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Fazit / Archiv | Beitrag vom 12.06.2015

Herrndorf-Ausstellung in BerlinStochern im Nebel

Von Tobias Wenzel

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Ein Metallkreuz steht an der Stelle, an der sich der krebskranke Maler und Autor Wolfgang Herrndorf das Leben nahm (dpa / picture alliance / Stephanie Pilick)
Ein Metallkreuz steht an der Stelle, an der sich der krebskranke Maler und Autor Wolfgang Herrndorf das Leben nahm (dpa / picture alliance / Stephanie Pilick)

Wolfgang Herrndorf wurde bekannt mit seinem Roman "Tschick". Doch er war auch Maler und Zeichner. Einen Großteil seiner Bilder hat er kurz vor seinem Selbstmord zerstört, die wenigen, die erhalten sind, kann man sich jetzt anschauen.

"Wir stochern da auch ein bisschen im Nebel, weil viele der Arbeiten wissenschaftlich eigentlich gar nicht erschlossen sind."

Solch einen Satz hört man selten von Kuratoren. Jens Kloppmann will erklären, warum die von ihm kuratierte Ausstellung zu den Bildern von Wolfgang Herrndorf keine stringente Anordnung der Werke aufweist. Wie soll man zum Beispiel eine Chronologie erstellen, wenn doch Herrndorf seine Gemälde, Zeichnungen und Karikaturen in der Regel gar nicht datiert hat? Auch Titel fehlen meistens.

"Insofern geht es tatsächlich erst einmal darum, einen groben Rundumschlag zu zeigen: Was hat er gemacht? Was für Themen haben ihn umgetrieben? Das heißt aber nicht, dass das, was wir hier sehen, die besten Bilder sind, und die anderen, die nicht gezeigt werden, schlechter."

Nach dieser sympathisch ehrlichen, aber auch irgendwie verstörenden Aussage führt Jens Kloppmann durch die Ausstellung. Schnell wird klar: Das bildnerische Werk von Wolfgang Herrndorf ist äußerst disparat. Da ist das Selbstporträt aus dem Jahr 1988, dem Kurator zufolge sein bedeutendstes Werk überhaupt: der selbstbewusst wirkende Künstler in einer Froschperspektive, filigran gemalt und 17 Mal mit Firnis bedeckt. Da ist das zart und leicht wirkende Aquarell einer hügeligen Landschaft. Da sind die bitterbösen Schwarzweiß-Porträts des Sportreporters Heribert Faßbender in Hitlerposen. Da sind die religionskritischen Werke: ein Krippenbild, Josef als Brutalo und Maria, das Jesus-Kind und die Tiere mit jeweils einem blauen Auge.

Als er "Tschick" schrieb, hatte er das Malen längst aufgegeben

So unterschiedlich all das auch sein mag, es fasziniert den Betrachter, macht ihn nachdenklich oder lässt ihn laut auflachen. Ungefähr zehn Prozent der insgesamt 600 erhaltenen Werke sind in Berlin ausgestellt. Den Rest hat Herrndorf zerstört, wie wir aus seinem Blog "Arbeit und Struktur" wissen:

"Während ich mit dem Teppichmesser auf die Leinwände losgehe, sitzt C. einfach da. Verzieht keine Miene, sagt nichts, vor allem nichts Beruhigendes, wartet, bis ihre Ruhe sich von selbst auf den Rasenden zurückübertragen hat. Dann bin ich ruhig und heule ihre Schulter voll."

Das war 2012. Ein Jahr später erschoss sich Herrndorf in Berlin. 2010 war ein Hirntumor bei ihm entdeckt worden. Er stürzte sich in die Arbeit, schrieb seinen Bestseller "Tschick". Aber das Malen und Zeichnen hatte er da schon längst aufgegeben.

Und doch glaubt man den Literaten Herrndorf auch in seinen Bildern wiederzuerkennen. In seiner Kompromisslosigkeit, wie es Kurator Jens Kloppmann ausdrückte. Und sicher auch in seinem Sinn für das Detail und für die Ironie. Wer die Zeichnung "Der Beweis, daß es Gott nicht gibt: Hamster im Schraubstock" betrachtet, muss einfach an Maiks skurrilen Humor im Roman "Tschick" denken. Und das düster daher kommende Bild einer Landstraße mit dem Titel "Macht einem manchmal Angst: die Natur" erinnert an die bedrückende Stimmung des nihilistischen Romans "Sand".

Herrndorf liebte die Alten Meister

Hinzu kommt die Zitierfreude Herrndorfs beim Schreiben und Malen. Er liebte die Alten Meister. Ihre Werke hängen an den Wänden in seinen Gemälden. Oder aber Herrndorf malte in ihrem Stil. Mal trieb er auf diese Weise eine Sau durch die Kunstgeschichte, mal Helmut Kohl, den er unter anderem im Stile von Lucas Cranach dem Älteren porträtierte. Die Provokation nahm aber eine seltsame Wendung, wie Ernest Wichner, der Leiter des Berliner Literaturhauses, berichtete:

"Das hat Carola Wimmer, die Witwe von Wolfgang Herrndorf, uns erzählt: dass das Kanzleramt damals diesen Katalog offenbar massiv aufgekauft hat. Offenbar ist der dort damals gerne verschenkt worden, als Gastgeschenk benutzt worden. Und Kohl muss das sehr gemocht haben."

Ob Wolfgang Herrndorf das wiederum komisch fand? Und was er wohl zu seiner eigenen ersten Ausstellung gesagt hätte? Wäre sie ihm auch zugleich faszinierend und disparat vorgekommen? Ihm, der laut Kurator Jens Kloppmann einen fast schon reaktionären Kunstbegriff hatte.

"Das 20. Jahrhundert findet in seiner Welt überhaupt nicht statt. Seine Heroen sind Vermeer, Frans Hals, Raffael. Auch als Student. Wenn man als junger Mensch Kunst studiert, dann will man eigentlich sofort Avantgarde sein, da will man eine eigene Handschrift etablieren, da möchte man erkennbar sein. Und erkennbar ist er ja eigentlich auf den ersten Blick gar nicht so sehr."

Die Ausstellung ist bis zum 16. August im Literaturhaus Berlin zu sehen. 

Mehr zum Thema:

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