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Feiertag - Kirchensendung / Archiv | Beitrag vom 02.10.2016

Heute von Gott redenChrist sein ohne Religion?

Von Ludger Verst

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Ein Kreuz im Nebel. (afp/Bozon)
Ein Kreuz im Nebel. (afp/Bozon)

Aus mancherlei Gründen ist die christliche Religion in Europa auf den Prüfstand geraten. Die politischen Themen der letzten Zeit, insbesondere die Zuwanderungsbewegungen aus vorwiegend islamisch geprägten Ländern sorgen dafür, dass "Religion" rundum wieder zum Thema geworden ist.

 Jüngst hat der Bundesinnenminister auf einem Zukunftskongress in Berlin die Rolle von Glaube und Religion in der Integrationsfrage betont. In diesem Zusammenhang mahnte er alle Bürger an, sich auch mit dem eigenen Glauben und den damit zusammenhängenden Traditionen auseinanderzusetzen. "Keiner müsse in Deutschland", sagte Thomas de Maiziere, "religiös werden, wenn er es nicht sei, oder in die Kirche gehen, wenn er nicht möchte. Kenntnisse über den christlichen Glauben und seine Tradition und über andere Religionen seien aber sinnvoll und wichtig".

Die große Mehrheit der Menschen in Deutschland aber hat mit Religion und erst recht mit Kirche nicht mehr viel am Hut. Die Krise der Konfessionen ist offenkundig. Weltweit betrachtet schießen zwar - vor allem in Afrika und Südamerika - Tausende sogenannter freier Kirchen wie Pilze aus dem Boden. Sie wollen frei und christlich leben, ohne sich in herkömmlicher Weise von Religion und Kirche vereinnahmen zu lassen. Auf der anderen Seite wollen Menschen - vor allem in Europa - ihre christliche Identität nicht einfach preisgeben, auch wenn sie äußerlich betrachtet un-kirchlich geworden sind. Ihre Abwendung gilt eher einer verfassten und verwalteten Religion, in der sich Fachleute über Begriffe und Verständnisfragen streiten und - fernab vom Weltgeschehen - kaum mehr etwas Lebendiges und Überzeugendes zustande bringen.

Die herkömmliche Rede von Gott ist in eine Krise geraten

In der Tat erwecken viele Diskussionen den Eindruck, als ginge es um unverständliche Rechthabereien, um den Selbsterhalt von Kirchen und Ämtern, als kreisten die etablierten Kirchen weithin nur um sich selbst. Dem gegenüber entwickelt sich ein ganz anderes Lebensgefühl. Menschen setzen mit ihren eigenen Mitteln auf ein gelingendes, glücklich machendes Leben. Sie wollen sich in ihrem Glauben frei bewegen. Sie wollen spüren, dass sie glauben und was sie glauben - jenseits moralischer und dogmatischer Vorgaben. Mit anderen Worten: Die herkömmliche Rede von Gott ist in eine Krise geraten. Und das seit langem. Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer hat eine solche Krise der Religion schon in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts diagnostiziert:

"Was mich unablässig bewegt, ist die Frage, was das Christentum oder auch wer Christus heute für uns eigentlich ist. Die Zeit, in der man das den Menschen durch Worte — seien es theologische oder fromme Worte - sagen konnte, ist vorüber; ebenso die Zeit der Innerlichkeit und des Gewissens, und das heißt eben die Zeit der Religion überhaupt. Wir gehen einer völlig religionslosen Zeit entgegen; Die Menschen können einfach, so wie sie nun einmal sind, nicht mehr religiös sein. Auch diejenigen, die sich ehrlich als 'religiös' bezeichnen, praktizieren das in keiner Weise; sie meinen vermutlich mit ‚religiös‘ etwas ganz anderes."

Eine "religionslose Zeit" biete auch die Chance, auf neue Weise Christ zu sein oder es zu werden, meint Bonhoeffer, der noch kurz vor dem Ende der Nazi-Diktatur im April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet wurde. Bonhoeffer kritisiert das Denken in zwei Welten. Er meint damit die Aufspaltung der Wirklichkeit in eine Welt Gottes und eine diesseitige Welt. Die eine Welt sei göttlich, heilig und übernatürlich, die andere natürlich, weltlich und praktisch unchristlich. Die Folge sei, dass man entweder Christ sei und die Welt aus dem Blick verliere oder sich der Welt zuwende, dadurch aber Christus verliere. Die erste Variante zeige einen weltflüchtigen Christen, der seine Frömmigkeit pflege und die Beziehung zum Hier und Heute weitgehend zurückfahre; die andere Variante einen welttüchtigen Menschen, der gestaltend hier und jetzt eingreift, aber seine Beziehung zu Christus riskiert. Wollte jemand in einer Beziehung zu beiden Bereichen leben, stünde er in einem ständigen Konflikt. Diese Alternative will Bonhoeffer nicht akzeptieren. Er will Christus in der Welt haben.

Gott ist verborgen hier in der Welt

Bonhoeffer verbietet uns mit dieser Sicht der Wirklichkeit, an einen Gott im Himmel zu glauben, an einen Gott, der als Schöpfer und Erhalter der Welt gegenübersteht und der von außen in sie eingreifen kann. Er will Gott in der Welt haben. Dies ist nur möglich, indem er Gott als verborgene, aber innerweltliche Wirklichkeit sieht. Dabei spielt Christus eine entscheidende Rolle. Er ist das Paradigma für die Einheit Gottes mit der Welt. Die Menschwerdung Gottes in Christus ist also nicht einmalig und in der Geschichte ein für allemal abgeschlossen. Sie ereignet sich vielmehr immer neu im Glauben. Es ist nicht so, dass das Christliche mit dem Weltlichen identisch wäre, sondern die Einheit ist nur da, wo der Mensch sie im Vertrauen auf Gott erkennt. Indem er also wahrnimmt: Gott ist verborgen hier in der Welt, ist die Spaltung in eine diesseitige und eine jenseitige Wirklichkeit überwunden:

"Die Welt, das Natürliche, das Profane, die Vernunft ist hier von vornherein in Gott hineingenommen, all dies existiert nicht 'an und für sich', sondern es hat seine Wirklichkeit nirgends als in der Gotteswirklichkeit, in Christus. Wie in Christus die Gotteswirklichkeit in die Weltwirklichkeit einging, so gibt es das Christliche nicht anders als im Weltlichen, das ‚Übernatürliche’ nur im Natürlichen, das Heilige nur im Profanen, das Offenbarungsmäßige nur im Vernünftigen. Die in Christus gesetzte Einheit von Gottes- und Weltwirklichkeit wiederholt sich - oder genauer: verwirklicht sich immer wieder an den Menschen."

Wenn Gottes- und Weltwirklichkeit eine Einheit bilden, wie Dietrich Bonhoeffer sagt, dann könnte Christus eine Bedeutung für Menschen mit und ohne Religion haben, für Religiöse wie Religionslose gleichermaßen. Und es stellte sich die Frage, wie man "weltlich" von Gott sprechen und "religionslos" Christ sein könnte. Christus wäre nicht länger das Aushängeschild einer Religion, sondern direkt mitten im Leben als der andere, noch unerhörte, noch ungelebte und insofern jenseitige Teil meines Lebens.

Religionslos Christ zu sein würde bedeuten, darauf zu verzichten, auf Gott einwirken zu wollen. Das religionslose Gebet wäre gerade nicht das instrumentalisierte Gebet, das Gebet, das Gott überzeugen möchte, dass er doch bitte gebe, was man so gerne hätte. Das religionslose Gebet wäre ein Gebet, das den mir innerlichen, nicht zu bestechenden Gott als Adressaten hätte, und wäre damit eine Möglichkeit, von Gott zu reden, ohne dieses Wort ständig im Munde führen zu müssen. In jedem Gebet, in jeder Liturgie, in Predigten und Vorträgen machen wir Aussagen darüber, wie Gott ist — oder besser, wie wir uns Gott vorstellen: Gott ist gut, er ist allmächtig, treu und nah. Er ist die Liebe, der Frieden, die Ewigkeit und das Erbarmen. All diese Bezeichnungen haben ihren Ursprung in biblischen Schriften oder in der kirchlichen Tradition. Zugleich aber überdecken sie, dass wir über Gott eigentlich gar nichts aussagen können, weil niemand von uns weiß, wie Gott wirklich ist. Jede Bezeichnung läuft Gefahr, Gott in menschliche Vorstellungen zu pressen. Zwischen Gott und seinen Geschöpfen ist die Unähnlichkeit immer größer als die Ähnlichkeit. Also werden unsere "positiven" Aussagen über Gott dadurch relativiert, dass Gott eben doch ganz anders, für den Menschen im Grunde unbegreiflich ist.

Jesu Botschaft vom Gottesreich bezieht sich auf diese Welt

Auf dies hinzuweisen, ist das Anliegen der so genannten Negativen Theologie. Sie ist keine Erfindung der Neuzeit, sondern hat eine lange Tradition in der Geschichte des christlichen Glaubens. Bereits auf dem IV. Laterankonzil 1215 wurde sie zur verbindlichen Lehre der Kirche erhoben. Negative Theologie zieht aus der Einsicht in die Unangemessenheit menschlicher Gottesrede nun aber nicht die Konsequenz, von Gott nur noch zu schweigen. Wer verstummt, müsste sich den Vorwurf gefallen lassen, durch sein Schweigen und Nichtstun das Bestehende, also auch das Zerstörerische und Ungerechte, zu belassen, wie es ist; ja, im Grunde sogar zu rechtfertigen.

Also: Wie wäre dann heute zu reden von dem, was Hoffnung schenkt und Wunden heilt? Und nicht nur vernebelt, vertröstet oder schlichtweg langweilt? Hinter dieser Frage steht das Anliegen, eine Sprache zu finden, wie Jesus sie gesprochen hat: eine, die die Menschen verstehen. Jesus hat nicht die Sprache des Tempels gesprochen, keine Kultsprache, keine liturgische Sprache, sondern die Sprache der einfachen Leute. Hat vom Senfkorn gesprochen, vom Sämann, vom Sauerteig - alles Dinge, die die Leute verstanden, mit denen sie täglich umgingen.

Damit wird deutlich: Jesu Botschaft vom Gottesreich bezieht sich auf diese Welt: Die Pointe christlicher Hoffnung ist die radikale Umkehrung ungerechter Verhältnisse, nicht die Vertröstung auf ein Jenseits. Aus der Sicht Jesu bekommen die alten Texte, zum Beispiel die von der Schöpfung Gottes, einen neuen Klang: als Hoffnungsgedichte, als Sehnsuchtsbilder und Protestgesänge, als utopische, das heißt als noch nie und nirgendwo realisierte Gegenentwürfe zu den herrschenden Verhältnissen - einer Gottesrede, die so irritierend anders und zugleich einladend ist, dass sie nicht überhört, verharmlost oder missbraucht werden kann.

Muss nicht – wenn Christinnen und Christen nach ihrer Identität fragen – die erste Antwort lauten: Christsein heißt Menschsein? Ich bin von Gott zum Menschsein bestimmt. Und geht dieses Bestimmtsein zum Menschen nicht jeder Art von Bekehrung, von Zustimmung oder Wahl eines religiösen Bekenntnisses voraus? Auch Jesus saß nicht im Tempel, sondern mitten unter den Menschen. Als Prediger und Heiler kümmerte er sich um die "Mühseligen und Beladenen" und löste direkt ein, wovon er sprach. Dazu brauchte er nicht das Vokabular seiner Religion. In Jesus begegnet mir Gott mit menschlichem Angesicht. Jesus lebt in solch innerer Übereinstimmung mit Gott, dass in ihm Gott menschlich wird. Wer so lebt wie er, der lebt - biblisch gesprochen: "in Christus". Christus ist der Vorläufer einer neuen Bewusstseinsevolution, der Erstgeborene einer neuen Menschheit: "Wenn jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden", heißt es im 2. Korintherbrief.

"Wo behält nun Gott noch Raum?"

Christlich ist, was vom Konkurrenzprinzip der Natur zum Kommunikationsprinzip der Liebe und Geschwisterlichkeit führt. Hier stellt sich nicht die Frage nach der "wahren Lehre" einer bestimmten Religion, sondern die der Übereinstimmung zwischen erkannten und gelebten Werten und so auch die Frage, was Religionen miteinander verbindet. Das sie Verbindende könnte darin bestehen, dass sie, gerade weil sie Religionen geworden sind, je eigene Antriebe finden, sich von ihrer Religionshaftigkeit wieder zu befreien und zurückzufinden ins offene Feld schöpferischer, kritischer Zeitgenossenschaft. Das bereitet vielen bekanntermaßen Schwierigkeiten, wie schon Bonhoeffer zu seiner Zeit feststellen konnte:

 "Wo behält nun Gott noch Raum?, fragen ängstliche Gemüter, und weil sie darauf keine Antwort wissen, verdammen sie die ganze Entwicklung, die sie in solche Notlage gebracht hat. Wir können nicht redlich sein, ohne zu erkennen, dass wir in der Welt leben müssen – (als ob es Gott nicht gäbe. Und eben dies erkennen wir – vor Gott! Gott selbst zwingt uns zu dieser Erkenntnis. So führt uns unser Mündigwerden zu einer wahrhaftigen Erkenntnis unserer Lage vor Gott. Gott gibt uns zu wissen, dass wir leben müssen, als solche, die mit dem Leben ohne Gott fertig werden. Der Gott, der mit uns ist, ist der Gott, der uns verlässt (Markus 15, 34). Der Gott der uns in der Welt leben lässt ohne die Arbeitshypothese Gott, ist der Gott, vor dem wir dauernd stehen. Vor und mit Gott leben wir ohne Gott. Gott lässt sich aus der Welt hinausdrängen ans Kreuz. Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt und gerade und nur so ist er bei uns und hilft uns."

Dietrich Bonhoeffer weigert sich, von einem Gott zu spechen, der einfach so "da ist". Gott ist nicht der Lückenbüßer, den man zur Überwindung von Leid in der Welt herbeizitiert und der als Nothelfer eingreift. Gott ist nicht die Größe, die all das erklärt, was man naturwissenschaftlich nicht erklären kann. Er ist immer der ganz Andere. Darin ist Bonhoeffer ein moderner Theologe. Doch er denkt nicht eindimensional. Er glaubt sehr wohl an eine Wirklichkeit, in der Gott existiert. Das jedenfalls ist gedeckt durch die Tatsache, dass Bonhoeffer bis zu seinem Lebensende an einen Gott glaubt und zu einem Gott betet, der ihm als Mensch gegenübersteht. Es ist für ihn möglich, Christ zu sein ohne jeden metaphysischen Überbau, einzig in der Nachfolge Jesu.

Eine Frage zumindest bleibt: Kann Bonhoeffers Konzept einer religionslosen Nachfolge Jesu wirklich ganz ohne theologische Begründung auskommen? Die Lösungsrichtung, die Bonhoeffer vorschwebt, ist "Christus" zu befreien vom missverständlichen Gehabe der Kirche, später dann auch von den Verirrungen der Religion überhaupt. Gerade dies scheint in unserer Zeit wieder wichtig zu werden. Aber wie soll man nicht-religiös formulieren, dass es entscheidend auf Christus ankommt? Kann die Frage nach Gott durch ein Schauen auf Jesus beantwortet werden?

Bonhoeffers Versuch, Christ zu sein unabhängig von Religion und Religionslosigkeit, sollte weiterverfolgt werden. Das, was die Gestalt Jesu und sein Programm bedeuten, kann auf vielfältige Weise existenziell zum Ausdruck gebracht werden. Es geht nicht um Aktionismus, weil es nichts mehr über Gott zu sagen gäbe. Christsein zeigt sich am besten, indem es eine Gestalt annimmt: Handelt so, dass durch euch eine Ahnung von menschlichem Glück erfahrbar wird - einem Glück, das nichts vergisst und niemanden ausschließt. Ich muss niemandem ein bestimmtes Gottesbild aufzwingen. Ich darf die Gottesfrage offen lassen. Das Leben Jesu und sein Beispiel wollen mich ermutigen und zeigen, wie ich mein Leben bewältigen und zu mir selbst finden kann. Und: wie Menschen in Frieden und Freiheit zusammen leben können.

Eine Sendung der Katholischen Kirche

 


 

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