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Fazit | Beitrag vom 09.03.2019

"Herero_Nama – A History of Violence“ am Schauspiel KölnReflexionstheater auf hohem Niveau

Von Christiane Enkeler

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Israel Kaunatjike (Mitte), Talita Uinuses und Israel Kaunatjike (Video) in "Herero_Nama - A History of Violence" von Nuran David Calis am Schauspiel Köln. (David Baltzer)
Israel Kaunatjike (Mitte), Talita Uinuses und Israel Kaunatjike (Video) in "Herero_Nama - A History of Violence" von Nuran David Calis am Schauspiel Köln. (David Baltzer)

Die Debatte um geraubte Kulturgüter hat die Bühne erreicht: Nuran David Calis widmet sich am Schauspiel Köln der deutschen Kolonialgeschichte und dem Völkermord an den Herero und Nama. Es war ein anstrengender, aber beeindruckender Abend.

Immer im Wechsel setzen sich die Darsteller nach vorn an den kleinen Tisch. Dort fängt eine Kamera sie ein und zieht das Bild groß auf die Bühne, wie sie in kaiserlicher Uniform als Kolonialsoldaten Briefe vorlesen, in denen bürokratisch darüber verhandelt wird, wie man Nama und Herero in Namibia am besten züchtigen kann. Mit weißen Masken, die sie sich auf den Scheitel setzen und dann den Kopf senken, um sich dem Text zuzuwenden, sehen ihre Gestalten aus wie groteske Geister einer vergangenen Zeit: gruselig.

Durch langsame Bewegungen in weißen Kutten, in denen sie an Mönche erinnern, oder in einem schwarzen Kolonialzeit-Kleid, vor allem aber mit ihren verdrehten Gliedern und unpassenden Proportionen, verfremden die Darsteller des Schauspiels Köln in Nuran David Calis' neuem Stück "Herero_Nama. A history of violence" das Menschliche.

In der Tat wird am Ende des Abends offen sein, wie weit uns Menschlichkeit bringt bei einem Thema wie "Genozid". Das ist nicht darstellbar und wird hier auch nicht versucht.

Aktivist für jede Bevölkerungsgruppe auf der Bühne

Stattdessen steht für jede Bevölkerungsgruppe eine Aktivistin, ein Aktivist auf der Bühne, und zusammen mit zwei weiteren People of Color, einer freien Schauspielerin und einem Kulturanthropologen und Performer, erzählen zwei Darsteller aus dem Ensemble die Geschichte von den ersten Besuchen europäischer Missionare im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts an bis ins heutige Afrika und Europa.

Das Dokumentartheater - eher eine Art Lecture Performance - gerät dabei immer mehr zur Reflexion, bis am Ende das Gespräch über Darstellbarkeit und Rassismus die Bühne bestimmt. Vom düsteren Guckkasten weitet sie sich zur offenen Diskussionsfläche. Das Publikum wird immer mehr... nicht einbezogen, aber bedacht.

Wem erzählen wir diese Geschichte wie und warum, fragt das Ensemble.

Genau das ist tatsächlich die Frage.

Weil fast niemand etwas zur deutschen Kolonialherrschaft in Namibia in der Schule gelernt hat, muss im ersten Drittel des Abends erst mal davon berichtet werden. Von der Rheinischen Mission in Namibia und auch von ihrer Rolle, als nach einem Aufstand der Herero und Nama 1904 General von Trotha den Vernichtungsbefehl gibt. Davon, dass die wenigen übrig gebliebenen Nama und Herero in Konzentrationslagern gesammelt werden und viele dort sterben. Frauen müssen Schädel abkochen und mit Scherben reinigen - Material für Mengele und Fischer, um zum Thema "Rasse" zu "forschen".

Talita Uinuses aus Namibia nimmt das sichtlich mit. Ganz anders steht sie da, als sie von ihrem Chief erzählt, Hendrik Witbooi, der schon 1892 einen Brief an einen Freund geschrieben hatte: Er möchte nicht, dass man den Weißen Land von seinem Land gebe. Denn anders als die Nama regelten die Weißen die Verfügung über Ressourcen nicht in Frieden.

Yuri Englert, Israel Kaunatjike, Talita Uinuses, Julian Warner und Stefko Hanushevsky in "Herero_Nama - A History of Violence" von Nuran David Calis am Schauspiel Köln. (David Baltzer)Yuri Englert, Israel Kaunatjike, Talita Uinuses, Julian Warner und Stefko Hanushevsky (v.li.) in "Herero_Nama - A History of Violence" von Nuran David Calis am Schauspiel Köln. (David Baltzer)

Es ist ja nicht so, als habe es vor der Kolonisation keine Strukturen im Land der Nama gegeben. Damit sind wir schon in der Gegenwart und bei einem Interview, das Günter Nooke, Afrika-Beauftragter der Bundesregierung, gegeben hat. Dort vertritt er die Auffassung, die Kolonialzeit habe auch "dazu beigetragen, den Kontinent aus archaischen Strukturen zu lösen". Was bitte, fragt Talita Uinuses, haben die Europäer gebracht im Gegensatz zu dem, was sie genommen haben. Und der Herero Israel Kaunatjike legt der Bundeskanzlerin die sofortige Entlassung von Nooke nah.

Das ist nur der Einstieg zum dritten und letzten Teil des Abends, in dem die Themen nach der geschichtlichen Darstellung und der Darstellung der Bürokratie im Kaiserreich geradezu explodieren, jetzt, hier, in unserer Gegenwart.

Natürlich geht es auch um den Begriff "Genozid"

Es geht um Artefakte und Kunst und auch die Schädel, eben darum, was wo in welchem Museum liegt. Es geht um Nationalismus und Mythisierung durch mögliche Museen auch in Namibia, um das Verhältnis der Herero und Nama zur namibischen Regierung, um das Verhältnis der Deutschen zur namibischen Regierung und zu den Nama und den Herero, um Entwicklungshilfe und ihre Wirksamkeit. Darum, ob das Nachfühlen (-lassen) eine Aneignung ist, die die schiefen Machtverhältnisse nur wiederholt und überhaupt nicht möglich ist. Darum, wie das Denken in Gang gesetzt werden kann. Natürlich geht es auch um den Begriff und die Definition "Genozid".

Und darum, ob man sich nicht besser grundsätzlich mit einem gesellschaftlichen Klima beschäftigt, in dem solche grauenhaften Taten überhaupt möglich sind.

Julian Warner will auch weg vom projektiven Vorwurf "Rassist" nach außen und hin zu einer "Tiefenstruktur" des Rassismus überhaupt, psychologisch und institutionell.

Die Schauspielerin Shari Asha Crosson erzählt, wie sie in einer Spielzeit drei Angebote für Jim Knopf erhält und schon auf der Schauspielschule überlegt, wie man wohl "weiß" spielt.

Es ist elektrisierend, wie viele Punkte das Ensemble zusammengetragen hat, wie sehr die Diskussion hin und her wogt und wie aufreibend der Probenprozess gewesen sein muss - Diskussionen wurden aufgezeichnet, transkribiert und eingebaut. Eben weil sich eine gefühlige Darstellung des Völkermords verbietet und man alle diese Aspekte nicht ausklammern kann, gehören sie unbedingt dazu und machen auch eine Qualität des Abends aus.

Aber die Frage bleibt: Wem erzählt man wie diese Geschichte?

Selbst wer auch etwas detaillierter wusste, was in Namibia Anfang des 20. Jahrhunderts passiert ist, muss erst verdauen, was er da hört und sieht. Das ist Arbeit und sie braucht Zeit. Der Sprung in die Gegenwart, die Zusammenhänge zu reflektieren und dann - wie auch immer - möglicherweise aktiv zu werden, sind ein zweiter, dritter, vierter Schritt. Auf der Bühne wird diskutiert, auch kontrovers.

Die aktivistischen Forderungen von Talita Uinuses und Israel Kaunatjike stehen zwar am Ende, aber viele im Publikum werden da immer noch mit Sortieren beschäftigt sein und auch damit, die ein oder andere Position überhaupt zu verstehen. Das Niveau ist hoch. Mehr als zwei Stunden lang, ohne Pause.

Nuran David Calis und sein Team zeigen einen Abend, zu dessen Konzept es gehört, dass es nicht aufgeht. Das ist gut so. Unsere Gesellschaft muss sich mit diesem Teil der Geschichte und mit ihren Zusammenhängen in der Gegenwart beschäftigen. Mit den Menschen, mit denen wir unsere Identität eng verknüpft haben. Und weiter verknüpfen. Ein Gewinn dieser Inszenierung ist aber vor allem, dass sie zeigt, dass und wie wir uns - entspannt - zusammensetzen und auch erst mal zuhören können.

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