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Lesart | Beitrag vom 20.04.2019

Hermann Kurzke über seinen Vater "Das Dritte Reich – es liebte dich"

Hermann Kurzke im Gespräch mit Florian Felix Weyh

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Hermann Kurzke, ein älterer Herr mit Brille, lacht freundlich in die Kamera. (picture alliance/dpa/Fredrik Von Erichsen)
Hermann Kurzke schrieb ein Buch über seinen Vater, der zwölf Jahre als Rüstungsexperte für dier Nationalsozialisten arbeitete. (picture alliance/dpa/Fredrik Von Erichsen)

In seinem neuen Buch thematisiert der Literaturwissenschaftler Hermann Kurze die Rolle seines Vaters im "Dritten Reich", für das er als Rüstungsforscher tätig war.

Florian Felix Weyh: "Er ist mir fremd, dieser Torpedoreiter, dieser piezoelektrische, Salzvater, dieser Bombenzündervater, dieser Knallfeld- und Mündungsblitzmesser, auch dieser Alkali-Halogenet-Kristalite-Blauschriftvater", schreibt Hermann Kurzke über seinen Vater Herbert Kurzke. Auch wenn man es auf Anhieb vermutlich gar nicht versteht, was der Vater dieser Beschreibung nach ist - Literaturwissenschaftler, Theologe, wie sein Sohn, wird er jedenfalls nicht gewesen sein -, darüber kann uns Hermann Kurzke jetzt selbst aufklären.

Herr Kurze, der Fall ihres Vaters war, ich zitiere noch mal: "der gute Mensch im NS-Staat, der anständige Mann unter Hitler. Er gab sich Mühe, aber gerade das war falsch." Wobei gab sich ihr Vater Mühe?

Kurzke: Er hat versucht, das zu tun, was er für seine Pflicht hielt, und er hat kurioserweise schon vor Hitler angefangen, in einer Abteilung geheim Rüstungsforschung zu machen. Dann haben ihn die Nazis übernommen. Er blieb zwölf Jahre als Pyhsiker in der Rüstungsforschung. Aber er war nicht in der Partei, was auch zeigt, dass er im Grunde ein unpolitischer Mensch war.

Weyh: Nun ist die Geschichte dieses Materials ja einigermaßen ungewöhnlich. Ihr Vater starb 1982, das ist 37 Jahre her. Dann hinterließ er Hinterlassenschaften, Dokumente, wie auch immer, und Sie fangen fast 35 Jahre später, im Alter von 72 Jahren – so alt war Ihr Vater, als er starb – damit an, sich damit zu beschäftigen. Warum so spät?

Kurzke: Ich habe anfangs nichts gewusst, wie heiß dieses Material war. Ich wusste zwar, dass da was ist, aber ich habe es nicht für so wichtig gehalten. Es stellte sich dann heraus, dass eine Menge Nazi-Akten da waren, also auch Listen seiner wehrphysikalischen Projekte, interessanterweise auch übrigens Listen, die er für die Amerikaner machte. Nach dem Untergang Hitlers wollte er sich nämlich den Amerikanern als Rüstungsexperte anbieten. So schrieb er 1946 eine 160 Positionen umfassende Liste von wehrphysikalischen Projekten.

Von Seniettensalz und Piezoelektrizität

Weyh: Da waren unter anderem, um das mal aufzuklären, "Seniettensalzvater", da geht es um piezoelektrische Vorgänge. Da waren Bombenzünder dabei, die verzögert zünden und Schiffskörper durchschlagen können.

Kurzke: Ja. Zündungen waren das Spezialgebiet meines Vaters und genau zu messen, was passiert, wenn man zum Beispiel ein Schiff untergehen lassen will. Also an welcher Stelle muss die Zündung erfolgen, damit man auch noch die stärkste Panzerung durchschlägt. Da gab es sehr genaue Überlegungen.

Weyh: Ihr Buch ist in mehrfacher Weise ungewöhnlich. Ein emeritierter Professor für Literaturwissenschaft und Theologe zugleich, der sich mit Physik beschäftigt und uns über mehrere Seiten über Rüstungsforschung hinweg sehr, sehr detailliert erklärt, wie ein Bombenzünder funktioniert. Wie war das für Sie? Warum haben Sie das genau angeschaut?

Kurzke: Ich wusste ja immer, dass mein Vater Physiker ist. Ich habe mich immer, schon während der Schulzeit, bemüht, ein gutes Verhältnis zur Physik zu haben und das zu verstehen. Andererseits wurde ich Theologe, mein Vater aber war fromm und gläubig. Das war ich in dem Sinne nie. Ich war immer ein kritischer Theologe, der wissen wollte, wie funktioniert das, wozu dient das. Bei meinem Vater wollte ich auch wissen, wozu die Frömmigkeit im Verhältnis zur Wehrphysik, zur Rüstungsforschung diente. Ich habe mich bemüht, ziemlich sorgfältig herauszufinden, wie beides zueinander passte.

Weyh: So sorgfältig, dass Sie anfangen, ein Rollenspiel zu machen. "Für mich persönlich", Zitat, "war 1933 ein glänzendes Jahr." Das lassen Sie als Ich-Prosa Ihren Vater in einem Dialog mit ihm sagen. Diese Dialoge durchbrechen immer wieder den sachlichen Erzähltext. Das hat eine sehr hohe Intensität und Intimität, was Sie da geschrieben haben. Warum machen Sie das?

Kurzke: Es war mir wichtig, den Vater zum Sprechen zu bringen, das zu tun, was er in seinem Leben nicht tat. Ich glaube, ich kannte ihn gut und bin ihm ähnlich. Außerdem hatte ich gute Quellen. Ich hatte die Listen der wehrphysikalischen Projekte, ich hatte sehr viele ausführliche Dinge im Reichspatentamt, ich habe Archive untersucht und erstaunlich viele Dokumente gefunden, die sehr wahrscheinlich tatsächlich von seiner Hand sind, sodass ich nicht etwa irgendwas x-beliebiges erfunden habe, sondern diese Dinge haben alle eine hohe Plausibilität und eine hohe dokumentarische Echtheit.

Dazugehören, ohne innerlich dazuzugehören

Weyh: Auf der Sachebene. Aber wir sprechen ja auch über Ihre Einfühlung. Die ist wirklich verblüffend. Da gibt es eine kurze Dialogpassage, da lassen Sie ihren Vater sagen: "Ganz so übel ist meine Nazi-Bilanz nicht, ich führe mein Leben im Großen und Ganzen vergleichsweise in Ordnung." Sie sagen dann: "Dann reden wir aneinander vorbei, ein solcher Satz hätte nicht fallen dürfen." Gleichzeitig ist ja dadurch, dass Sie den Satz erfinden, auch eine gewisse Identifikation mit dem Vater da als Opportunist in dieser Lage.

Kurzke: Ich bin Literaturwissenschaftler und habe mich viel mit der Literatur der Nazi-Zeit und mit der Literatur der inneren Emigration beschäftigt. Da gibt es viele Ähnlichkeiten mit meinem Vater. Er musste ja dazugehören ohne eigentlich innerlich dazuzugehören. Innerlich war er vor allem katholisch, aber er dachte, er muss diesem Staat, dieser Obrigkeit gehorchen.

Weyh: "Vielleicht liebtest du", sagen Sie zu ihm, "das Dritte Reich nicht, aber es liebte dich."

Kurzke: Ich glaube, er hat über das "Dritte Reich" nicht gewusst, was wir wissen. Ich glaube, er hat das nur als einen Staat genommen, der nach der Weimarer Republik, die er mit vielen anderen für gescheitert hielt, wieder Ordnung schuf und den Staat so einstellte, dass man wieder mal wusste, wo es langgeht.

Im Hintergrund stehen und nur von Gott gesehen werden

Weyh: Er hatte  übrigens ein Karfreitagsritual: Am Karfreitag besuchte er viele Kirchen und Sie sagen, er stellte sich dort für ein paar Minuten neben die Orgel. Was ist das denn?

Kurzke: Er wollte bescheiden sein. Er stand ganz hinten neben der Orgel. Er war nicht sichtbar. Er wollte kein Christ sein, der sich zeigt und der vorne steht, sondern er wollte bescheiden im Hintergrund stehen und dort nur von seinem Gott gesehen werden.

Weyh: Diese Bescheidenheit ist ja gleichzeitig auch die Unauffälligkeit des Opportunisten. Ist Bescheidenheit auch manchmal eine Sünde?

Kurzke: Ja, das würde ich so sagen. Aber ich glaube, ein solcher Gedankengang wäre ihm völlig fremd gewesen. Das ist etwas, was wir seit der Studentenbewegung gelernt haben.

Weyh: "Im Gebet sich versammeln", schreiben Sie, "ist sein Ich wiederherstellen, auch im Schlimmsten. Die Religion diente dazu, das Ich zusammenzuhalten, die Identität zu bewahren. Wer römisch-katholisch ist, ist etwas, ist nicht nichts." Das ist ja ein sehr massiver Vorwurf - eigentlich auch über die Rolle der Kirche.

Kurzke: Ja, wir vermissen ja alle, dass eine so große Macht wie die katholische Kirche nicht stärker als Widerstandsmacht zu erkennen war. Stattdessen hatte sie 1933 als erstes ein Konkordat mit Hitler gemacht. Was sollten die Leute denken. Die Leute dachten sich: 'Ja, Rom, der Papst ist voll auf Seiten Hitlers, und Hitler war ja bekanntlich auch katholisch und hat von der katholischen Kirche viel gelernt.' Seine Propagandatheorie hat ja dazu gewisse Beziehungen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Hermann Kurzke: "Was mein Vater nicht erzählte. Geschichte eines Mitläufers"
C.H.Beck, München 2019
239 Seiten, 24,95 Euro

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