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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 14.01.2020

HerrschaftssicherungDas süße Gift des Lobes

Überlegungen von Gerald Hüther

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Eine Illustration zeigt eine Frau in weißem Kittel auf rotem Hintergrund, die nach einer Möhre greift, die an einer Angel befesstigt ist. (imago images/Ikon Images/Harry Haysom)
Durch nichts lassen sich Menschen besser zu gefügigen Anhängern, Unterstützern, Gefolgsleuten machen als durch Verführung. (imago images/Ikon Images/Harry Haysom)

Demokratische Gesellschaften wiegen sich in dem guten Gefühl, Unterdrückung und Gewalt überwunden zu haben. Dass von demonstrativ ausgeübter Machtpolitik heute nicht mehr viel zu sehen ist, heißt jedoch keineswegs, dass es sie nicht mehr gibt, meint Gerald Hüther.

Aus neurobiologischer Sicht gibt es für all jene Menschen, die andere zur Verwirklichung ihrer eigenen Ziele und Vorstellungen benutzen wollen, eigentlich nur zwei Strategien: die alte und oft recht brutale in Form von Bestrafung – und die in jüngerer Zeit bevorzugt eingesetzte, einfachere und perfidere Form von Belohnungen.

In den Gehirnen von Menschen, die zum Objekt dieser Abrichtungsverfahren gemacht werden, kommt es in beiden Fällen zu einer Stimulation des sogenannten Belohnungszentrums. Bei drohender Bestrafung wird es dann aktiviert, wenn es jemand geschafft hat, die angedrohten Konsequenzen durch entsprechendes Wohlverhalten, also durch Gehorsam, zu vermeiden. Bei einer in Aussicht gestellten Belohnung feuert es immer dann, wenn es durch eine eigene Anstrengung gelungen ist, die Wünsche und Erwartungen anderer zu erfüllen.

Das Belohnungsgefühl erleben die betreffenden Personen als Freude, durch die erfolgreich vermiedene Bestrafung fühlen sie sich zumindest erleichtert. Mit diesen positiven Gefühlen geht im Gehirn die Freisetzung bestimmter Botenstoffe einher, die wie Dünger als Wachstumsfaktoren auf die Nervenzellen einwirken und das Auswachsen von Fortsätzen und Kontakten stimulieren. So entsteht ein sich selbst verstärkender Prozess, denn die jeweils dabei eingesetzten Nervenzellverbindungen – und damit die durch sie gesteuerten Verhaltensweisen – werden auf diese Weise verstärkt und gefestigt.

Seine Interessen mittels Verführung durchsetzen

Über Jahrhunderte hinweg haben die Machthaber überall auf der Welt ihre Interessen durch Bestrafung, also durch alle möglichen und oft unvorstellbar grausamen Formen von Unterdrückung durchgesetzt. Aber die Androhung solcher negativen Konsequenzen ist auch heute noch immer weit verbreitet. In autoritär und autokratisch geordneten Gesellschaften sowieso. Aber auch in demokratisch verfassten Gesellschaften wird diese Strategie als Restbestand noch immer in vielen Bereichen eingesetzt, meist in Form negativer Bewertungen  und der Androhung von Sanktionen: in der Kindererziehung, in Partnerschaften, in Schulen, auch in Unternehmen und Organisationen.

Allerdings hat sich mit der Herausbildung demokratischer Gesellschaften die "Verführung" als geeigneteres Instrument zur Durchsetzung eigener Interessen bewährt: Belobigungen, Belohnungen und das In-Aussicht-Stellen persönlicher Vorteile sind hier die beliebtesten Strategien all jener geworden, die nach Einfluss und Macht, nach Anerkennung und Bedeutsamkeit, nach Reichtum und Herrschaft streben.

Durch nichts lassen sich Menschen besser zu gefügigen Anhängern, Unterstützern, Gefolgsleuten, Befürwortern und Erfüllungsgehilfen von Rattenfängern jeder Couleur machen, als durch deren möglichst geschickte Verführung. Diese Strategie erweist sich jedoch für alle, die ihr ausgesetzt sind, als äußerst tückisch.

Die Verführten bemerken die Manipulation nicht

Unterdrückte können sich ihrer eigenen Lage, ja sogar ihrer eigenen Würde irgendwann bewusst werden. Sie können sich als Subjekte, als aktive Gestalter zur Wehr setzen, sich auch mit anderen gegen ihre Unterdrücker verbünden und Widerstand leisten.

Verführte aber können all das nicht. Schlimmer noch: Ihnen ist ihre eigene Rolle als Erfüllungsgehilfen bei der Realisierung der Absichten und Ziele anderer noch nicht einmal bewusst. Sie darf Ihnen auch gar nicht bewusst werden. Deshalb wehren sie alles ab, was sie und ihre Verführer in Frage stellen könnte. Sie verehren, verteidigen und schützen sogar diejenigen, von denen sie verführt worden sind.

Denn als Verführter seine Verführer in Frage zu stellen, bedeutet ja nichts anderes, als sein eigenes Selbst- und Weltbild in Frage zu stellen. Damit würde aber so ziemlich alles, was eine solche Person erreicht hat und was ihr im Leben wichtig ist, wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen. Deshalb gibt es wohl kein süßeres Gift, um andere Menschen zu willfährigen Erfüllungsgehilfen bei der Schaffung und Aufrechterhaltung eigener Macht- und Herrschaftsbereiche zu machen. Nichts ist so gut geeignet wie dieses Gift, um die so geschaffene Welt gegen jede Form von Veränderungen abzusichern.

Der Neurobiologe Gerald Hüther, fotografiert in einem hell gestreifen Hemd vor einer grünen Hecke (Franziska Hüther)Der Neurobiologe Gerald Hüther (Franziska Hüther)Gerald Hüther ist Neurobiologe und einer der bekanntesten Hirnforscher Deutschlands. Von 2006 - 2016 lehrte er als Professor an der Universität Göttingen. 2015 gründete er die Akademie für Potentialentfaltung, die er als Vorstand leitet. Hüther ist Autor zahlreicher populärwissenschaftlicher Bücher. Zuletzt veröffentlichte er "Was schenken wir unseren Kindern? Eine Entscheidungshilfe" (mit André Stern) sowie "Würde - Was uns stark macht - als Einzelne und als Gesellschaft".

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