie verlieren, sagen wir es mal so."

Was mir Tamara Dwenger erzählt, klingt wie die Geschichte einer enttäuschten Liebe, und dieser Eindruck ist ja auch nicht falsch:

"Wir waren ein Verein. Ein Verein, in dem jeder die Möglichkeit hatte, als einzelne Person seine Stimme zu erheben und Ideen in diesen Verein mit einzubringen. Ich habe selten so schlecht geschlafen wie an diesem Tag davor ..."

 ... am 25. Mai 2014 hatte der HSV zur ordentlichen Mitgliederversammlung ins Stadion geladen. Knapp 10.000 kamen.

"Ich bin dahin gekommen und für mich war es in dem Moment erledigt. Ich habe mir einen Sitzplatz gesucht und einen Freund getroffen, der hat an dem Tag einen schwarzen Anzug an gehabt, ein schwarzes Hemd. Ja, das hat den Tag sehr bezeichnet. Ich habe ihn in den Arm genommen und uns beiden war es in dem Moment klar, das war´s. Man brauchte ja eine Dreiviertel-Mehrheit. Ja, dann wurde abgestimmt. Ich habe das erledigt und bin raus gegangen. Ich wollte das Abstimmungsergebnis auch nicht mehr hören, und war dann auf der Hälfte des Parkplatzes und hörte einen lauten Jubelschrei. Und ... ja."

"Revolution beim Hamburger SV: Der angeschlagene Bundesligist gliedert seine Profi-Fußballabteilung aus und öffnet sich für Investoren." So oder so ähnlich titelten damals die Zeitungen. Über 86 Prozent der Mitglieder stimmten für das Modell "HSVPlus", Tamara Dwenger nicht. Sie gründete kurzerhand einen eigenen Fußballclub:

"Die verrückteste Idee meines Lebens, die ich je hatte."

Nicht allein, versteht sich. Gemeinsam mit anderen, die wie sie ihrer großen Liebe, dem alten, mitgliederbestimmten HSV, den Rücken kehrten.

"Wo fahren wir jetzt hin?"

Tamara Dwenger: "Zu Union, zum Sportplatz von Union 03, mit denen wir vor sechs Monaten einen Vertrag unterzeichnet haben. Ziemlich schnell, nachdem wir uns entschieden haben, diesen Verein zu gründen, haben wir festgestellt, was braucht man, um Fußball zu spielen? Einen Platz!"

Ein ordentlicher Platz musste es sein, ein Rasenplatz, kein Sandplatz! Auch Kunstrasen kam nicht in Frage. Der neugegründete HFC Falke will ja keine Thekenmannschaft in den Spielbetrieb schicken. Tamara Dwenger steuert einen Sportplatz im Norden von Altona an:

"Gut, dann gehen wir mal raus."

Stammtisch alle zwei Wochen

Der Sportplatz liegt im Hinterhof einer Vorstadt-Tristesse. An der Längsseite grenzt er an eine städtische Notunterkunft, gegenüber liegen Tennisplätze. Unmittelbar hinter dem Tor erhebt sich die vereinseigene Sporthalle. Am Dach und an der Außenfassade hat offenbar der Zahn der Zeit genagt. Der Platz selbst liegt ein wenig tiefer, umgeben von einfachen Steinstufen, auf denen ungefähr 4000 Zuschauer Platz finden. Immerhin vermittelt das Ensemble einen Hauch von Stadionatmosphäre.

"Genau. Die Maße stimmen. Und wir glauben, dass wir hier das ein oder andere schöne Spiel sehen werden. – Moin. Das ist der Platzwart hier. Heute ist Stammtisch. Stammtisch haben wir alle zwei Wochen. Wir haben hier unter anderem die Trikots vorgestellt, wie wir spielen wollen, was unsere Idee ist. Wir haben hier das Stadion vorgestellt. Als wir unseren Trainer vorgestellt haben, waren hier 120 Leute. Das muss man sich mal vorstellen, bei einem Verein, der noch nicht mal eine Mannschaft hat, wird der Trainer vorgestellt und es kommen 120 Leute."

Vorbei an einem Flipperautomaten und dem vereinseigenen Schwarzen Brett betreten wir den großen Saal der Stadionkneipe.

"Moin, hallo. Welchen Raum haben Sie heute für uns reserviert für unseren Stammtisch?"

Der Stammtisch ist noch leer. Die Präsidentin des HFC Falke ist die erste in der Runde:

"Falke ist ja keine Anti-Veranstaltung, also wir treffen uns hier nicht und überlegen, wie wir dem HSV morgen Schaden zufügen können, sondern Falke ist eine Alternative für jeden, der mit dieser Entscheidung vom 25. Mai nicht so leben kann oder das nicht gut findet, die Möglichkeit zu geben, etwas Neues zu machen. Das ist uns ganz wichtig bei Falke, am Ende des Tages ist jeder willkommen, der sich mit der Idee Falke identifizieren kann. Die meisten von uns, ich würde behaupten 99,9 Prozent, haben natürlich eine HSV-Vergangenheit, weil das ist auch das, was diesen Verein ausmacht."

Als im Mai 2014 die Vollversammlung des Hamburger SV der Ausgliederung der Profi-Abteilung zugestimmt hatte, trafen sich im Anschluss noch ein paar Freunde und Gleichgesinnte in der Wohnung von Tamara Dwenger und dachten darüber nach, wie es weitergehen könnte. Irgendetwas musste doch geschehen!

"Wir saßen in dieser besagten Runde zusammen, dann hat unser jetziger Pressesprecher und Mitglied des Präsidiums, Philipp Markhardt, gesagt, dann machen wir das jetzt. Dann haben alle gesagt, dann machen wir das jetzt. Und dann haben wir angefangen. Wir hatten am 25. Mai unser erstes Treffen, drei Tage später unser erstes Projekttreffen und haben uns dann wirklich jede Woche getroffen und am 19.6. wurde der Verein gegründet. Eigentlich relativ fix, drei Wochen, vier, dreieinhalb. Der Name hat sich zusammengesetzt oder wir wollten gerne an den alten HSV erinnern. Der HSV ist ja gegründet worden aus dem HFC, aus Falke 06 und aus Germania."

"Wollen Sie was trinken?"

Sie bestellt sich ein Spezi und ein Schnitzel mit Pommes frites; für mich ein Bier. Ich bin ja mit der Bahn gekommen.

"Mit dem Gründungsmotto 'Dankbar rückwärts, mutig vorwärts', das ist unter anderem auch ein Gründungsmotto von Germania damals gewesen, bei deren ursprünglicher Gründung. Und das ist sozusagen unser Brückenschlag von dem Namen zu dem Gründungsmotto auch wieder zu Germania.

Im Juni 2014, als sie den HFC Falke aus der Taufe gehoben hatten, waren sie zu fünfzehnt. Einen Monat später war dann die erste Versammlung, auf der jeder, der kam, Gründungsmitglied wurde:

"Wir wussten nicht, wie viel Leute kommen. Kommen 50 oder 100? Wir wussten es nicht. Ich saß in diesem Saal und es kamen immer mehr, mehr Leute rein und ich dachte irgendwann, ich geh mal raus, das muss ja langsam mal vorbei sein, der Einlass muss doch durch sein. Und da standen draußen immer noch locker 150 Leute. Ich bin dann da reingegangen und habe gedacht, egal was hier heute passiert, das wird ein Top-Tag. Man ist so beschwingt gewesen und diesen Ansatz zu haben, dass da so viele Leute dabei sind, das ist einfach wunderbar. Das ist genau das, was uns antreibt."

Jede zweite Woche ist am Freitag Stammtisch. Dort berichten die Arbeitsgruppen, Aufgaben werden verteilt, Gäste sind gerne gesehen und neue Mitglieder stets willkommen. Heute ist Hannes dazu gekommen:

"Moin."

Tamara Dwenger: "Hallo Hannes."

"Ja, wie bist du auf uns aufmerksam geworden? Wie man hört, kommst du ja nicht von hier."

"Ich gehe seit über 20 Jahren jedes Wochenende Fußballgucken, ich steck tief in der Fußballwelt drin, so alles von Leuten, die dem Profifußball den Rücken kehren weil sie keine Lust mehr drauf haben. Und ihr seid da ja in ziemlich vielen Medien präsent gewesen."

"Ja, genau."

"Die ganze Sache verfolge ich einfach schon seit Jahren. Insofern habe ich mich ehrlicherweise tierisch gefreut, als ich gehört habe, dass in Hamburg auch so eine Bude aufmacht. Auch wenn es leider ziemlich weit ist, ich wohne in Mainz, aber insofern bin ich da sowieso sehr interessiert gewesen an der ganzen Sache. Deswegen war ich dann auch ziemlich schnell auf eurer Fährte."

Schwarz, Blau und Weiß für die Trikots

Im Februar wurde das neue Trikot vorgestellt. Nach langen Diskussionen fiel die Wahl auf ein viergeteiltes Trikot in den Farben Schwarz, Blau und Weiß, dazu schwarze Hose, schwarz-blau gestreifte Stutzen – Schwarz, Blau, Weiß sind nicht von ungefähr auch die Farben des HSV. Offenbar ist die Ablösung vom alten Idol noch nicht ganz gelungen. Vielleicht aber auch gar nicht gewollt. Am Stammtisch haben sich mittlerweile zehn Leute eingefunden.

Tamara Dwenger ergreift das Wort:

"Guten Abend. Herzlich willkommen zu unserem kleinen, aber feinen Stammtisch. Das heutige Thema des Abends ist das Sichtungstraining. Es werden so um 20, 30 Spieler kommen, das hängt so bisschen von der Organisation unserer Trainer ab. Ich glaube es ist 13 Uhr nächste Woche Sonnabend. Klar, die Spieler kriegen nur Wasser zu trinken, zumindest bis sie die 90 Minuten um haben, aber wir wollen natürlich gern da ein bisschen dabei sein, uns das ansehen, dummes Zeug erzählen, damit die sich schon mal dran gewöhnen können, wie es zukünftig ablaufen wird. Und jetzt müssen wir uns noch mal ziemlich hopp-die-hopp Gedanken machen, was wir sonst noch so haben. Klar: Soll 'n bisschen Bier geben, Cola für die Anti-Alkoholiker und 'ne Wurst. Freiwillige vor, Ideen, wer noch was hat, was man machen kann."

Sören Flohberg und Philipp Markhardt sind auch Gründungsmitglieder des HFC Falke. Sören ist 29 Jahre alt, Betriebswirt und der Rechnungsprüfer des Vereins. Philipp ist 33 Jahre alt, arbeitet in einer PR-Agentur und ist Beisitzer im Präsidium. Beide waren eingefleischte HSV-Fans und blicken mit Schaudern auf den 25. Mai 2014 zurück, als die Profi-Fußballabteilung ausgegliedert wurde:

"Ausschlaggebend war auch für viele insbesondere der Ablauf dieser Veranstaltung, die war schon ziemlich unter der Gürtellinie. Da wurden Leute, die gegen dieses Konzept waren, quasi von der Bühne geschrien, da hat man auch nicht Halt gemacht vor dem Abteilungsleiter der Rollstuhl-Rugbyabteilung, der da auf die Bühne kam und die Leute nur angemahnt hat: Leute denkt darüber nach, was bedeutet das für die Amateurabteilungen im Verein. Und das war den Leuten vollkommen egal, die haben zum Teil gesagt, das ist uns scheißegal, was mit euch ist, für uns zählt nur der Fußball, von der Bühne runter und so weiter und so fort."

"Klar, wir repräsentieren einen neu gegründeten Verein von ehemaligen HSVern, 'die Abtrünnigen' wird ja ganz gerne geschrieben. Es ist ja doch schon eine zunehmende Kommerzialisierung im Fußball, was halt auch für viele natürlich auch irgendwo der Anstoß war, sich bei den Falken zu engagieren. Ich denke, dass die Ausgliederung an sich kein Schock gewesen ist, also für einige. Für mich persönlich war es ein schleichender Prozess, wo man's halt einfach irgendwann mal hingenommen hat und gesagt hat: komm, dann nicht mehr dagegen sein, sondern lieber was eigenes, neues gründen, für ein Projekt sein!"

"Ja, es war jetzt kein Schock, dass es so gekommen ist. Das war sicherlich schockierend, wie es abgelaufen ist. Am Ende war es das Ende mit Schrecken und hinterher wurde beim Bier tief durchgeatmet und sich gefragt, was machen wir denn dann? Ja, gründen wir doch einen eigenen Verein. Ja, aber das machen wir dann lieber in drei Tagen, wenn wir wieder nüchtern sind."

Trinkfest müssen gestandene Fußball-Fans sein, aber zum Rauchen gehen alle raus.

"Na, Schachtel leer?"

"Nein. Wir haben ein paar andere Sachen ausdiskutiert. Wir haben nicht übers Sichtungstraining gesprochen, sondern über Bandenwerbung und sonstige Geschichten."

Start in der untersten Spielklasse

Wie alle Vereine, die sich neu gründen, muss auch der HFC Falke zunächst in der untersten Spielklasse antreten, in der Kreisklasse. Da spielt man, betont die Präsidentin, aus Spaß am Spiel. Mit der Bezirksliga werden Begehrlichkeiten geweckt. Die Spieler erwarten kleine Aufwandsentschädigungen. "Nicht viel, 300 Euro oder so", aber das ist immerhin schon mehr als die Mitgliedsbeiträge hergeben. Bandenwerbung wäre okay, Trikotwerbung? Nein, auf keinen Fall! Oder doch? Wenn alle Mitglieder zustimmen? Tamara Dwenger winkt ab. Erst einmal muss die Mannschaft für die Kreisklasse stehen.

"Was ist denn jetzt mit dem Sichtungstraining? Habt ihr das alles ausbaldowert? Wer dreht die Wurst, wer kauft die Getränke?"

"Tobi und ich machen das."

"Also Jörg kommt auch nächste Woche."

"Zum Wurstdrehen?"

"Der kommt zum Biertrinken und Wurstdrehen."

"Nacken wär schön ..."

"Nacken! Genau, wir machen einen Aufruf ... das ist eine Top-Idee, ohne Scheiß mal, wir stellen die Getränke und wir haben einen Grill, wer was gegrillt haben möchte, bringt sich was mit. – Wir hätten gern noch ein Bier für den jungen Mann."

Mit einer Herrenmannschaft startet der HFC Falke in den Spielbetrieb, eine zweite könnte folgen. Und wie sieht es mit dem Frauenfußball aus?

"Nee, ich kann aktiv zugucken. Und Skifahren. Das war's aber auch. Ne, ich kann nicht spielen. Es gibt ein paar Mädels, die interessiert sind, aber bisher noch nichts weiter auf die Beine gestellt haben. Wenn die Mädels Fußball spielen wollen, dann müssen sie selber aktiv werden. – Was wolltest du eigentlich noch wissen?"

"Ich habe hier einen Fragekatalog. Haben wir einen kleinen Raum, wo wir Fahnen und so was lagern können? Abstellkammer, Besenkammer, Boris Becker, was weiß ich."

Neben Tamara Dwenger sitzt Oliver, 17 Jahre alt, der Jüngste in der Runde, beim HFC Falke für die Choreographie zuständig.

"Wie Tamara schon sagte, war der 25. Mai kein so schöner Tag. Ich war auch bei der Wahl, die haben wir verloren. Und als ich dann von den Falken gelesen hab – sofort begeistert, angeguckt, erster Stammtisch gewesen und gesagt: Bin dabei."

Mitte April ist das zweite Sichtungstraining. Der Himmel ist blau, die Sonne scheint. Der Wind bläst Tamara Dwenger die Haare aus dem Gesicht:

"Moin, moin. Hört mich jeder? Ich hoffe doch. Erst einmal schönen Dank, dass ihr alle hier seid. Wir wollen die Runde hier mal exklusiv nutzen, wir haben noch einen jungen Mann fürs Trainerteam dazugewonnen, super Sache. Wir brauchen auch keine Sorge haben, dass er spielt mit seinen kaputten Knochen. Von daher passt das schon. Danke, dass ihr hier seid. Richtig eine geile Nummer. Vielen Dank."

Auf dem Rasen machen sich18 Spieler warm, spielen sich die Bälle zu, passen, dribbeln, sprinten unter den wachsamen Augen des Trainers Dirk Hellmann:

"Es sind ganz unterschiedliche Ansätze bei den Spielern, die zu uns gekommen sind, natürlich auch bei denen, die höherklassig gespielt haben. Das sind natürlich auch häufig Spieler, die ein gewisses Alter haben, wobei ich das überhaupt nicht negativ behaftet sehe. Die Jungs sind dann halt vielleicht gerade Vater geworden, arbeitsbedingt eingespannt, dass sie sagen, sie können vielleicht auch nicht mehr, leistungstechnisch ja, aber von der Zeit her gar nicht mehr in der Oberliga drei-, viermal trainieren. Dementsprechend ist es für sie zum einen interessant, zeitlich gesehen mitzugehen, und bei jedem war es so, dass sie gesagt haben: Das ist eine super interessante Nummer, das ist ein komplett anderer Amateur-Fußball, als wir ihn kennen. Und hier sieht das natürlich mal komplett anders aus. Hier sind so viele Leute dabei, das macht so viel Spaß und zieht einen selber auch unfassbar mit. Das ist schon eine neue Art von Amateurfußball und ich glaube, das ist eine Riesenchance in Hamburg, aber auch in ganz Deutschland.

Wie planbar sind die Aufstiege?

Dirk Hellmann, der Trainer, ist 33 Jahre alt und hat in seiner aktiven Zeit in der Oberliga gespielt. Er hat während seines Sportwissenschafts-Studiums den Trainer-B-Schein gemacht und darf damit Oberliga-Mannschaften auch trainieren. Mit dem HFC Falke geht es erst einmal ganz unten los, in der Kreisklasse. Aber das soll sich schnell ändern.

"Ja, muss ich gar nicht viel zu sagen oder rumseiern, das haben wir uns selber auf die Fahnen geschrieben, jeder Spieler, jeder Spieler will aufsteigen. Das wäre auch vermessen, wenn wir jetzt sagen würden, mit dem Kader, mit der Erfahrung, mit den Leuten dort wollen wir jetzt erst einmal ankommen. Nein, wir wollen sofort aufsteigen. Tamara Dwenger, die Präsidentin, hat es ja auch durchaus schon gesagt, sie hat da einen Plan, sie sprach mal von sieben Jahren, ein Spieler sagte mal in einem Interview, er würde gerne in fünf Jahren in der höchsten Hamburger Klasse spielen. Das wäre schon ein straffes Programm. Spätestens ab Landesliga kann man nachher Aufstiege auch nicht mehr wirklich planen, nee."

Hinter der Absperrung stehen ungefähr 100 Fußballbegeisterte. Das ist bei einem Sichtungstraining für eine Mannschaft, die in der untersten Klasse anfängt, mehr als eine beachtliche Kulisse, sagt auch Torben Aschendorf. Er war bereits beim ersten Sichtungstraining dabei und wird in der neuen Saison als linker Außenverteidiger spielen:

"Ja, das ist schon sehr beeindruckend. Ich habe mal als kleines Kind davon geträumt, vor mehr als 30 Zuschauern aufzulaufen, wie man das so in der Kreisklasse kennenlernt. Dass beim ersten Probetraining 70 Zuschauer dabei waren, beim zweiten über 100, das ist schon außergewöhnlich. Macht viel Spaß auf die neue Saison und die Herausforderung. Wenn man sich die Kaderzusammenstellung anschaut, werden wir auf relativ hohem Niveau trainieren, wir haben ein sehr, sehr gutes Trainerteam bekommen, wir haben beste Voraussetzungen, im Training und dann auch sonntags unsere Leistung zu bringen. Dementsprechend ist es für mich nicht unbedingt ein sportlicher Abstieg, sondern eher die Herausforderung, im Training und im Spiel voll Gas zu geben."

Ein paar Biertisch-Garnituren stehen herum. Wimpel, Schals, T-Shirts und das neue Vereinstrikot werden verkauft. An der Bande flattern die Vereinsbanner im Wind, blau mit einem weißen Falkenkopf und in schwarzer Schrift darüber HFC Falke. Flaschenbier und Schnaps gehen über die Theke. Daneben brutzelt der Grill. Tamara Dwenger:

"Es gibt die Option, worüber wir am Stammtisch gesprochen haben, dass sich die Leute heute was mitbringen können, sprich unsere Vegi-Leute konnten aktiv sein und sich ihre eigenen Sachen für den Grill mitbringen. Und ein Vereinsmitglied, der selber großer Fleischesser ist, hat auch einen Vegan-Kuchen gebacken extra für unsere Veganer. Das zeigt auch, wie sehr man aufeinander eingeht. Ich habe heute auch alkoholfreies Bier gekauft, weil es ein paar Fahrer gibt. Da werden die einzelnen Sonderwünsche schon beachtet."

Hier ein Plausch, dort schnell etwas organisieren, Leute umarmen, immer mit einem Lächeln auf dem Gesicht und einem Spruch auf den Lippen. Fußball ist Tamara Dwengers Leben. Was würden ihre Eltern sagen, wenn sie jetzt sehen könnten, was sie hier auf die Beine gestellt hat? Tamara Dwenger wirkt plötzlich ein wenig melancholisch:

"Das ist gar nicht greifbar, die sagen eh: Da bist du komplett verrückt. Die hätten sich wohl eher gewünscht, dass die Tochter mit Anfang 30 Haus und Kinder hat. Kann ja noch alles kommen."

Die Gedanken kreisen um ihr Baby HFC

Im August 2016 wird sie 30. Ein wenig Zeit bleibt ihr dafür ja noch. Doch ihre Gedanken kreisen gleich wieder um den Fußball und um ihr Baby, den HFC Falke.

"Nils! Wo ist Nils? Tut mir leid, der Fußballobmann fehlt."

Tamara Dwenger ruft noch einmal alle zu sich. Ein Foto fehlt noch.

"Nils fehlt. Na, Pech gehabt. Ja, das Bild soll ja schön werden. Jan, zieh den Bauch ein. – Vielen Dank. – Ja, das ist ja keine One-Man-Show. Wir sind ja ein Team, wir sind ein Präsidium. Ich bin nicht der Verein. Der Verein sind wir, und das ist ein ganz wichtiger Punkt. Natürlich ist mein Gesicht auch ein bisschen mit diesem Verein verbunden, aber das mache ich dann auch gerne. Aber insgesamt sind es wir, das ist das Wichtigste. Wir haben 300 Leute, die diesen Verein tragen. Und jetzt suchen wir noch ein paar Jungs, die Fußball spielen. Man sieht es ja heute wieder, dass zum Sichtungstraining doch ein paar Leute aufgetaucht sind, dass die Begeisterung einfach da ist, auch die Möglichkeit, im tiefklassigen Bereich vor einer Zuschauermenge zu spielen. Aber auch eine entsprechende Ausrüstung zu bekommen, aufzulaufen mit einem universal gestalteten Trikot, sich um nichts kümmern zu müssen, zum Platz zu kommen und zu sagen: So jetzt spiele ich Fußball."

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