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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 20.08.2010

Herzklopfen kostenlos

Die 51. Talenteshow im Thüringischen Neustadt an der Orla

Von Knut Benzner

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Die Juroren der RTL-Fernseh-Votingshow "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS), v.l.n.r.: Dieter Bohlen, Anja Lukaseder und Andreas "Bär" Läsker (AP)
Die Juroren der RTL-Fernseh-Votingshow "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS), v.l.n.r.: Dieter Bohlen, Anja Lukaseder und Andreas "Bär" Läsker (AP)

"Wer will, der kann. Die große Talentprobe für jedermann" oder "Toi, Toi, Toi" oder "Herzklopfen kostenlos". Peter Frankenfeld und Heinz Quermann boten Amateuren einen Fernsehauftritt. Papierreißkünstler, Feuerschlucker, Tanztalente oder Schlagersänger - diese, im heutigen Sprachgebrauch genannten Casting-Shows brachten dem einen oder anderen Sieger eine langjährige Karriere ein.

Neustadt an der Orla.

"Eins zwo, eins zwo drei vier."

In Thüringen.

"Genau."

30 Kilometer südöstlich von Jena...

"Ja."

35 Kilometer südwestlich von Gera.

"Ich singe eigentlich vorwiegend nur deutsche Schlager."

Heidi Gemeinhardt, Chemnitzerin, allerdings seit 31 Jahren in Pößneck, vom sächsischen ins thüringische.

"Genau."

Sie singt nach.

"Ja, nach, ja, überwiegend."

Zum Beispiel.

"Andrea Berg, Helene Fischer, DJ Ötzi, Rosenstolz, quer, querbeet, haha."

Seit drei Jahren. Sie ist 47, das heißt, sie hat mit 44 angefangen.

"Jahaaa."

Das ist ja dann doch relativ spät...

"In der Öffentlichkeit eben zu singen. Zu Hochzeiten, Geburtstagen, Dorffesten, Stadtfesten und so weiter."

Davor in der Badewanne.

"Ja, so unter der Dusche, hahahaha, haaa."

Und dann sandte Heidi Gemeinhardt eine CD ein.

"Na, die Jury denk isch mal hat meine CD erhört und da hab´ ich das Glück gehabt, unter den Finalisten zu sein."

Unter den Finalisten von "Herzklopfen kostenlos", von "Herzklopfen kostenlos" 2009.

"Ja."

Und was wird sie singen?

"Von Helene Fischer `Lass mich in Dein Leben´."

Live natürlich.

"Ja."

Ohne Band.

"Ohne Band."

Also Halb-Playback.

"Genau."

Dann steht sie dreieinhalb, vier Minuten auf der Bühne.

"Genau."

Und hofft, dass alles gut geht.

"Ich hoff´s, ja, hahaha, ich halt´ mir selber die Daumen. Hahaha."

Eine kleine Kostprobe?

"Jaha, ohne Musik?, haha."

Geht das?

"Ja, ist kein Problem."

Herzklopfen kostenlos.

"Also wir hatten von Anfang an immer über 2000 Besucher, hier auf dem Marktplatz, egal, was für Wetter war, die Leute sind wirklich gekommen und haben mit gefiebert."

Heike Jansen-Schleicher, 42, die Kulturamtsleiterin von Neustadt an der Orla und als solche zuständig für "Herzklopfen kostenlos":

"Im vergangenen Jahr waren sogar über 3000 Besucher da, weil natürlich dies 50 Jahre 'Herzklopfen kostenlos' statt fand, und da waren natürlich Stars und Sternchen von überall her aus Funk und Fernsehen da und das hat natürlich noch mehr gezogen."

Seit 19 Jahren ist Heike Jansen-Schleicher im Kulturamt mit Sitz im Rathaus. Vor dem Rathaus der Marktplatz, da wird wieder die Bühne stehen. Es ist verwunderlich, dass Neustadt an der Orla mit seinen gerade einmal 9000 Einwohnern überhaupt ein Kulturamt hat.

"Ja, ja. Also ich denke einfach, wir haben uns in den Jahren einfach profiliert."

Und wer war, um zum Thema zurück zu kommen, zum 50. Jubiläum von "Herzklopfen kostenlos" an Ehemaligen alles da?

"Ja, Inka, Eberhard Hertel, Katharina Herz, Monika Herz, Leni Staatz hatte leider abgesagt, weil sie krank war, das war schade, sie war aber angeführt, sie war krank geworden, Stefanie und Claudia, die bei ´Herzklopfen kostenlos´ dabei waren, (...) das war ein sehr buntes Programm."

Und Frank Schöbel. Herzklopfen kostenlos.

1958 hatte Heinz Quermann, Redakteur, Regisseur, Conférencier und Talentsucher, eine Idee zu einer Bühnen- und Fernsehshow. In der DDR. Quermann, 2003 verstorben, präsentierte "Herzklopfen kostenlos", seine Talentshow, seiner Zeit voraus. Schöbel war eines seiner Talente gewesen, Dagmar Frederic ein anderes und der Humorist Winfried Krause auch. Heike Jansen-Schleicher, die Kulturamtsleiterin:

"Was war der DDR-Touch, hahaha, ja erst mal, dass es schon im Fernsehen lief, Heinz Quermann, der auch, sachen wer mal, so ne Größe war, na ja, sachen wer mal so, es war auch viel, sachen wer mal, wir haben letztens Aufnahmen gesehen, wo ooch so mal so Pionierlieder gesungen worden und solche Sachen, das kommt ja gar nicht, das ist ja gar nicht mehr, also es lief anders."

Aber der erste Platz, der hilft immer noch.

"Wir hoffen, wir können´s nicht garantieren."

"Ich bin der Jury-Vorsitzende. Und Teamleiter."

Andreas Dornheim, 45, aus Rudolstadt. Und Ausrichter...

"Von Herzklopfen. Seit 1996, seit uns Heinz Quermann diese Sache übergeben hat, also er hat den Staffelstab an Dieter Benkenstein und mich als damaligen Jury-Chef 1996 weiter gegeben, und hat in einem persönlichen Gespräch drum gebeten, doch diese, ja, verantwortungsvolle Arbeit mit den jungen Talenten und auch schon etwas älteren Talenten weiter zu führen und wir haben das als Verantwortung gesehen, dieses auch bis heute weiter zu führen und sicherlich auch für die Zukunft."

Als Fernsehsendung war "Herzklopfen kostenlos" bis in die 70er gelaufen, danach gab es andere Formate, wie man heute sagt, die "Heitere Premiere" usw., die Bühnenveranstaltungen von "Herzklopfen kostenlos" liefen weiter, unregelmäßig, mal hier, mal da.

"Und Heinz Quermann sagte, da er nun auch schon in´s Alter gekommen ist, wir brauchen neue Leute, die das weiter führen."

Die neuen Leute, das waren er, Andreas Dornheim, und der von Dornheim erwähnte Dieter Benkenstein.

"Ich wird´ dies´ Jahr glaub´ ich sechzich."

Ist für die Bühne verantwortlich, für die Technik und den Sound. Dieter Benkenstein ist stolz auf die Veranstaltung.

"Sehr, ganz sehr, s ist ´n Teil meines Lebens. (...) Ich liebe nicht diese Veranstaltung, ich lebe diese Veranstaltung."

"Herzklopfen kostenlos" ist zu seiner Lebensaufgabe geworden.

"Auf jeden Fall und ich muss sagen, (...) vor allen Dingen das Publikum von Neustadt (...), und was wir dieses Jahr an Resonanz gefunden haben von Bewerbungen, das ist einfach einmalig, (...) und wir haben auch in diesem Jahr wieder eine unheimliche Qualität, und das wichtigste ist: Alle Künstler treten live auf."

Und Nostalgie, ein Teil DDR?

"Ist ´ne schwierige Frage. ´N Stück schon, von der Tradition her, aber wie wir das jetzt aufziehen, denke ich, das ist eigentlich, zumal´s auch deutschlandweit is´, eine richtige deutsche Kulturgeschichte."

Sein Sohn, Torsten Benkenstein, Trompeter, war mit der Sängerin Katharina Herz zusammen. Wo hatten die angefangen? Bei "Herzklopfen kostenlos".

"Chris Doerk, Nina Hagen, Dieter Dornig z.B., Regina Toss, genau."

Ekki Göpelt, Andreas Dornheim:

"´Herzklopfen kostenlos´ war in, in der Bevölkerung richtig verankert, es hatte richtig Tradition, diese Sendung, es war ähm, ja, auch ´ne Sendung für ein Millionen Publikum, es war interessant, weil aus Werktätigen plötzlich Stars wurden, die auf der Bühne standen und super Darbietungen vorführten, also von Zauberei über Wortwitz, Humor, Gesang, letztens haben wir ein Pionier-Ensemble gesehen, das ´Helle, klare Kinderaugen´ gesungen hat, also es war jetzt nicht politisch, also ich denke, mir, Heinz Quermann war auch nicht so´n ganz politischer Mensch, der hat, der war zwar so der Entscheider in der DDR, der in Richtung Musik und Unterhaltung entscheiden konnte, aber nicht mit Parteibuch, er hat das etwas menschlicher entschieden."

"Ja mein Name ist Jens Elinger, und ich bin bei den ´3 lustigen 4` der Gitarrist und Sänger. (...) Mein Name ist Torsten Wagenknecht, ich spiel´auch bei den ´3 lustigen 4´ Akkordeon und komme aus Neustadt an der Orla. (...) Mein Name ist Frank Völkel, (...) bin auch bei den ´3 lustigen 4´, spiel´ dort Saxofon, Mandoline, Gitarre, Bass und macht uns viel Spaß."

Die 'drei lustigen' vier sind auch im Finale.

"Wir werden uns viel Mühe geben."

"Comedy pur" machen sie eigentlich.

"Also das sind verschiedene Richtungen an Musik, also diese Geschichte jetzt hier, Volksmusik, die wir jetzt vorstellen bei ´Herzklopfen kostenlos`, die ist schon, sach ich mal, jetzt nich´ so komödiantisch, is´ halt volkstümlich, und dann gibt´s noch die andere Schiene, die ´3 lustigen 4` mit ihrem Comedy-Programm, und da geht´s dann schon sehr lustig zu mitunter, ja. Bekannte Melodien, mit Umziehen, also Hüte aufsetzen und die Musik lustig an die Leute rüber zu bringen."

Ein Beispiel:

"Bei mir biste scheen, den Titel haben wir praktisch mitn eigenen Text versehen, auf uns zugeschneidert, um mal da so´n bisschen mitn Augen zwinkern singen wir drei sind so schön, ziehen uns natürlich dann auch dementsprechend an, dass das eben ooch, sachen wer mal, bissel humoristisch mitn Augenzwinkern betrachtet werden kann."

Das spielen sie demnächst nicht. Sie spielen das. (Musik)

"Is eine, sach ich mal, eine Koproduktion zwischen Thilo Schulz, einem jungen Komponisten aus Thüringen, und den ´3 lustigen 4`."

Und warum die ´3 lustigen 4`?

"Das war eigentlich folgender Maßen entstanden, wir waren am Anfang, am Anfang waren wir eigentlich vier Leute, und drei Leute hatten sich eigentlich ja ´n bissel auf die Comedy-Sache spezialisiert und der vierte Mann hatte eigentlich so´n bissel den ernsteren Part gespielt, er hat sich aber dann leider von uns getrennt, weil er es beruflich nicht in die Reihe gebracht hat, jetze Musik und Beruf wie gesagt, da zu verbinden, und wir haben ja praktisch vor, die Musik zum Beruf zu machen. Damit mer eben die ganze Kraft ooch in professionelle Musik, denn ooch Comedy erfordet professionelles Spielen, und da steckt sehr, sehr viel Arbeit drinne."

Und wenn sie gewinnen?

"Das würde uns auf jeden Fall weiter helfen, also wir messen dieser Veranstaltung ein sehr, sehr großen Wiedererkennungswert bei, zumal man ja weiß, was aus dieser Veranstaltung schon an großen Künstlern hervor gegangen ist, ich denke da z.B. spontan hier z.B. an Frank Schöbel, ja, und es ist ja nun inzwischen auch ´ne Institution hier geworden, diese Veranstaltung, und wir freuen uns sehr drauf und wir werden sicherlich versuchen, auch da in die vorderen Regionen zu kommen."

"Genau das ist unser Ziel. (...) Wir wollen gewinnen."

"Also es liegt bei mir immer alles relativ nahe beieinander", sagt Iris Lukas, 41, seit 25 Jahren bei der Kreissparkasse Saale-Orla. In Neustadt. Seit acht Jahren ist die Kreissparkasse Saale-Orla der Hauptsponsor von "Herzklopfen kostenlos" und Iris Lukas mit in der Jury.

"Also ich entscheide aus´m Bauch heraus."

Sohn und Nichte waren noch bei Heinz Quermann aufgetreten.

"Und dann lass´ ich´s einfach ab 14 Uhr auf mich einwirken und find´s phänomenal. Kann jeden nur dazu beglückwünschen, wenn er hier auf der Bühne stehen darf."

Was bleibt bis übermorgen, bis zum einundfünfzigsten "Herzklopfen kostenlos" noch zu tun? Heike Jansen-Schleicher, die Kulturamtsleiterin:

"Es müssen Soundcheck-Pläne erarbeitet werden, Ablaufpläne (...), es müssen die Moderationen vorbereitet werden für Achim Mentzel äh, und für die einzelnen Künstler, also es ist viel, viel Arbeit."

Achim Mentzel?

"Ja."

Der Moderator.

"Ja."

Kein Unbekannter.

"Man ist an mich heran jetreten, nachdem Heinz Quermann det nich´ mehr machen wollte in Neustadt an der Orla, ob ick det machen würde, und zwar, weil ick doch ´Achims Hitparade´ , meiner Sendung, die ick 17 Jahre hatte, jedes Jahr eine Kinderhitparade jemacht hatte, ick hatte doch den Nachwuchs so´n bisschen gefördert dabei, und da is´ man an mich heran jetreten und hatte offene Türen einjerannt, und hat jefgracht, Achim, würdeste det machen. Und da hab´ ich natürlich gleich ja jesacht."

"Herzklopfen kostenlos" macht er ehrenamtlich:

"Im Jrunde jenommen mach ich det ehrenamtlich, ja, ich fahre hin und krieje dann det zujearbeitet alles da an dem Tach und dann jeht et eben los."

Genau. Achim Mentzel. Demnächst 63. Musiker, etwa im Diana Show Quartett, abjehauen, zurück gegangen, wegen Republikflucht 10 Monate Gefängnis auf Bewährung, Achim Mentzel kann sich ganz dunkel erinnern.

"Jaa. Jajaja, janz dunkel, wat Heinz Quermann mal jemacht hat, wat dann der Hartmut Schulze-Gerlach übernonnen hatte. So´n bisschen, so ne, so ne Nachwuchssendung. 150 Richtig mit ner Ansage und dann konnten die los machen."

Er, Mentzel, wurde von Heinz Quermann stets als sein unehelicher Sohn angekündigt. Aber nicht Quermann, sondern Mentzel hat ein paar uneheliche Kinder. Achim Mentzel:

"Quermann war so, er war so ein bisschen der Pappa-Typ, fand icke, er war so ein bisschen jovial und hat, na, alle fünfe auch manchmal gerade sein lassen, aber wenn er dann äh äh ernsthaft wurde, er konnte ooch mal schon mal nen lautet Wort sagen."

"Herzklopfen kostenlos" hatte ihm am Herzen gelegen. Moderator dort ist Mentzel seit den späten 90ern – auch schon wieder ein paar Jahre.

"Et sind nu schon ´n paar Jahre, ja, aber et is ja nu mal so: Einer muss ja auch n bisschen watt für´n Nachwuchs machen, es macht ja niemand mehr wat."

Keiner mehr.

"Na, kaum noch."

Denn solche Fernseh-Sendungen wie "Deutschland sucht den Superstar", quasi war "Herzklopfen kostenlos" ja der Vorläufer, solche Sendungen wie "Deutschland sucht den Superstar" also...

"Mhhhm, mhhhm, ja det is ja nu wat janz anderet, wa. Hahahaha. Det ist ja eijentlich ne janz andere Sendung, die von janz anderen, von janz andern Voraussetzungen ausgehen, also."

Damit wäre das geklärt.

"Und dann suchen die ja ooch nur in den Chargen des Jesanges und nicht, Artisten werden jar nich beachtet, Intrumentalkünstler werden auch kaum beachtet und äh det is schon n janz großer Unterschied."

Denn all das: Gesang, Artistik, Humor, Intrumentalisten, all das ist bei "Herzklopfen kostenlos" dabei. Iris Lukas, die Jurorin:

"Also wer nen schönen Sonntag-Nachmittag verbringen will, hier in unserer wirklisch historisch einmaligen Stadt, Neudtadt, auf dem Marktplatz, der sollte es nicht scheuen, den Weg hierher zu finden, ab 14 Uhr, alle herzlich eingeladen, Sie werden´s nicht bereuen."

Ricky King wird als Stargast auftreten. Der war nie bei "Herzklopfen kostenlos", konnte er nicht, früher, vor 1989, er kommt aus der BRD.

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