Mittwoch, 20.03.2019
 

Fazit | Beitrag vom 12.03.2019

Hermann Nitsch im Lechner-Museum IngolstadtKunst mit Blutorgien

Von Tobias Krone

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Hermann Nitsch, mit Vollbart und Hut, sitzt vor einer roten Wand und unterhält sich mit dem Fotografen. (Werner Huthmacher, Berlin)
Hermann Nitsch zeigt sein Gesamtkunstwerk nun in Ingolstadt. (Werner Huthmacher, Berlin)

Provokante Kunst-Performances mit Blut: Fürs Museum hat der Wiener Künstler Hermann Nitsch seine Aktionen nicht gemacht. Trotzdem wagt das Lechner-Museum Ingolstadt nun einen Versuch - und beginnt mit einem schonenden Einstieg.

Der Vater der Performance-Kunst bewegt sich kaum. Hermann Nitsch,  schwarzer Hut, Rauschebart, und weinrote Hosenträger über dem fülligen Bauch, ist aufgepflanzt auf einem Stuhl mitten im riesigen Ausstellungsraum – wie eine Performance seiner selbst. Und gibt dann gleich einmal zu: Fürs Museum hat er seine Kunst nicht gemacht.

"Eine Ausstellung ist immer die Dokumentation einer Aktion. Aber viel wichtiger ist, bei einer Aktion tatsächlich teilzunehmen."

Blut-Rot an den Wänden

Das Blut-Rot trieft scheinbar in Kaskaden von den Wänden, gespritzt, geschüttet, verschmiert auf großen Leinwänden. Immer wieder stehen da Altäre, darauf Monstranzen und Priestergewänder - die Utensilien, die der Künstler Hermann Nitsch seit Jahrzehnten für seine "Aktionen" verwendet, seine blutigen Gottesdienste, der Existenz geweiht.

Hier im Lechner-Museum Ingolstadt zeigt der 80-Jährige nun sein Werk im Museum, er, der die Malerei eigentlich nur im Akt des Malens selbst sieht. Nitschs Werke oder Relikte im Museum zu betrachten – das ist eigentlich ein Widerspruch in sich. Dennoch:

"Da ist quasi die Erregung des Malers seismografiert."

Kunst als Spur des Unbewussten, das im Schütten der Farbe zum Sein gelangt – und oft ist es nicht nur Farbe, sondern vor allem echtes Blut.

Seine Gegner: Tierschützer und die Kirche

Seit Ende der Fünfzigerjahre führt Hermann Nitsch seine Orgien-Mysterien-Spiele auf. Während dieser Aktionen weiden Schauspieler geschlachtete, oft gekreuzigte Tiere aus. Was Tierschützer wie die Kirche seit Jahrzehnten gegen ihn aufbringt - und immer wieder Menschen fasziniert. Wie den Kurator der Ausstellung Michael Karrer.

"Szenarien, wenn das Blut in den Mund geschüttet wird und den nackten Körper hinuntergleitet … Es geht nicht darum, dass man den Ekel wegleugnet, sondern dass man den Ekel aufzeigt. Dass man diese unglaubliche Energie, die in solchen Situation gegeben ist, aufzeigt. Es sind Feste, berauschende Momente dabei, also ein Kalt-Warm, ein Für-Wider. Ein ganz intensives Erlebnis. Wenn man das einmal so mitempfunden hat, macht’s auch süchtig."

"Wir leiden alle sehr unter Verdrängungen. Die Zivilisation verbietet uns vieles, auch die Religion und die Ethik. Wir haben mehr Energie zur Verfügung, als wir ausleben können. Und ich möchte, dass durch meine Kunst verdrängte Bereiche nach außen gelangen."

"Ich möchte durch meine Arbeit in das Sein eindringen"

So archaisch die Riten wirken, so streng sind sie durchchoreografiert. Von der Musik bis zu verwendeten Gerüchen wird bei Nitsch alles zuvor notiert und in einer Farb-Klang-Gestank-Symphonie aufgeführt.

In seiner Werkschau haben die Ausstellungsmacher die Elemente zum besseren Verständnis getrennt. So lassen sich in einem olfaktorischen Regal Düfte wie Wein oder vergorene Milch erschnuppern. Es ist der sinnliche Zugang zu Hermann Nitschs Existenzphilosophie.

"Ich möchte durch meine Arbeit in das Sein eindringen."

Eindringen muss man denn auch tief in die Ausstellung, ehe im hintersten Raum die Fotos der Orgien zu sehen sind. Viel nacktes Menschenfleisch, viel Blut – und Traubenmost, der über Brüste rinnt. Tiergedärm, das aus menschlichen Bäuchen scheinbar herausquillt.

Frage an Hermann Nitsch: Um konsequent zum Sein zu finden, müsste der Mensch nicht vollständig zum Tier werden?

"Leider kann er das gar nicht."

Auf einer Leinwand hängt ein weißes Hemd. Die gesamte Leinwand, wie auch das Hemd sind über und über mit roter Farbe bespritzt. Es mutet an wie Blut. (Atelier Hermann Nitsch)Hermann Nitsch "Schüttbild mit Malhemd" ist auch in der Ausstellung zu sehen. (Atelier Hermann Nitsch)

Die Aktualität des Nitsch-Kultes erklärt sich Kurator Michael Karrer so: 

"Bei den anderen in seinem Alter hat man dieses Werk schon - wenn man so will - verstanden, gegessen. Hier reibt es immer noch."

Bis heute kommen zu Nitschs Blutorgien begeisterte Kunstjünger, um es mitzuerleben, wenn aus Kunst ein Gottesdienst der Diesseitigkeit wird - und der Künstler zu deren Priester. Schlicht aus dem Grund, so Nitsch: "Weil es die Politiker nicht können."

Wie sich ein Hermann Nitsch das Sein nach dem Tod vorstellt? Ganz nach Nietzsche als eine ewige Wiederkehr. So wie der Wein jeden Sommer reift - und jeden Herbst vergoren wird.

"Es stirbt nur etwas Einzelnes, aber das Ganze ereignet sich immer wieder."

Reporter: Ist es tröstend auch?

"Es ist so. Und wenn Sie das als tröstend bezeichnen, sage ich nicht, Sie haben Recht. Aber - man könnte es so meinen. Ich würde sagen: Es ist so. Und das ist die frohe Botschaft."

Die Ausstellung über das Gesamtkunstwerk von Hermann Nitsch ist vom 16. März bis 23. Juni 2019 im Lechner-Museum Ingolstadt zu sehen.

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